Józef Wesolowski: Das Doppelleben des Erzbischofs

Kopf des Tages24. September 2014, 18:28
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Zum ersten Mal ist im Vatikan ein Bischof wegen pädophiler Straftaten verhaftet worden, ihm drohen bis zu 20 Jahre Haft

Als Apostolischer Nuntius in der Dominikanischen Republik soll der heute 66-jährige Józef Wesolowski ein Doppelleben geführt haben. Seine Residenz lag verlockend am Meer des Karibikstaates, am Strand tummelte sich eine Menge spielender Kinder.

So soll es für Wesolowski nicht schwierig gewesen sein, sich Buben für Sexspiele in die Botschaft zu holen. Bis zu 135 Dollar soll er dafür jeweils gezahlt haben. Ein Diakon hat gestanden, im Auftrag des Erzbischofs Jugendliche vom Strand in die Residenz gebracht zu haben. Gemeinsam mit Wesolowski soll sich auch der polnische Priester Wojciech Gil nicht nur mit Messdienern aus Santo Domingo vergnügt haben. Weitere zwei Geistliche aus der Botschaft sollen Frauen und Kinder zum Sex gezwungen haben.

Ein dominikanischer TV-Sender soll den Nuntius beim Betreten eines Kinderbordells auf der Insel gefilmt haben. Wesolowski war unter den Jugendlichen als "der Italiener" bekannt.

Als die Affäre im Vorjahr in der Dominikanischen Republik bekannt wurde, sorgte sie für erheblichen Volkszorn. Dem Vatikan wurde vorgeworfen, dem Erzbischof eine Ausreise unter falscher Identität ermöglicht zu haben. Im Juni 2014 wurde der Nuntius vom Gericht der Kongregation für Glaubenslehre seines Amtes enthoben und in den Laienstand versetzt. Das Berufungsverfahren soll im Oktober stattfinden. Seit Dienstag steht er unter Hausarrest.

Sein Amt als Nuntius verdankte Wesolowski seinem polnischen Landsmann Karol Wojtyla, dem er zeitlebens eng verbunden war. 1948 in Nowy Targ in der Woiwodschaft Kleinpolen geboren, wurde er 1972 in Krakau zum Priester geweiht. 1999 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Titularerzbischof von Slebte und spendete seinem Günstling persönlich die Bischofsweihe. Wenig später wurde er zum Nuntius in Bolivien bestellt. Von dort wechselte er nach Kasachstan und Usbekistan und schließlich 2008 in die Dominikanische Republik.

Italienische Medien vermuten, die Verhaftung sei erfolgt, um eine Flucht des polnischen Exbischofs zu verhindern. Wesolowski sei in den vergangenen Wochen mehrmals in Rom außerhalb des Vatikans beobachtet worden. Da der 66-Jährige mit der Aberkennung des Priesteramts auch seine diplomatische Immunität verloren hat, wird im Vatikan mit Auslieferungsanträgen aus Warschau und Santo Domingo gerechnet. Im Vorjahr soll der Kirchenstaat ein erstes Auslieferungsbegehren noch abgelehnt haben. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 25.9.2014)

  • Józef Wesolowski soll sich als Nuntius des Vatikan in der Dominikanischen Republik Buben für Sexspiele in die Botschaft geholt haben.
    foto: reuters/stringer

    Józef Wesolowski soll sich als Nuntius des Vatikan in der Dominikanischen Republik Buben für Sexspiele in die Botschaft geholt haben.

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