Der Teamplayer und seine Herde

25. September 2014, 16:41
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Heinz Kuttin ist der neue Cheftrainer der Skispringer. Er möchte die Tradition des Siegens fortsetzen. Thomas Morgenstern wird keine Beiträge mehr liefern, er gibt nämlich seinen Rücktritt bekannt

Wien - Heinz Kuttin hat einen wichtigen Termin. Der 43-Jährige wird am Freitag um zwölf Uhr im Salzburger Hangar 7 neben Thomas Morgenstern sitzen, seinen Worten lauschen, Wehmut empfinden. Und er wird den "Morgi" würdigen, ihm "alles Gute" wünschen, danach nach Hinzenbach zum Sommer-GP fahren. Der neue Cheftrainer der Skispringer darf nicht offiziell bestätigen, dass Olympiasieger Morgenstern zurücktritt. Er sagt dem Standard, "dass man ja nur eins und eins zusammenzählen braucht".

Vor einer Woche hat Morgenstern das Training in Stams und Innsbruck ziemlich spontan abgebrochen. "Er ist zwar von den Schanzen gesprungen, er hatte aber ein schlechtes Gefühl dabei." Man könne es als Angst bezeichnen, "aber das soll er selber beschreiben". Immer wieder haben die beiden Kärntner in die Tiefe gehende Gespräche geführt. Die fürchterlichen Stürze in der Vorsaison, beim Fliegen am Kulm hatte Morgenstern ein Schädel-Hirn-Trauma und eine Lungenquetschung erlitten, wurden thematisiert. "Einmal war Thomas optimistisch, dann wieder pessimistisch. Klar war, dass er die Entscheidung letztendlich allein treffen musste." Ohne vorgreifen zu wollen, sagt Kuttin: "Er hat weise und mutig entschieden." In einem gewissen Alter, Morgenstern wird 28, "kommt die Unbekümmertheit, die man unbedingt braucht, nicht mehr so leicht zurück. Vor allem nach solchen Erlebnissen. Er hat den Kulm ja nur knapp überlebt."

Großartige Erfolge

Kuttin wurde im April zum Cheftrainer der österreichischen Skispringer bestellt. Die Ära Alexander Pointner wurde nicht zuletzt von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel nach zehn Jahren beendet. Kuttin sagt über seinen Vorgänger wenig bis nichts. "Das gehört sich nicht, es soll ja ein Neubeginn sein. In seine Amtszeit fielen tolle Erfolge. Die Kontinuität des Siegens war beeindruckend." Wobei gewisse Auflösungs- und Abnützungserscheinungen "nicht zu leugnen waren. Die Erwartungen wurden nicht mehr erfüllt. Aber ich habe keine Baustelle vorgefunden." Er, Kuttin, sei stolz und demütig, diesen Job bekommen zu haben. "Es ist eine Ehre. In unserem Bereich gibt es keine größere Aufgabe."

Kuttin sieht sich nicht als Chef, sondern als Trainer, "der nahe bei den Athleten dran ist. Ich bin ein absoluter Teamplayer, lehne es ab, ein eigenes Süppchen zu kochen. Es geht immer nur gemeinsam. Wir alle müssen das Skispringen nicht predigen, sondern leben." Selbstverständlich seien Top-Athleten Individualisten, bisweilen Egoisten. "Ein Haufen von Alphatieren. Trotzdem gehören wir zusammen. Erst wenn einer oben am Balken steht, darf und muss er an sich denken. Da geht es nur um seinen Erfolg."

Ein absolutes Alphatier ist Gregor Schlierenzauer. Der Tiroler gilt ein bisserl als Eigenbrötler, musste lernen, mit Niederlagen umzugehen, was ihm durchaus schwergefallen ist. Kuttin hat einen anderen Schlierenzauer kennengelernt. "Er fügt sich hervorragend ein, ist bescheiden. Abgesehen davon ist es fantastisch, was der Mann geleistet hat." Thomas Diethart hat zum Erstaunen der Branche sozusagen aus dem Nichts die Vierschanzentournee gewonnen. Danach ist er zwar in kein Loch gefallen, allerdings schaffte er es nicht zum Seriensieger. Kuttin: "Er muss sich stabilisieren, ruhig bleiben. Gelingt das, hat er das Zeug zum Alphatier."

Das Recht der Alten

Zu Kuttins aktiver Zeit, er selbst wurde 1991 Weltmeister von der Normalschanze, bestand die Herde aus Ernst Vettori, Andreas Felder, später ist Andreas Goldberger dazugestoßen. "Wir waren unterschiedliche Typen, aber es hat funktioniert." Österreich müsse die Springernation Nummer eins bleiben. Dazu sollen auch die Evergreens Wolfgang Loitzl und Andreas Kofler Beiträge liefern. "Ist ein Junger besser als ein Alter, kriegt er eine Chance. Aber solange die Alten ihr Leistungen bringen, haben sie alle Rechte." Erfolge könne man nicht unbedingt an der Zahl der Siege messen. "Erfolg ist dann gegeben, wenn am Ende jeder Einzelne sagt: Das war gut."

Am Freitag wird Kuttin neben Morgenstern sitzen. "Ein großartiger Mensch, ein großartiges Alphatier. Es muss und wird auch ohne ihn gehen." (Christian Hackl, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Der Kärntner Heinz Kuttin sehnt den Schnee herbei. Der neue Cheftrainer der österreichischen Skispringer empfindet "Demut und Stolz", möchte an die Erfolge seiner Vorgänger anschließen. Auf die Dienste von Thomas Morgernstern wird er nicht mehr zurückgreifen können.
    foto: apa/eggenberger

    Der Kärntner Heinz Kuttin sehnt den Schnee herbei. Der neue Cheftrainer der österreichischen Skispringer empfindet "Demut und Stolz", möchte an die Erfolge seiner Vorgänger anschließen. Auf die Dienste von Thomas Morgernstern wird er nicht mehr zurückgreifen können.

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