Gegen Psycho: Ich, ich, ich statt Therapie

24. September 2014, 14:17
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Die deutsche Autorin Susanne Berkenheger zieht gegen "Psychokram" zu Felde

Es stimmt schon: Psychologische Ratgeber gibt es wie Sand am Meer. Das liegt daran, dass die Arbeits- und Lebenswelt so ist, dass Menschen Unterstützung brauchen. Wer als Therapeut oder Coach reüssieren will, schreibt dann eben ein Buch. Als PR-Maßnahme sozusagen.

Diese Entwicklung hat die deutsche Journalistin und Künstlerin Susanne Berkenheger eigentlich ganz richtig beobachtet. Weil sie sich als Satirikerin versteht, hat sie die Flut der Psycholiteratur aufs Korn genommen und ein Buch draus gemacht.

"Ist bestimmt was Psychologisches. Wie ich auf Therapie, Tricks und Tipps pfiff und unfassbar glücklich wurde" ist das Ergebnis eines Selbstversuchs. Dafür hat die Autorin all jene Bereiche ihres eigenen Alltags ausgesucht, in denen sie mit Psychologischem im weitesten Sinne konfrontiert zu sein scheint, etwa Beziehung, Kinder, Supermarkt, Eltern, Gesundheit, Körpergewicht, Identität. Berkenheger macht sich selbst zur Protagonistin, ihre Problemen zum Motor der Betrachtung und sieht sich an, wie ihr Psychobücher helfen könnten.

Alles schlecht, natürlich

Natürlich können sie es nicht. Warum, das ist nachzulesen. Berkenheger ist eine jener Autorinnen, die sich selbst ziemlich aufregend finden – und witzig. Jedenfalls ist sie offenherzig in allen Belangen. Auch wie das mit den Socken ihres Mannes so ist, wie sie am Kinderspielplatz andere Eltern beobachtet oder wie es sich anfühlt, wenn sie krank ist: Ihren recht banalen Alltag muss man als Leser oder Leserin schon aushalten können und wollen.

Fast jedes Kapitel endet mit der Vernichtung des von ihr ausgesuchten psychologischen Ratgebers, der ihr in Wirrnissen hätte helfen sollen. Was sie den psychologischen Ratschlägen entgegensetzt, ist leider banal. "Statt auf Kollegen mit schwierigen Charakteren einzugehen, kann man selbst schwierig werden."

Rein sprachlich schreibt Berkenheger wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Dialogisch nämlich, mit viel direkter Rede. Wörter wie "Aaargh" oder "Hä", "Äh" lockern auf jeder Seite die ernsten Themen auf. Ihr Schreibstil gibt ganz gut Einblick in eine doch recht neurotische Weltsicht, in der das Ich der Autorin zum Maßstab der Dinge erhoben wird. Ihre Überheblichkeit könnte witzig sein, doch das Konzept geht nicht auf.

Damit wirken die 270 Seiten reichlich verquer und vor allem narzisstisch – aber vielleicht findet das der eine oder andere eben doch lustig und erkennt sich wieder: Nach dem Motto "Misery loves company" – für alle, die überspannt bleiben wollen. (Karin Pollack, derStandard.at, 24.9.2014)

  • Schräge Vögel sind unterwegs, deshalb die Warnung:  Lektüre kann unglücklich machen.

    Schräge Vögel sind unterwegs, deshalb die Warnung: Lektüre kann unglücklich machen.

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