Frankreichs Polizei wartete am falschen Flughafen auf Jihadisten

24. September 2014, 14:30
94 Postings

Trio reiste über Marseille und nicht über Paris ein. Danach wollten sich die Verdächtigen stellen, doch die Polizeistation war geschlossen

Die einen fühlen sich an Louis de Funès und seine Komödie "Der Gendarm von Saint-Tropez" erinnert. Doch die Mehrheit der Franzosen findet es nicht zum Lachen: Drei als gefährlich eingestufte Jihadisten entgingen der Polizei, obwohl diese in erhöhter Terrorbereitschaft ist. Wegen des französischen Militäreinsatzes im Irak hat die Terrormiliz IS eine Art Fatwa gegen die "bösen und dreckigen" Franzosen herausgegeben. Täglich kehren Jihadisten aus Syrien oder dem Irak nach Frankreich zurück. Einzelne gelten als mögliche Einzelattentäter wie Mohammed Merah, der 2012 in Toulouse sieben Personen, darunter drei jüdische Schulkinder, ermordet hatte.

Pilot verweigerte Transport

Auf der schwarzen Liste der Geheimdienste figuriert auch Imad Djebali, ein ehemaliger Freund Merahs, sowie zwei Kumpane namens Abdelouahed Baghdali und Gael Maurize. Sie waren in den Jihad nach Syrien gereist; auf ihrer Rückreise wurden sie in der Türkei verhaftet und nach Paris ausgewiesen. Die Pariser Anti-Terror-Einheiten erwarteten sie am Dienstag auf dem Flughafen Orly. Doch der türkische Pilot weigerte sich im letzten Moment, die drei Islamisten zu befördern, weshalb sie in die nächste Maschine nach Frankreich gesteckt wurden.

Die flog allerdings nach Marseille. Während die bewaffneten Bereitschaftspolizisten in Paris vergeblich auf die Jihadisten warteten, kamen diese in der südfranzösischen Metropole an – und problemlos durch die Passkontrolle. "Frei wie der Wind" spazierten sie danach auf der Canebière, der Flaniermeile von Marseille, berichtete die Zeitung "Le Monde".

Verantwortung bei türkischer Polizei

Das Innenministerium, das die Verhaftung der drei bereits bekanntgegeben hatte, musste darauf die peinliche Panne eingestehen. In der Pariser Nationalversammlung, wo am Mittwoch eine Debatte über den Militäreinsatz im Irak anberaumt war, schimpfte die Rechtsopposition nur über die "Regierung der Unfähigen" und verlangte eine parlamentarische Untersuchungskommission. Innenminister Bernard Cazeneuve schob die Verantwortung für das "Durcheinander" auf die türkische Polizei. Er musste aber einräumen, dass auch die Einreisebehörden in Marseille versagt hätten, figurierten Djebali, Baghdali und Maurize doch auf der Liste gesuchter Jihadisten.

Am Mittwoch stellten sich die drei Männer auf Ratschlag ihres Anwalts selbst der Polizei, nachdem die Affäre durch alle Medien gegangen war. Als sie bei der nächsten Gendarmerie klingelten, öffnete ihnen allerdings niemand. Erst später kam eine Patrouille vorbei, um sie zu verhaften, als wären es Apfeldiebe. Laut Terrorexperten zählen die drei allerdings zu einem Netz "schlafender Agenten", das den Behörden unter dem Namen Artigat bekannt ist. Djebali war in Frankreich 2009 wegen terroristischer Umtriebe - Anwerbung von Freiwilligen, Geldsammlung für Attentate - zu vier Jahre Haft verurteilt worden. (Stefan Brändle, derStandard.at, 24.9.2014)

  • Die Polizeistation, bei der sich die drei Männer selbst stellen wollten. Sie war allerdings zu.
    foto: apa/epa/horcajuelo

    Die Polizeistation, bei der sich die drei Männer selbst stellen wollten. Sie war allerdings zu.

Share if you care.