Wien schafft Netzwerk zu Deradikalisierung und Prävention

25. September 2014, 10:51
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Schwerpunkt auf Schulungen für Pädagogen - Oxonitsch präsentierte Maßnahmen im Gemeinderat

Wien - Jugendliche, die in den Krieg ziehen wollen oder Moscheen, in denen Hassprediger auftreten, machten in den vergangenen Wochen auch in Wien Schlagzeilen. Mit dem Netzwerk zur Deradikalisierung und Prävention reagiert die Bundeshauptstadt nun auf dieses Phänomen: "Wir wollen Kompetenzen aufbauen, um die Leute in der vordersten Reihe fit zu machen", erklärte SPÖ-Gemeinderätin Tanja Wehsely.

Deshalb biete das Netzwerk vor allem Schulungen für Jugendarbeiter und Pädagogen. "Es geht darum, zu erkennen, was ist pubertäres Verhalten oder Provokation und wo beginnt Extremismus", schilderte Wehsely. Denn mit dem Auftreten der Gruppe IS und ihren Rekrutierungsversuchen gebe es eine qualitative Veränderung des Phänomens Extremismus in Wien, betonte Gemeinderat Senol Akkilic (Grüne). "Das wird zu einer Jugendkultur", sagte er. Öffentlich präsentierte Jugendstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) das Maßnahmenpaket am Donnerstag im Gemeinderat. Ein entsprechender rot-grüner Beschlussantrag wurde ebenfalls eingebracht.

Kinder- und Jugendanwaltschaft koordiniert

Schon seit Frühjahr 2014 arbeitet eine Steuerungsgruppe an dem Aufbau des Netzwerkes, beteiligt sind unter anderem die Magistratsabteilungen 17 (Integration), 11 (Familie), 13 (Jugend) sowie der Wiener Stadtschulrat. Als zentrale Koordinationsstelle fungiert die Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft. Die vergangenen Monate wurden vor allem dazu genutzt, sich untereinander zu vernetzen, in jeder Abteilung eine Kompetenzstelle einzurichten und spezifische Schulungen zu konzipieren, mit denen in der Jugendarbeit bereits begonnen wurde.

Studien in Auftrag gegeben

Die Programme sollen ab sofort aber auch anderen Institutionen zur Verfügung stehen - wie etwa pädagogischen Hochschulen oder dem Stadtschulrat. "Wenn man präventiv handeln will, dann muss das vor Ort etwa von Lehrern gesehen und behandelt werden", unterstrich Jugendanwalt Ercan Nik Nafs. Ziel des Netzwerks sei es zudem, anonym zu erfassen, wie viele Jugendliche betroffen sind. Nicht zuletzt deshalb wird derzeit eine Studie unter dem Titel "Ursachenforschung der abwertenden Identitätsbildung" durchgeführt, deren Ergebnisse im März 2015 vorliegen sollen. "Direkt Betroffene betreuen wir natürlich schon jetzt, aber es geht auch darum, Leerstellen zu finden", erklärte der Jugendanwalt.

Zusammenarbeit mit islamischer Glaubensgemeinschaft

Wichtig sei auch die Zusammenarbeit mit Partnern wie der islamischen Glaubensgemeinschaft, meinte Akkilic. Denn "ein Großteil der muslimischen Gesellschaft" sei von der zunehmenden Radikalisierung nicht betroffen und würde sich ebenfalls dagegen aussprechen. So befänden sich etwa die Moscheen, in denen rekrutiert werde, nicht im Verband der Glaubensgemeinschaft, betonte der Gemeinderat. Zusammenarbeiten will man unter anderem auch mit Sportvereinen oder Universitäten.

Nicht nur Extremismus

Das Netzwerk soll nicht nur im Falle von islamischem Extremismus greifen, sondern weiters Werkzeug zum Umgang mit jeder Form der Radikalisierung, etwa auch der rechtsextremen, bieten, erklärte Akkilic. Ein Expertenforum soll deshalb unter anderem die wichtigsten Begriffe definieren und die unterschiedlichen Bewegungen erklären.

Kritik am Bund

Kritik äußerte Wehsely am Bund: Die Umsetzung der geplanten "Deradikalisierungs-Hotline" und Beratungsstelle erfolge viel zu langsam. Zudem sei es nicht zielführend, diese im Innenministerium anzusiedeln: "Niemand, der Hilfe braucht, ruft im Innenministerium an, dazu ist die Angst viel zu groß." Stattdessen sieht die Gemeinderatsabgeordnete die Hotline eher im Familien- oder Außenministerium. Sie solle zudem mit mindestens sechs bis acht Experten besetzt werden, die sich nicht nur in der Materie auskennen, sondern auch mehrere Sprachen wie etwa Türkisch, Tschetschenisch oder Serbokroatisch beherrschen.

Der schiere Ruf nach strengeren Gesetzen alleine könne jedenfalls nicht die Lösung sein. "Man darf nicht hysterisch werden", so die Gemeinderätin. Vielmehr solle der Bund etwa überlegen, welche Rehabilitationsmaßnahmen man für Rückkehrer ergreifen könne, oder endlich über Lösungen für Doppelstaatsbürgerschaften nachdenken, um hier geborene Kindern stärker an Österreich zu binden. (APA, 25.9.2014)

  • Vor allem Lehrer sollen für den Umgang mit Extremismus geschult werden.
    foto: apa/hochmuth

    Vor allem Lehrer sollen für den Umgang mit Extremismus geschult werden.

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