Barocke Sensation und Sinnlichkeit

25. September 2014, 17:14
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Das Brüsseler Museum Bozar zeigt den Einfluss des flämischen Barockgiganten Peter Paul Rubens auf andere Künstler. Mehr als 160 Werke sind zu sehen, nur 44 von Rubens selbst

Es ist ein Rücken, den man so schnell nicht wieder vergisst. Nicht nur, weil Peter Paul Rubens ihn meisterhaft auf der Leinwand festgehalten hat: üppig, sinnlich, nicht zu schmal. Nein, auch weil dieser Rücken im Laufe der Jahrhunderte mehrmals wieder auftaucht. Schon 1620 zum Beispiel, auf einer Radierung von Rubens' Landsmann Lucas Vorsterman. Oder 1860 bei Edouard Manet und seiner Überraschten Nymphe: Sie dreht dem Betrachter in genau derselben Haltung den Rücken zu wie mehr als 250 Jahre zuvor die Venus frigida von Rubens.

Alle drei Rückenvarianten können im Brüsseler Bozar (Palais des Beaux-Arts) im selben Raum miteinander verglichen werden. Denn dort findet nicht die soundsovielte Rubensschau statt: Sensation und Sinnlichkeit - Rubens und sein Vermächtnis, so der Titel der überraschende Ausstellung, zeigt den weitreichenden Einfluss, den das barocke Schwergewicht aus Antwerpen auf nachfolgende Künstlergenerationen hatte. Mehr als 160 Kunstwerke sind zu sehen: Gemälde, Ölskizzen, Kupferstiche, Leihgaben aus aller Welt.

Nur 44 davon sind von Rubens selbst, darunter sein Liebesgarten aus dem Prado. Die Mehrheit der Arbeiten stammt von Künstlern, die das Erbe Rubens' angetreten haben: Arnold Böcklin, John Constable, Eugène Delacroix, Oskar Kokoschka, Pierre-Auguste Renoir, Jean-Antoine Watteau.

"Rubens war ein Gigant", sagt der Kurator der Ausstellung, Nico Van Hout: "Er wird gerne als Maler alter Schinken und dicker Frauen abgetan und damit zur Karikatur gemacht. Das möchten wir mit dieser Ausstellung korrigieren. Sein Einfluss erstreckt sich über vier Jahrhunderte hinweg - bis hin zu Gustav Klimt und Lovis Corinth, das macht ihm so schnell keiner nach! Er wurde geliebt, und er wurde gehasst, eben weil er so genial war. So viel Virtuosität schreckt ab. Mit zwei, drei Pinselstrichen gelang ihm das, wozu andere Tage brauchten."

Inspirationsquelle

Auftakt der Schau ist ein Raum voller Zitate seiner Kritiker und Bewunderer. Vincent van Gogh etwa verurteilte ihn als oberflächlich, war aber hingerissen von der Leichtigkeit seines Pinselstrichs. Renoir gab zerknirscht zu, sich zweimal etwas abgeschaut zu haben, meinte aber angstvoll, das heiße noch lange nicht, dass er nun unter Rubens' Einfluss stehe. Für Rembrandt war er Vorbild, für Diego Velasquez Inspirationsquelle. Delacroix ließ sich als "neuer Rubens" feiern, und Charles Baudelaire widmete ihm in seinen berühmten Fleurs du Mal ein Gedicht.

Auch in seinem Salon war der französische Dichter voll des Lobes und pries Rubens' Vielseitigkeit. Denn egal, ob mythologische Szenen, Historienbilder, Porträts oder poetische Landschaften: Rubens konnte alle Register ziehen. Deshalb ist die Ausstellung in sechs verschiedene Themenbereiche wie Gewalt, Wollust, Macht oder Poesie gegliedert. Und überall kann der Besucher auf Entdeckungsreise gehen - vergleichen, erkennen, staunen. Das macht diese Ausstellung so spannend.

Beim Thema "Gewalt" etwa steht die Tigerjagd im Zentrum. Ein monumentales Rubens-Gemälde aus dem französischen Rennes, neben dem jede Kinoleinwand verblasst, wird konfrontiert mit zwei Gemälden von Delacroix, der sich ebenfalls wiederholt mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Im Bereich "Mitgefühl" wird deutlich, wie sehr Rubens mit seiner berühmten Kreuzabnahme Künstlerkollegen wie Rembrandt oder auch den Engländer Thomas Gainsborough inspirierte.

Überraschungen

Rokoko, Romantik, Orientalismus, Impressionismus: Überall, so Kurator Van Hout, hatte das flämische Allroundgenie seine Finger im Spiel. Größte Überraschung für Van Hout selbst war ein Werk von Gustav Klimt; "Der Österreicher studierte an der Wiener Akademie, dort hängt auch eine Heilige Cäcilia von Rubens. Von Klimt selbst gibt es in Wien eine Heilige Cäcilia im Belvedere. Als ich die sah, dachte ich: ,Das gibt's doch nicht, die sieht ja aus wie die Cäcilia von Rubens!' Nun hängen sie hier in Brüssel nebeneinander!"

Zu den Überraschungen dürfte für viele Besucher auch ein kleiner chinesischer Porzellanteller aus der Qingdynastie des 17. Jahrhunderts zählen. Er ist bemalt mit der Kreuzigung Christi mit Lanzenstich - einem Rubensgemälde, das aufgrund einer Radierung schnell in Europa und weit darüber hinaus bekannt wurde.

Man muss schon genau schauen, um zu entdecken, was an diesem Teller so befremdlich ist. Es ist nicht alleine die Tatsache, eine Kreuzigungsszene auf Porzellan zu sehen - es sind die Farben. Die beiden Schächer an den Kreuzen rechts und links von Christus sind mit zitronengelben und türkisblauen Tüchern bekleidet, Maria Magdalena trägt ein leuchtend orangefarbenes Kleid, das Gewand des römischen Soldaten ist zartlila.

So hat die Kreuzigungsgruppe noch nie ausgesehen. Ein Motiv, wie es für die europäische Kunstgeschichte nicht typischer sein könnte - aber dann in östlichem Kolorit. (Kerstin Schweighöfer aus Brüssel, DER STANDARD, 26.9.2014)

Brüssel, Bozar, Rue Ravenstein 2, bis 4. Jänner

Link

Bozar Centre For Fine Arts

  • Peter Paul Rubens: "Pan and Syrinx" (1617), Leihgabe der Staatlichen Museen Kassel. Wie groß der Einfluss des barocken Schwergewichts auf nachfolgende Künstlergenerationen war, zeigt eine bemerkenswerte Ausstellung im Brüsseler Bozar.
    foto: ute brunzel

    Peter Paul Rubens: "Pan and Syrinx" (1617), Leihgabe der Staatlichen Museen Kassel. Wie groß der Einfluss des barocken Schwergewichts auf nachfolgende Künstlergenerationen war, zeigt eine bemerkenswerte Ausstellung im Brüsseler Bozar.

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