Brandsteidl: "Können den einen oder anderen Jugendlichen retten"

Interview25. September 2014, 14:10
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Wiens Stadtschulratspräsidentin über Jihadismus als "vehementes Thema" an Schulen

derStandard.at: Die Stadt Wien hat das Netzwerk zur Deradikalisierung und Prävention ins Leben gerufen. Glauben Sie, dass Sie damit Jugendliche davor bewahren können, in den Jihad zu ziehen?

Susanne Brandsteidl: Der Stadtschulrat ist Teil eines Netzwerks, die Steuerung geht von der Kinder- und Jugendanwaltschaft aus. Ich erlebe bei diesem sehr schnellen Handeln, dass es eine selten gute und zielgerichtete Kooperation zwischen allen Partnern gibt. Ich glaube, dass wir doch den einen oder anderen Jugendlichen retten können.

derStandard.at: Sie wollen, dass Schüler verdächtige Fälle dem Stadtschulrat melden. Ist das nicht auch problematisch?

Brandsteidl: Wenn Schülerinnen und Schüler sich mit Problemen an Lehrer wenden oder wenn es zu Veränderungen im Verhalten der Schüler kommt, dürfen Lehrer nicht wegschauen, sondern müssen helfen. Das ist Teil der Präventionsarbeit. Es soll nicht heißen, das passiert außerhalb der Schule und geht mich deshalb nichts an. Die Direktoren kommunizieren das an den Stadtschulrat, und wir helfen weiter.

derStandard.at: In den vergangen Wochen wurde viel über Jihadismus an Wiener Schulen diskutiert. Ist das tatsächlich ein großes Problem, oder haben wenige Fälle für überproportional viel Aufsehen gesorgt?

Brandsteidl: Es ist ein vehementes Thema, es ist ein großes Thema, auch weil Lehrer und Direktoren bislang in diesem Ausmaß noch nicht damit konfrontiert wurden. Lehrer und Direktoren äußern den dringenden Wunsch nach Unterstützung. Deshalb gibt es ein Expertennetzwerk. Lehrer sind an sich keine Experten für Jihadismus.

derStandard.at: Wie tritt Jihadismus im Schulalltag in Erscheinung?

Brandsteidl: Die Erscheinungsformen sind sehr breit. Die medial präsentesten sind Schüler und Schülerinnen, die sich auf den Weg gemacht haben, um im Jihad zu kämpfen, oft ohne das Wissen ihrer Eltern und ihrer Schule. Es gibt auch den einen oder anderen Schüler, der schon im Jihad umgekommen ist. Da gilt es in der Klassengemeinschaft entsprechend zu reagieren, weil in der schulischen Gemeinschaft Fassungslosigkeit herrscht. Es handelt sich um kein Wiener Thema, sondern es ist ein weltpolitisches Thema.

derStandard.at: Was raten Sie Eltern, die sich Sorgen machen, dass ihre Kinder mit problematischen Ideologien, etwa jener des "Islamischen Staates", in der Schule in Kontakt kommen.

Brandsteidl: Sich um Kinder zu sorgen ist immer als positiv anzusehen. Lieber einmal zu viel Sorge gemacht als einmal zu wenig. Die Kinder kommen in der Schule damit im Regelfall nicht in Kontakt. Die Schule ist gerade momentan sehr, sehr achtsam und sehr, sehr sorgfältig. Wenn seitens der Eltern Kommunikation mit der Schule erwünscht ist, wird dem zu 100 Prozent nachgegangen. Nicht nur Kinder und Jugendliche sind in der Schule gut aufgehoben. Auch Eltern können sich an die Schule wenden.

derStandard.at: Das Thema Jihad ist derzeit in den Medien sehr breit vertreten, Politik, Lehrer und Eltern sind alarmiert. Dabei gibt es noch zahlreiche andere Probleme an Schulen, zum Beispiel werden viele Kinder gemobbt. Die Schule hat aber den Auftrag, einen gewaltfreien Raum zur Verfügung zu stellen. Brauchen die Schulen mehr Unterstützung von Sozialarbeitern und Psychologen, also auch mehr Budget dafür?

Brandsteidl: Das ist ein anderes Thema. Aber ja, Schule kann Unterstützung immer brauchen. Bei der Deradikalisierungsgruppe geht es aber ganz eindeutig um außerschulische Gewalt, die Kinder erleben. In diesem Fall durch Jihad und andere religiöse Aktivitäten. Zur Schule als gewaltfreiem Raum: Ich glaube, dass die Gewalt nicht vordergründig in der Schule entsteht, sondern in der Schule sichtbar wird.

derStandard.at: Gedenken Sie, mehr Budget für Psychologen und Sozialarbeiter aufzuwenden?

Brandsteidl: Das liegt nicht in meinem Kompetenzbereich. Ich kann mein Budget ausschließlich für Lehrer einsetzen. Das muss ein Wunsch an den Bund sein.

derStandard.at: Ist das Ihrerseits eine Forderung an den Bund?

Brandsteidl: Ja. Aber ich möchte die beiden Themen trennen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 25.9.2014)

Susanne Brandsteidl (51) ist amtsführende Stadtschulratspräsidentin in Wien.

  • Brandsteidl: "Ich glaube, dass wir doch den einen oder anderen Jugendlichen retten können."
    foto: apa/neubauer

    Brandsteidl: "Ich glaube, dass wir doch den einen oder anderen Jugendlichen retten können."

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