Der Bubentraum vom Solar-Tuk-Tuk: Ein Roadtrip für den Umweltschutz

2. Oktober 2014, 13:45
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Von Indien nach England in einer solarbetriebenen Autorikscha: Ein österreichischer Dokumentarfilmer und ein indischer Ingenieur begeben sich auf einen umweltfreundlichen Roadtrip

Durch zehn Länder, fast 10.000 Kilometer in einem Gefährt, das deutlich weniger als zehn Quadratmeter Fläche ausmacht. Der Ingenieur Naveen Rabelli und der Dokumentarfilmer Raoul Kopacka setzen einen Kindheitstraum um. Der Clou an der Sache: Die Reise von Indien nach England findet im selbstgebauten Solar-Tuk-Tuk statt. Ein Abenteuer für den Umweltschutz.

derstandard.at/von usslar

Der Smog der Großstadt

Autohupen, Motorenlärm und Luftverschmutzung: Auf den Straßen von Bangalore geht es turbulent zu. Im Verkehr drängt sich alles, was irgendwie Platz findet und mitten im Gewusel sind sie omnipräsent: dreirädrige Autorikschas, die aufgrund ihres Motorgeräuschs liebevoll Tuk-Tuk genannt werden. Sie sind zu einem indischen Nationalsymbol geworden, aber sie stehen auch für die Luftverschmutzung, mit der die indische Millionenmetropole zu kämpfen hat.

In diesem alltäglichen Smog, während eines Staus, kam dem indischen Ingenieur Naveen Rabelli der Gedanke, dass diese Umweltverschmutzung doch vermeidbar sei. Der Wechsel vom Benzinmotor im Tuk-Tuk zu einer elektrischen, im besten Fall solarbetriebenen, Variante könnte das Stadtbild grundlegend verändern: Bessere Luft und weniger Lärm würden die Lebensqualität deutlich erhöhen. Die Idee ein Solar-Tuk-Tuk zu bauen, war geboren, und der Plan eine Reise damit zu wagen, gefasst.

foto: raoul kopacka
Durch zehn Länder soll die Reise mit dem solarbetriebenen Tuk-Tuk gehen.

Zwei Fremde, ein Plan

Zufällig stieß Raoul Kopacka Anfang des Jahres im Internet auf die Reisepläne des indischen Ingenieurs Naveen Rabelli. Das Fernweh saß dem österreichischen Dokumentarfilmer schon länger im Nacken, aber einen konkreten Plan gab es noch nicht. Naveen arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren an dem Solar-Tuk-Tuk und hatte alle seine Ersparnisse in das Projekt investiert. Der gemeinsame Traum einer Reise mit dem typisch indischen Fahrzeug brachte die beiden zusammen. Jetzt planen sie ein Projekt, das durch Crowdfunding und Sponsoren finanziert wird, anderen Menschen Solarenergie näher bringen soll und zeigt, welche Vorteile der Umstieg auf umweltfreundliche Transportmittel haben kann.

Von Indien nach England im Tuk-Tuk

In Bangalore soll im nächsten Frühjahr die Reise beginnen. Hier haben sich die beiden Männer im Juli erstmals persönlich getroffen, nachdem Raoul den Ingenieur online kontaktiert hatte. Für den Österreicher, dessen Mutter aus Sri Lanka stammt, war es der erste Aufenthalt in Indien. Damit die Reise im Tuk-Tuk nicht in einer Katastrophe endet, nahm der Anfänger im indischen Straßenverkehr erst einmal Fahrstunden.

Schnell war klar, dass der Verkehr zwar eine Herausforderung darstellte, die Menschen aber durchwegs positiv auf die umweltfreundliche Autorikscha reagierten. Einzig und allein die Hunde auf den Straßen schienen etwas gegen das neuartige Gefährt zu haben, das zwar auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Tuk-Tuk ausschaut, aber nicht annähernd die typisch ratternden Motorengeräusche der benzinbetriebenen Variante von sich gibt.

foto: raoul kopacka
Raouls erste Fahrstunde in Indien.

An die begeisterten Blicke und das Hundegebell werden die beiden sich auf der etwa 1000 Kilometer langen Strecke von Bangalore Richtung Mumbai wohl gewöhnen. Wegen des angespannten Verhältnisses zwischen Indien und Pakistan wurde die Überfahrt mit der Fähre in den Iran gewählt. Von dort aus geht es durch den Iran, die Türkei und dann quer durch Europa bis nach London, wo die Abenteurer, wenn sie ihren ambitionierten Plan einhalten, nach 90 Tagen ankommen sollten.

Mit Crowdfunding und Sponsoren zur Traumreise

"Je weiter wir nach Westen kommen, desto exotischer wird dieses Tuk-Tuk und desto mehr Aufmerksamkeit wird es auch erregen", vermutet Raoul, der die Reise filmisch begleiten will. Das Tuk-Tuk, das auf den Namen "Tejas" (Sanskrit für "Strahlung") getauft wurde, hat die Solarpaneele auf dem Dach angebracht. Nach einer achtstündigen Ladezeit ist die Batterie vollständig aufgeladen und das Fahrzeug kann, bei einer Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h, 80 Kilometer weit fahren. Die Solarzellen speisen allerdings während der Fahrt die Batterie weiter, so dass 105 Kilometer am Tag zurück gelegt werden können.

Der Motor soll vor der Abreise noch verbessert und auch bereits einige Ersatzteile für die Fahrt bereit gestellt werden. Hierfür sind die zwei Reisenden auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die Hälfte der 40.000 benötigten Dollar (etwa 31.000 Euro) haben sie bereits zusammen, der Rest soll bis zum Reisebeginn im April nächsten Jahres aufgetrieben werden. Das Interesse soll aber nicht nur auf das Solarfahrzeug gelenkt werden, sondern auch auf einzelne Projekte entlang des Weges. Kleinen lokalen Maßnahmen zu nachhaltiger Energie soll eine Plattform gegeben werden, indem Raoul sie im Film dokumentiert.

Der Bubentraum gegen Umweltverschmutzung

Der Gedanke seine eigene Abenteuerlust zu befriedigen und gleichzeitig vielleicht auf lange Sicht etwas grundlegend verändern zu können, treibt die beiden in ihrer Planung an. Denn Naveens Eigenkreation ist nicht nur umweltfreundlich sondern durchaus praktisch für die Reise. Die Ladefläche bietet genau Platz für eine Matratze und auch wenn die beiden Reisenden hoffen auf dem Weg bei Einheimischen übernachten zu können und sich vielleicht mal ein Hotelzimmer gönnen, ist dies der ideale Ruheplatz für unterwegs. "Im Grunde genommen ist es ein Bubentraum. Man baut sich sein eigenes Auto und fährt damit um die Welt", sagt Raoul. (Britta Breuers, derStandard.at, 2.10.2014)

Info

Wer mehr über die Reise von Raoul und Naveen wissen möchte, kann sich auf ihrer Website informieren.

  • Naveen Rabelli hat das Solar-Tuk-Tuk selbst konstruiert und sich sowie seinem Reisepartner Raoul Kopacka damit einen Lebenstraum zum Greifen nahe gebracht.
    foto: raoul kopacka

    Naveen Rabelli hat das Solar-Tuk-Tuk selbst konstruiert und sich sowie seinem Reisepartner Raoul Kopacka damit einen Lebenstraum zum Greifen nahe gebracht.

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