Macht und Symbolik der Bilder

24. September 2014, 17:50
4 Postings

Standard-Talk im 21er-Haus zu Freuds Einfluss auf die zeitgenössische Kunst

Wien - Seinem Essay über Michelangelos Moses-Statue stellte Sigmund Freud das Bekenntnis voraus, dass er kein Kunstkenner sei, sondern Laie: "Für viele Mittel und manche Wirkungen der Kunst fehlt mir eigentlich das richtige Verständnis."

Die Auswirkungen der Psychoanalyse auf die zeitgenössische Kunst, die Macht der Bilder und deren symbolische Bedeutung: ein weites und mitunter von Stereotypen vermintes Land, das im 21er-Haus eine hochkarätige Expertenrunde, moderiert von Standard-Kulturchefin Andrea Schurian, bereiste. Anlass war Joseph Kosuths aufschlussreiche "kuratierte Installation", die vorige Woche unter dem Titel Sigmund Freud und die Bürde der Repräsentation eröffnet wurde.

Es ging um das Betrachten von Kunst - und das Betrachtetwerden durch das Kunstwerk, um das Beziehungsgeflecht zwischen Kunst, Kunstschaffenden, Vermittlern, Kuratoren und Publikum. Und, natürlich, über Freuds Relevanz für den zeitgenössischen Kunstdiskurs. "So wie die Psychoanalyse eine sprachbasierte Methode ist, so hat sich auch Konzeptkunst stark vom Objekt, vom Abbild, hin zu einer linguistischen Auseinandersetzung bewegt", sagte Luisa Ziaja, Ko-Kuratorin der Kosuth-Ausstellung, die in enger Kooperation zwischen 21er-Haus und dem Sigmund-Freud-Museum entstanden ist.

Dessen Direktorin Monika Pessler betonte ebenfalls die Bedeutung von Sprache als Bindeglied zwischen Freud und zeitgenössischer Kunst: "Freud war nicht bewusst, dass er, indem er dem Seelenleben Struktur gibt, beschreibt, worum sich Konzeptkunst und Institutionskritik bemühen: eine Struktur zu schaffen."

Der Psychoanalytiker August Ruhs erläuterte die Begriffe Sublimierung und Idealisierung: "Die Arbeit an einem Objekt bezeichnete Freud als Idealisierung, die am Triebgeschehen als Sublimierung. In einem gelungenen Kunstwerk muss, im Sinne Freuds, beides zusammenwirken."

Martin Guttmann, Teil des Künstlerduos Clegg und Guttmann, hob hervor, dass dank Freud Kunstbetrachtung nichts mehr mit Geschmack, herkömmlichen Schönheitsbegriffen oder persönlichen Vorlieben zu tun habe. Und er beschäftigte sich mit der Frage, wodurch Objekte mit Bedeutung und Charisma aufgeladen werden - und was von dieser ideellen Aufladung für Betrachter erkennbar sei.

Kunst müsse vieles auf einmal in einem Objekt ausdrücken können, in der Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter habe die Psychoanalyse viel zu sagen, erläuterte die Psychoanalytikerin Jeanne Wolff Bernstein: "Mich beschäftigt immer die Frage: Wo will mich der Künstler haben, weist er mich ab, verführt er mich?" (red, DER STANDARD, 25.9.2014)

Ab Montag, 29. 9., ist ein Videomitschnitt des Gesprächs hier abrufbar

  • Psychotherapie und Kunst: Martin Guttmann, Luisa Ziaja, Andrea Schurian, Jeanne Wolff Bernstein, August Ruhs, Monika Pessler.
    foto: belvedere/johannes stoll

    Psychotherapie und Kunst: Martin Guttmann, Luisa Ziaja, Andrea Schurian, Jeanne Wolff Bernstein, August Ruhs, Monika Pessler.

Share if you care.