GNOME 3.14: Nachschub für den Linux-Desktop

24. September 2014, 19:34
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Systemweiter Gesten-Support, überarbeiteter Look und Wayland-Support - Zahlreiche Detailverbesserungen

Die Entwicklung des Linux-Desktops GNOME funktioniert nachwievor zuverlässig wie ein Uhrwerk: Sechs Monate nach der Veröffentlichung von GNOME 3.12 gibt es nun also bereits die nächste Ausgabe der Softwaresammlung. GNOME 3.14 konzentriert sich vor allem auf den Feinschliff am Bestehenden, es wird aber auch wieder so manch neue Funktionalität eingeführt.

Adwaita wird erwachsen

Nirgendwo ist das Thema Feinschliff so direkt zu verstehen wie beim optischen Auftritt der Software: Das Default-Theme Adwaita wurde für die neue Version vollständig neu geschrieben, und dabei in zahlreichen Details optisch angepasst. So gibt es neue Menu-Bars, animierte Schalter, bessere Benachrichtigungsdialoge sowie frische Spinner-Animationen. Apropos Animationen: An vielen Stellen gibt sich GNOME 3.14 "bewegter" als sein Vorgänger. Sei es bei der Navigation in der Anwendungsübersicht der GNOME Shell, oder auch beim Ein- oder Ausblenden von Programmfenstern - überall sind neue Übergangsanimationen hinzugekommen, die einen "visuellen Hinweis" über das Geschehen geben sollen. Zudem wurde die Unterstützung für hochauflösende Bildschirme noch einmal erweitert - im konkreten Fall vor allem bei der Schriftendarstellung, auch die Verzeichnisicons haben eine leichte Überarbeitung erfahren.

screenshot: andreas proschofsky / derstandard.at
Die Überblicksansicht von GNOME 3.14

Eine wichtige Verbesserung gab es beim Multi-Monitor-Support des Desktops: Fenster merken sich nun für den nächsten Start auf welchem Screen sie zuletzt untergebracht wurden. Ganz neu ist der Gestensupport im Toolkit GTK+, der auch gleich im Desktop selbst seine Anwendung findet. Wie von anderen Systemen gewohnt, werden jetzt also Touchscreen-Gesten interpretiert, um zwischen den Workspaces zu wechseln oder um die Activities-Ansicht zu öffnen. Zudem können GTK+-Anwendungen Pinch-to-Zoom-Gesten interpretieren, was vom Dokumentanzeiger Evince auch gleich genutzt wird.

Finde dich selbst

Die Kartenanwendung von GNOME erfreut sich mit dem Update der Möglichkeit der Routenplanung, wobei man auf die Open-Source-Lösung GraphHopper zurückgreift. Damit lassen sich Wege sowohl zu Fuß, per Rad oder auch mit dem Auto planen. Bei all dem ist es möglich, Zwischenstationen festzulegen. Ebenfalls neu hinzugekommen ist die Bestimmung des eigenen Aufenthaltsorts auf der Karte, wobei nun dank der Anbindung an den Mozilla Location Service - und zwar desktopweit - auch die Positionierung mithilfe Netzwerkinformationen möglich ist. Die Geolokalisierung lässt sich in den Privacy-Einstellungen übrigens für alle Programme zentral deaktivieren.

screenshot: andreas proschofsky / derstandard.at
Die Routenplanung in der Kartenanwendung ist neu in GNOME 3.14.

Das Virtualisierungs-Frontend Boxes machte ebenfalls deutliche Fortschritte und erlaubt nun mehrere Snapshots anzulegen, auf die unkompliziert zurückgekehrt werden kann. Zudem können virtuelle Maschinen nun in separaten Fenstern laufen und Boxes besorgt sich die nötigen Installationsmedien bei Angabe der zugehörigen URL selbsttätig. Desweiteren gibt es nun einen Express-Installationsmodus für Debian.

screenshot: andreas proschofsky / derstandard.at
Der Snapshot-Support in GNOME Boxes.

GNOME 3.14 verbessert den Umgang mit Wifi-Hotspots und öffnet nun bei Netzen, die vor Öffnung des Internetzugang eine Autorisierung verlangen, automatisch ein Login-Fenster. Die diversen Sharing-Funktionen - von Screen Sharing bis zum Teilen von Dateien - können nun vom jeweiligen Netzwerkkontext abhängig gemacht werden, so dass sie etwa nur zuhause aktiviert sind, nicht aber im Kaffeehaus - eine deutlich Verbesserung in Fragen Privatsphäre.

screenshot. andreas proschofsky / derstandard.at
Das Interface des Dokumentanzeigeprogramms Evince wurde vollständig neu gestaltet.

