Element of Crime: "Von der Angst kommt nix Gutes"

Interview25. September 2014, 05:30
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Die deutsche Band veröffentlicht am Freitag ihr Album "Lieblingsfarben und Tiere". Jakob Ilja und Sven Regener parlieren über Gewohnheitstiere, Größenwahn und Reizwäsche

STANDARD: Das neue Element-of-Crime-Album heißt "Lieblingsfarben und Tiere". Für Interviews sitzen Sie immer im selben Wiener Kaffeehaus. Ist Ihr Lieblingstier das Gewohnheitstier?

Regener: Das ist eine Frage des inneren Reichtums unserer Band. Da ist es wurscht, ob wir ein Album in New York, Kreuzberg oder St. Marx aufnehmen. Wir müssen keine Reizwäsche anziehen, um uns anzuturnen. Brauchen wir nicht. Wir müssen uns das Leben nicht extra interessant machen. Das ist so eine blöde touristische Attitüde. Purist, der ich bin, reicht mir das Café Westend, ich bin sehr gern hier.

Ilja: Da existiert ja auch eine Verbundenheit. Beim Portier hinten, da gab's immer den Weinbrand nachts um drei. Das war eine Form der Begegnung, hat mit der eigenen Geschichte zu tun und fühlt sich immer noch gut an.

Regener: Das Gasthaus hier, das ist Rock 'n' Roll.

STANDARD: Rock 'n' Roll ist eine größenwahnsinnige Kunst. Hat das Platz bei Element of Crime?

Ilja: Nicht bei mir. In den ersten Jahren war da viel Unsicherheit, wir sind ja nicht mit offenen Armen aufgenommen worden. Wir suchten da immer noch nach einem eigenen Klang. Diese Unsicherheit ist dem Größenwahn nicht so förderlich. Durch unsere Reserviertheit sind wir aber dann auch so weit gekommen. Das bedingt einander. Wir hatten ja auch nie einen Singlehit. Das nimmt Druck weg.

Regener: Das findet man aber auch erst hintennach gut.

STANDARD: Nach den Hitalben.

Regener: Ja, genau. Mit den Hitalben war das dann okay. Aber im Ernst, ich wollte es immer groß. Wir haben letztens in Berlin vor 9000 Leuten gespielt. Das ging gerade noch. Mehr muss nicht sein. Echt nicht. Da spielen wir lieber öfter hintereinander in kleineren Hallen. Und das ist gut. So wird Element of Crime nie eine Stadionrockband werden. Dieses Hymnische des Stadionrock, das haben wir ja nicht. Wir haben nie Animation gemacht.

STANDARD: Aber Sie haben den Romantik-Reflex eingeführt: dieses Die-Arme-in-die-Luft-Schleudern und dazu "Romantik!" rufen.

Regener: Das ist aber eine Rock-'n'-Roll-fremde Geste. Die habe ich den Ravern geklaut.

STANDARD: In unserem letzten Gespräch über Rock 'n' Roll als Lebensgefühl zitierten Sie noch die Ramones. Die sind jetzt alle unter der Erde. Setzt jetzt ein Umdenken ein?

Regener: Nein, in 50 Jahren, da sind wir alle bei den Würmern, aber Gabba Gabba Hey bleibt. Man macht das ja nicht zur Belehrung, sondern damit wir alle zusammen viel Spaß haben. Die Leute sollen glücklicher aus einem Element-of-Crime-Konzert rausgehen, als sie reingegangen sind. Um mehr geht's nicht. Das ist ein tolles Ziel. Für einen Abend genauso wie für das ganze Leben, und wir machen das ja schon fast seit 30 Jahren.

STANDARD: Das neue Album rockt ja durchaus.

Ilja: Ja, aber das ist nicht geplant. Es gibt da keinen Vorsatz. Wir kommen zusammen, die Musik entsteht, wie sie immer entstanden ist, scheinbar aus dem Nichts. Dann kommt Sven mit den Texten dazu, dann hört man sich's an und überlegt, was da noch dazu passt.

STANDARD: Ihr Gesang klingt auf dem neuen Album stellenweise ziemlich nach Bob Dylan. Passiert das einfach?

