Flüchtlingsstrom aus syrischen Kurdengebieten flaut ab

24. September 2014, 17:46
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Nach US-Luftschlägen zunächst offenbar weniger Bewegung aus der syrischen Stadt Kobanê über die türkischen Grenze

Suruç/Ankara - Mittags geht immer das Tor am Grenzzaun auf. Jede halbe Stunde lassen die türkischen Soldaten Flüchtlinge aus Kobanê, der Stadt auf der anderen Seite, und aus den umliegenden Dörfern herein: Gesundheitscheck, Aufnahme der Personalien, dann Abtransport nach Suruç, in den nächsten größeren Ort entlang der Straße von der syrisch-türkischen Grenze bei Kobanê nach Sianlurfa.

Die meisten bleiben erst gar nicht in den kleinen neuen Zeltlagern in Suruç, sondern fahren mit Bussen gleich weiter zu Verwandten in die türkischen Großstädte nach Mersin oder gar Istanbul, so berichtet ein Beobachter am Mittwoch. Die Zahl der syrischen Kurden an diesem wichtig gewordenen Übergang liegt an diesem Tag weit unter den Annahmen, die vom UN-Flüchtlingshilfswerk verbreitet wurden. 500 mögen es am Mittwoch gewesen sein; am späten Nachmittag wird das Grenztor wieder geschlossen.

Vorwürfe gegen Ankara

Die Lage in Kobanê (Ain al-Arab) selbst sei ruhig, berichten die Flüchtlinge; gekämpft werde außerhalb der Stadt zwischen den Milizen der syrischen PYD und jenen des "Islamischen Staats" (IS). Der Chef des Distrikts Kobanê, Enver Müslim, wiederholt in einem Interview mit einer türkischen Zeitung die alten Vorwürfe der syrischen Kurden, wonach die konservativ-islamische Regierung in Ankara gemeinsame Sache mit den Islamisten gemacht habe.

Müslim sprach von einem "psychologischen Krieg" der AKP-Regierung in Ankara gegen die syrischen Kurden. Das Ausmaß der Angriffe auf die Kurden, aber auch deren militärische Erfolge würden systematisch verzerrt, behauptete er weiters im Gespräch mit Sol, einer linken türkischen Tageszeitung: IS-Truppen würden derzeit sechs Kilometer entfernt vor Kobanê stehen und hätten in der Tat einige kurdische Dörfer erobert; doch eine Meldung von 300 getöteten kurdischen Soldaten sei reine Fantasie.

Türkei könnte sich an Kampf gegen IS beteiligen

Am Rande der UN-Vollversammlung in New York signalisierte der türkische Staatspräsident Tayyip Erdogan derweil, dass sein Land sehr wohl militärische oder zumindest logistische Unterstützung für die US-geführten Luftangriffe gegen Ziele der Terrormiliz "Islamischer Staat" geben könnte. Erstmals nannte Erdogan die IS auch eine "Terrororganisation".

Die türkische Regierung bereitete einen Antrag im Parlament für die Bewilligung eines Armeeeinsatzes in Syrien und im Irak vor. Eine solche Vollmacht hatte sich die Regierung schon im Herbst 2012 von den Abgeordneten geben lassen; am Ende blieb es beim Säbelrasseln. Außer türkischen Spezialeinheiten, die mutmaßlich in Syrien verdeckt operieren, hat die türkische Armee bisher nicht im Nachbarland eingegriffen.

Erdogans enger Vertrauter, der nunmehrige Vizepremier Yalçin Akdogan, gab an, die USA sollten erst einmal erklären, was letztlich ihr Ziel in Syrien sei: die Zerstörung der IS oder der Sturz von Bashar al-Assad. (Markus Bernath, DER STANDARD, 25.9.2014)

  • Ein kurdischer Flüchtling an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei, nahe der Stadt Suruç. Die Zahl der Flüchtlinge lag am Mittwoch weit unter dem Schnitt der vergangenen Tage.
    foto: reuters/murad sezer

    Ein kurdischer Flüchtling an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei, nahe der Stadt Suruç. Die Zahl der Flüchtlinge lag am Mittwoch weit unter dem Schnitt der vergangenen Tage.

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