GNOME Photos bindet in der Version 3.14 bei Google abgespeicherte Fotos direkt ein - so den ein Google-Account mit dem Desktop verbunden ist. Die Musikanwendung des Desktops kann wiederum nach dem Update sowohl in lokalen Inhalten als auch online bei Magnatune und Jamendo suchen. Der Hilfsanwendung des Desktops wurde ebenso ein vollständig neues Interface verpasst, wie dem Dokumentanzeiger Evince, womit zwei der letzten Kernanwendungen auf den GNOME3-Stil gewechselt haben. Evince zeigt dabei nun beim Start eine Auswahl der zuletzt geöffneten Dokumente an. Ganz allgemein stellt sich damit immer stärker die Frage, wie sich die Anwendung von GNOME Documents abgrenzen will, das eine ähnliche Funktionalität darbietet.

screenshot: andreas proschofsky / derstandard.at
GNOME Photos zeigt nun auch bei Google abgespeicherte Fotos an.

Die Wetter-Anwendung wurde ebenfalls optisch stark überholt und nutzt nun die Geolocation-Fähigkeiten des Desktops, um automatisch das lokale Wetter anzuzeigen. In der Suchfunktion der GNOME Shell können nun auch einfach Rechenaufgaben angestellt werden, zudem wird auch die aktuelle Uhrzeit von bei GNOME Clocks konfigurierten Orten geliefert. Die Owncloud-Anbindung für GNOME Notes bekommt mit der neuen Version Offline-Support, womit Synchronisationsprobleme vermieden werden. Bei GNOME Contacts können nun Kontakte direkt im Hauptfenster - also "inline" - editiert werden, zudem wurden diverse Dialoge der Anwendung neu gestaltet. GNOME Games freut sich über den Neuzugang Hitori, bei zwei anderen Spielen - Mines und Sudoku - wurde das Interface frisch gestaltet. Die GNOME-eigene Softwarezentrale bietet nun eine Bewertungsfunktion für Programme, zudem wurde die Installation von Add-Ons erleichtert.

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Introducing GNOME 3.14 - Offizielles Vorstellungsvideo des GNOME-Projekts.

Einen bedeutenden Teil der Arbeiten an GNOME 3.14 haben aber - einmal mehr - "unter der Haube" stattgefunden. Dazu zählt vor allem die Unterstützung des X.org-Nachfolger Wayland, die deutliche Fortschritte gemacht hat. So sei der Desktop nun unter Wayland auch wirklich "nutzbar", wie das Projekt betont. Neu hinzugekommen sind etwa Drag-and-Drop-Support, Touchscreen-Unterstützung, Tooltips und eine funktionstüchtige Tastaturkonfiguration. Zudem wurden zahlreiche Bugs beseitigt. Von einer vollständigen Wayland-Unterstützung will man angesichts einiger verbliebener Defizite aber noch nicht reden.

grafik: gnome
Das Adwaita-Theme ist in GTK+ gewandert und wurde dabei überarbeitet.

Das GNOME-Theme Adwaita ist direkt in GTK+ gewandert, was den Vorteil birgt, dass dieser Look nun auch unter Windows und OS X zum Einsatz kommt. Ganz neu ist die Aufahme des GTK+ Inspectors, der GTK+-Anwendungen live analysieren kann. Zudem wurde der CSS-Support des Toolkits erweitert. Zu den Neuerungen gehört unter anderem die Möglichkeit SVG-Icons per CSS zu stylen, also etwa mit Schatten oder Highlightfarben zu versehen. Für externe Entwickler sehr wichtig: Endlich gibt es die - lange versprochene - Überarbeitung der "Human Interface Guidelines", die Richtlinien zum Design von GNOME-Anwendungen bieten. Dazu bietet man auch gleich eine Reihe von Design-Mustern an, die für eigene Programme weiterverwendet werden können.

Ausprobieren

GNOME 3.14 steht wie gewohnt in Form des Source Codes der Einzelkomponenten zur Verfügung. Parallel wurde aber auch ein Live-Image veröffentlicht, mit dem die neue Desktopversion per USB-Stick, CD/DVD oder auch in einer virtuellen Maschine ausprobiert werden kann. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 24.9.2014)

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