Schrift in der Stadt: Bildband und Feuermauer als typografische Museen

Ansichtssache26. September 2014, 05:30
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Ein Verein und ein Grafikdesigner wollen historische Schriftzüge bewahren und wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückbringen: in den öffentlichen Raum

Wien - Es sind die hinter historischen Fassadenbeschriftungen verborgenen Familien- und Stadtgeschichten, für die sich Birgit Ecker und Roland Hörmann begeistern. Die beiden gründeten deshalb 2012 den Verein "Stadtschrift": Die obsolet gewordenen Geschäftslokalaufschriften gäben der Stadt eine Identität und müssten erhalten werden, sind die beiden überzeugt. Sie nur zu sammeln und so vor dem Müllcontainer zu bewahren ist ihnen deshalb zu wenig, sagen die beiden im Gespräch mit derStandard.at. Sie wollen die aus Metall, Glas und Neonröhren gestalteten Schriftzüge dem öffentlichen Raum zurückgeben.

Mauerschau

Diesem Ziel sind sie nun einen Schritt näher gekommen. Am Donnerstagabend eröffneten sie die erste "Stadtschriftmauerschau": 13 der typografischen Sammlerstücke wurden für die Schau an der Feuermauer des Sperlgymnasiums in Wien-Leopoldstadt montiert. Leitthema ist das sich verändernde Kaufverhalten: Elektro, Möbel, Lebensmittel stand einst über den Geschäften geschrieben, anstelle der Namen großer Ketten. Der älteste der restaurierten Schriftzüge ist um 1920 in Verwendung gewesen, der jüngste stammt aus den 1970er-Jahren.

Typografiemuseum

Der Traum der Vereinsgründer: ein "dezentrales Typografiemuseum", also viele Feuermauern, die den nostalgischen Stadtschriften noch lange als Ausstellungsflächen dienen. Die erste Mauerschau wird mindestens ein Jahr lang zu sehen sein; so lange gilt die Nutzungsbewilligung für die Mauer. Die Chancen auf eine Verlängerung stehen aber gut, und Ausstellungsobjekte gäbe es genug, sagen Ecker und Hörmann. Neben ihren eigenen Stücken dürfen sie auch auf die Sammlungen zweier weiterer Typografie-Liebhaber zurückgreifen.

Bildband

Volker Plass - Grafikdesigner und Bundessprecher der Grünen Wirtschaft - hat sich dem Thema auf andere Art gewidmet. Er fotografierte alte Schriftzüge und versammelte sie in seinem kürzlich erschienenen Bildband "Stadtschriften. Was über Geschäften einst geschrieben stand" (Metroverlag, 19,90 Euro).

Der Band zeigt eine Auswahl an Motiven aus einer Sammlung von insgesamt mehr als 13.000 Fotos, die Plass über vier Jahre in Städten wie Wien, Graz, Berlin und München aufnahm. Auf genaue Ortsangaben verzichtete er im Bildband aber bewusst - um die nostalgischen Objekte vor professionellen Sammlern und Dieben zu schützen. Wie Ecker und Hörmann geht es auch ihm darum, die Beschriftungen an ihrem Fundort im öffentlichen Raum zu bewahren, erklärt er im Gespräch mit derStandard.at. Vom Auto abgesehen, habe nichts den städtischen Straßenraum so sehr verändert wie das Verschwinden alter Geschäfts- und Firmenaufschriften, schreibt Plass in der Einleitung zu seinem Fotoband.

Konsumverhalten

Grund für das Verschwinden sei nicht nur das veränderte Konsumverhalten - das auch Ecker und Hörmann mit ihrer ersten Mauerschau thematisieren -, sondern auch die Renovierung alter Hausfassaden, aber auch das "fehlende typografische Bewusstsein" der Geschäftsbetreiber: Einfach verfügbare Grafik-Software, günstige Plastikbuchstaben oder schnelle Alternativen wie aufspannbare Transparente führten laut Plass zum Ende der Typografie.

Szene

Mit dem Bedürfnis, sie zu erhalten, steht er aber nicht alleine da. Der Wiener Verein "Stadtschrift" ist nur eines von vielen Beispielen einer immer größer werdenden Szene, die sich dem Thema Schrift in der Stadt verschrieben hat. Einen Bildband mit dem Titel "Stadtalphabet Wien" publizierte schon 2009 der Linzer Grafikdesigner Martin Ulrich Kehrer. Aus seiner 3.000 Abzüge umfassenden Fotosammlung von Beschriftungen aus allen 23 Wiener Bezirken resultierte eine gleichnamige Ausstellung im Wien-Museum. Am 3. Oktober im Rahmen der Vienna Design Week findet ebenfalls im Wien-Museum eine Veranstaltung zum Thema "Schrift in der Stadt" statt. Typografische Gesellschaften, das Berliner Buchstabenmuseum oder die Webseite www.typemuseum.com, eine Art Online-Typografie-Museum, sind weitere Bespiele für die mit der Thematik verbundenen Faszination.

Stadtgeschichten

Bevor Birgit Ecker und Roland Hörmann die Möglichkeit bekamen, eine Feuermauer zu gestalten, stellten sie einige ihrer Sammlerstücke im "Treffpunkt Lerchenfeld" aus: Dort machten sie die Erfahrung, dass sich Besucher - ob jung oder alt - durch die Schriftzüge an "Geschichten mit ihrer Stadt" erinnert fühlten. Mit der simplen "Erinnerung an die gute alte Zeit" begründet Volker Plass die Begeisterung der Menschen für die Aufschriften. (Christa Minkin, derStandard.at, 26.9.2014)

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foto: klaus pichler/verein stadtschrift
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