Regener: Die allererste Kritik über diese Band war zu ihrer Vernichtung gedacht. Da hieß es, der Sänger versuche, Bob Dylan und Bruce Springsteen nachzuahmen. Das war zu der Zeit ja das Böseste, was man sagen konnte. Ein Todesurteil für eine Postpunkband. Aber natürlich gibt es eine Kontinuität von Dylan zu Element of Crime. Wobei er zuletzt so weit Richtung Blues geht, wie wir es nie tun. Obwohl die neue Platte bluesiger ist als zuvor. Am Morgen danach ist tatsächlich bluesig.

STANDARD: Eine Umfrage unter sechs Bekannten hat zuletzt ergeben, dass bei Element of Crime vier an die Band, und nur zwei an den Film denken. Haben Sie es geschafft?

Ilja: Na ja, Lars von Trier bringt ja auch nicht so viele Platten raus. Und er kann nicht immer wieder Element of Crime machen.

STANDARD: Haben Sie ihn je getroffen?

Regener: Es gab mal tatsächlich die Idee eines Kontakts durch die Plattenfirma wegen des nervtötenden Videothemas. Da hatte jemand die Idee, ihn wegen eines Videos für uns anzufragen. Wir sagten, macht halt, hoffentlich ist der nicht sauer auf uns. Er hat aber abgewunken, nee, so eine Scheiße mache er nicht.

STANDARD: Für Ihre Band gilt das alte John-Peel-Wort "Always the same, always different". Wie lebt es sich damit?

Regener: Gut. Ich finde ja, dass dieses "Haben sich neu erfunden" Marketingquark ist. Oder wie es bei Knorkator heißt, "das nächste Album aller Zeiten". Das heißt doch nur, dass sich das letzte Album nicht verkauft hat. Und man muss sich da ja auch mal lockermachen. Der Monet hat sein ganzes Leben lang Gärten gemalt. Und die waren auch nicht alle gleich, aber es waren immer Gärten. Das hat was mit Stil zu tun.

Ilja: Man darf sich nicht vor Referenzen fürchten. Wenn man so anfängt, ist man schon am Ende.

Regener: Denn selbst wenn man richtig, richtig viel am Start hat, hat man nur zwei, drei Songs, die man immer wieder schreibt. Und das reicht fürs ganze Leben. Manche Bands haben nur einen. Reicht auch. Wir haben drei, und an denen arbeiten wir uns ab. Immer wieder.

STANDARD: Wie kam es zu dem Fassbinder-Titel "Liebe ist kälter als der Tod"?

Regener: Ich fand den Titel immer toll. Faszinierend: Wie ist denn jemand drauf, der so was sagt? Wir haben ja immer zuerst die Musik, und bei dem Lied passte plötzlich dieser Titel. Und da muss man sich dem auch stellen.

STANDARD: Ist das Liebeslied die Königsdisziplin für Songschreiber?

Regener: Man muss da einfach reingehen, ohne Angst, sich zu blamieren. Man muss das sagen: Von der Angst kommt nix Gutes.

Ilja: Der Ausgangspunkt ist oft eine Liebesgeschichte, aber es entpuppt sich manchmal als etwas Größeres: Wie kommen wir durchs Leben? Die Sachen sind banal, gleichzeitig schwierig, ein ständiges Durcheinander. Da geht's zwar um ein Paar, aber dann wieder ums Älterwerden. Und der Blick voraus wird plötzlich der Blick zurück. (Karl Fluch, DER STANDARD, 25.9.2014)

Jakob Ilja (55) ist Gitarrist bei Element of Crime und Soundtrack-Komponist.

Sven Regener (53) ist Sänger der Band und Autor ("Herr Lehmann").

Element of Crime spielen am 21. Februar 2015 im Wiener Gasometer.

  • Gemütsruhe trotz anhaltender Rock-'n'-Roll-Euphorie: Die deutsche Band Element of Crime auf hoher See. Von rechts: Jakob Ilja, Sven Regener, David Young, Richard Pappik.
    foto: charlotte goltermann

    Gemütsruhe trotz anhaltender Rock-'n'-Roll-Euphorie: Die deutsche Band Element of Crime auf hoher See. Von rechts: Jakob Ilja, Sven Regener, David Young, Richard Pappik.

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