Warum in den Nahverkehr investiert werden sollte

25. September 2014, 05:30
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Verkehrswissenschafter der TU Wien halten den Bahnausbau auf Hochgeschwindigkeit für den Fernverkehr für überschätzt

Wien - Der Traum von der Zeitersparnis durch Hochgeschwindigkeitsbahnen beim Bahnfahren wird eher nur für eine Minderheit wahr werden. Für das Gros der Bahnkunden dürfte sich durch den Bau von Hochleistungsbahnen aber nicht viel verbessern.

Der Grund: 93 Prozent der in Österreich absolvierten Zugfahrten sind kürzer als 150 Kilometer und 80 Prozent der Fahrten bringen es nicht einmal auf hundert Kilometer. Das ergab eine im Journal of Transport Geography veröffentlichte Studie des Instituts für Verkehrswirtschaft der TU Wien.

"Zwar hat sich das Reiseverhalten in den vergangenen 120 Jahren dramatisch verändert", sagt Studienautor Tadej Brezina von der TU Wien, "die Dominanz der Kurzstrecken ist aber geblieben." In Deutschland sind sogar nur 1,3 Prozent aller Zugfahrten Langstrecke, also länger als hundert Kilometer. Nicht viel anders ist es in der Schweiz, wo die täglich zurückgelegte Zugstrecke nur dann länger ist, wenn die Fahrgäste über Nacht unterwegs sind. Dass dies auch für Österreich gilt, bezweifelt Brezina nicht. Zwar gebe es kaum öffentlich zugängliche Daten für grenzüberschreitenden Fernverkehr, aber die Nachbarländer seien topografisch ähnlich.

Verschiedene Berechnungen

Realistisch sei eine Größenordnung zwischen 31,9 bis 50 zurückgelegten Kilometern: Das vom Verkehrsministerium oft mit Verkehrsprognosen beauftragte Verkehrsplanungsbüro Herry bezifferte die 2008 von Pendlern in Niederösterreich durchschnittlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Bahn und Bus) zurückgelegte Wegstrecke 2012 mit 31,9 Kilometern. Laut Railroad-Statistik des Verkehrsministeriums aus 2002 beträgt die durchschnittliche Zugfahrt 50 Kilometer.

Verkehrswissenschafter Brezina und der emeritierte TU-Professor Hermann Knoflacher haben für ihre Studie vier Szenarien durchgerechnet und Daten aus dem Bahnmusterland Schweiz eingewoben. Das Ergebnis: Für Personen, die 150 Kilometer weit reisen - das sind aber nur sieben Prozent aller Bahnfahrer in Österreich - ergäbe die Kombination von 220 km/h und drei Umsteigezeiten die besten Ergebnisse. Für diese paar hundert Fahrgäste täglich lohne sich der milliardenteure Hochgeschwindigkeitsausbau aber nicht, warnt Brezina. Breitenwirksamer wäre hingegen eine "Harmonisierung" von Hauptstrecken-Geschwindigkeiten sowie Zu- und Abgangsgeschwindigkeiten. Gemeint sind damit nicht die Beschleunigung von IC- oder Regionalzügen über 148 km/h hinaus, sondern eine Angleichung der Servicequalität von Hauptstrecken und Regionalbahnen.

Das bedeutet: bessere Taktung, bessere Erreichbarkeit von und kürzere Wege zu Bahnhöfen und Anschlüssen. Eine Regionalbahn in Österreich ist im Schnitt mit 42 km/h unterwegs. Entscheidend für Gesamtfahrzeit sei nicht Geschwindigkeit, sondern kurze Wege zum Zug und ein integrierter Taktfahrplan für alle Zubringerverkehrsmittel. Fehlt Letzterer, wird die Zeitersparnis im IC durch Wartezeit egalisiert. "Überdenkt den Ausbau von Hochleistungsstrecken und steckt das Geld besser in den Nah- und Regionalverkehr", mahnt Brezina die Politiker. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 25.9.2014)

  • Ob schneller Regionalzug oder ICE, bringt für das Gros der Reisenden kaum Fortschritt. Der Weg zum Bahnhof und das Umsteigen bremsen.
    foto: reuters / michael dalder

    Ob schneller Regionalzug oder ICE, bringt für das Gros der Reisenden kaum Fortschritt. Der Weg zum Bahnhof und das Umsteigen bremsen.

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