Bumsti rächt Gratis-Bumser

Kolumne24. September 2014, 17:21
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Strache gelingt diese Rache auf überraschend elegante Weise

Ob es uns passt oder nicht, so wie Lipizzaner, Sängerknaben und Schnitzel gehört auch der Begriff "Schmäh" zu den international anerkannten Säulen der österreichischen Identität. Wenn man nun ausgerechnet als selbsternannte "Heimatpartei" damit nicht umzugehen weiß, stellt das für die davon betroffene FPÖ ein veritables Problem dar. Zwar ließe sich einwenden, dass Schmäh-Verständnis eine gewisse geistige Regsamkeit voraussetzt, die eine nicht unbedingt von Überintellektualisierung bedrohte Bewegung rasch an ihre diesbezüglich eher kompakt gesteckten Grenzen führt. Dennoch muss man festhalten, dass die in letzter Zeit zu diesem Thema erbrachten Leistungen selbst für FPÖ-Verhältnisse beunruhigend waren.

Zunächst ging Heinz Christian Strache dem deutschen Satire-Portal Der Postillon auf den Leim und erregte sich öffentlich über - freilich von den Spaßvögeln frei erfundene - "Sanktionsdrohungen der USA gegen die EU, falls diese ihre Russland-Sanktionen nicht verschärft". Dann übernahm die freiheitliche Bundespartei auf ihrer offiziellen Facebook-Seite unter der empörten Überschrift: "Wer hat noch nicht, wer möchte noch mal? Wofür das Geld der Steuerzahler verwendet wurde oder noch wird." die Meldung, wonach die Stadt Graz an Arbeitslose "Sozialscheine für kostenlose Bordellbesuche" ausgebe, die "außerhalb der Hauptstoßzeiten zwischen 20h und 3h" einzulösen seien.

Hierbei handelt es sich um das Ungeheuer von Loch Ness unter den vielen im Internet kursierenden Jux-Geschichten. Seit über zehn Jahren geistert dort der "Gratis-Bums-Scheck" herum und wird mittlerweile von keinem Volksschüler mehr ernst genommen.

Nicht verwunderlich also, dass jemand wie Strache, der schon in jungen Jahren Humor auf seine Kosten erdulden musste und tapfer den Spitznamen "Bumsti" akzeptierte, jetzt auf Rache sinnt. Dass diese ihm auf derartig elegante Weise gelingen würde, ist aber eine echte Überraschung und verdient Respekt.

Selten wurde die heimische Medienöffentlichkeit gewitzter am Schmäh gehalten als durch den bisher nur als Straches serviles Disco-Beiwagerl wahrgenommenen FPÖ-Vizeobmann Johann Gudenus. Die Raffinesse, mit der er den Gebrauch des einst von den Rechten verwendeten Kampf-Slogans "Moskaus nützliche Idioten" nun dem politischen Gegner förmlich aufzwingt, ist von hoher Subtilität. Weil dieser satirische Ansatz von kaum jemandem erkannt wurde, zog Gudenus die Schraube der Übertreibung immer fester an.

Spätestens, nachdem er seine jeglicher Mannhaftigkeit Hohn sprechenden Demuts- und Unterwerfungsgesten gegenüber Wladimir Putin mit Warnungen vor einer "mächtigen Homosexuellen-Lobby" kombinierte, hätte man die Verarschung als solche erkennen müssen. Stattdessen gab es empörte Reaktionen, woraufhin Gudenus voller Übermut noch einen drauflegte. Im Kurier-Interview erklärte er, dass "die Russen nach dem Zweiten Weltkrieg zurückhaltend" gewesen seien. Ein strammer Deutschnationaler, der beim Leugnen von Verbrechen die Seiten wechselt und zum Propagandisten der Sowjetunion mutiert? Nein, geben wir es doch endlich zu: Straches Racheengel hat uns gekonnt auf die Seife steigen lassen. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 25.9.2014)

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