Was den Homo sapiens klug machte

25. September 2014, 16:22
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Svante Pääbo hat mit seinem Team das Neandertaler-Genom entschlüsselt und den Denisova-Menschen entdeckt - Am Donnerstag gab er in Wien Einblicke in seine Arbeit

Wien - Svante Pääbo ist nicht nur einer der meistzitierten Wissenschafter der Gegenwart. Er ist - vor allem dank der Entschlüsselung der Neandertaler-DNA - auch einer der in der Öffentlichkeit bekanntesten Spitzenforscher. Der Ko-Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig versteht es nämlich, seine Erkenntnisse (und auch Autobiografisches) packend und ziemlich offenherzig zu vermitteln, wie man seit diesem Frühjahr im Buch "Die Neandertaler und wir" (S. Fischer) nachlesen kann.

Dass er zudem ein exzellenter Redner ist, stellte er am Donnerstag bei seinem Vortrag am Vienna Biocenter unter Beweis. Dabei erwähnte Pääbo beiläufig, dass solche Popularität auch ungewollte Folgen hat: Er erhalte zahllose Zuschriften aus der Bevölkerung, die mitunter auch eigene Gewebe-Proben mit der Bitte um Analyse enthalten. Die Absender solcher Sendungen seien vor allem Männer, sagt Pääbo. Aber er erhalte auch viele Briefe von Frauen. Die würden ihm aber oft nur schreiben, dass sie glauben, mit einem Neandertaler verheiratet zu sein.

Paarungen mit Neandertalern...

In seiner faszinierenden Tour d’Horizon über die letzten 18 Jahre der Paläogenetik fasste Pääbo noch einmal die wichtigsten Meilensteine des Faches zusammen, nachdem es ihm mit seinem Team 1996 erstmals gelungen war, kleine Teile der Neandertaler-DNA zu entschlüsseln. So wissen wir heute dank der praktisch vollständig vorliegenden Erbinformation der Neandertaler, dass sich der moderne Mensch nach seinem "Auszug" aus Afrika vor rund 100.000 Jahren mit Neandertalern gepaart haben muss. Denn in den Genomen aller heute lebenden Menschen - bis auf jene aus Afrika - finden sich Reste der Neandertaler-DNA.

Seit kurzem weiß man auch etwas mehr darüber, was uns die Neandertaler "vererbten": Gene für die Keratin-Produktion in Haut und Haar zum Beispiel, aber vermutlich auch eine gewisse genetische Anfälligkeit für Diabetes vom Typ 2. Diese Gene dürften es ihrerseits den Neandertalern erleichtert haben, längere Phasen des Hungerns zu überstehen. Nicht vererbt haben uns die Neandertaler bestimmte Gene, die mit dem Hoden zu tun haben: Allem Anschein nach waren die männlichen Hybride von homo sapiens und homo neanderthalensis eher unfruchtbar.

...Paarungen mit Denisova-Menschen

Pääbo und seine Mitarbeiter entschlüsselten nicht nur das Genom der vor 30.000 bis 40.000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler. Sie entdeckten allein mittels DNA-Analysen eines winzigen Fingerknochenfragments auch die bisher unbekannten Denisova-Menschen, benannt nach der gleichnamigen Höhle in Südsibirien. Dabei dürfte es sich um eine entwicklungsgeschichtlich frühere Art als die der Neandertaler handeln, die vermutlich weite Teile Ostasiens und auch Ozeaniens besiedelte. Dort tragen etliche heute lebende Populationen DNA-Spuren des Denisova-Menschen in sich. Und es könnte gut sein, dass die Tibeter ihre gute Verträglichkeit der Höhenlage auch den Denisova-Menschen verdanken.

Nach Pääbos Zwischenresümee, dass sich alle bekannten Menschenarten früher oder später vermischt haben, wandte er sich am Ende der Frage zu, was nun das besondere am modernen Menschen sei und wodurch er sich vom Neandertaler unterscheide. Rein genetisch gibt es ja nur relativ geringe Differenzen: 30.000 Einzelnukleotid-Polymorphismen beziehungsweise 87 Gene, die Differenzen aufweisen.

Doch welche davon bedingen eine womöglich bessere Hirnleistung? Hier dürfte es drei Gene geben, die bei unserer spezifischen Entwicklung des Großhirns eine Rolle spielen dürften. Dazu kommt das Foxp2-Gen als heißer Kandidat, hat es doch wesentlichen Anteil für unsere Sprachfähigkeit.

Klonen von Neandertalern?

Sind es also diese paar Gene, die den Homo sapiens besonders klug machten? Pääbo will in Zukunft auch daran weiterforschen - was freilich methodisch nicht ganz einfach ist: Die einfachste Methode wäre das Klonen von Neandertalern, wie von Harvard-Forscher George Church vorgeschlagen, oder die Erzeugung von transgenen Menschen. Doch das verbietet sich aus ethischen und wohl auch technischen Gründen. Bleiben Experimente mit Stammzellen, die Suche nach Rückmutationen bei heute lebenden Menschen oder Versuche mit "vermenschlichten" Versuchstieren.

Dass Letzteres klappen kann, zeigte ein Team um MIT-Forscherin Christiane Schreiweis anhand von Experimenten, die erst vor wenigen Tagen im Fachblatt "PNAS" publiziert worden waren und die auch Pääbo am Ende seines Vortrags erwähnte: Schreiweis und Kollegen führten mit Mäusen, die gentechnisch mit der menschlichen Variante von Foxp2 ausgestattet worden waren, Lernexperimente durch. Und siehe da: Die "vermenschlichten" Nager lernten besser und schneller. Womöglich war es also vor allem eine kleine Mutation im Gen Foxp2, die den modernen Menschen modern machte. (Klaus Taschwer, derStandard.at, 25.9.2014)

  • Svante Pääbo sprach am Donnerstag in Wien über seine Forschungen.
    foto: apa/dpa/frank vinken

    Svante Pääbo sprach am Donnerstag in Wien über seine Forschungen.

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