Anti-IS-Allianz stellt China auf die Probe

Hintergrund26. September 2014, 07:00
93 Postings

China befürchtet die Rekrutierung von Uiguren für die IS. Nun könnte es seine Strategie gegenüber den Jihadisten überdenken

Nach langer Enthaltsamkeit gegenüber dem westlichen Kurs gegen den "Islamischen Staat" (IS) scheint China nun doch gezwungen zu sein, sein Vorgehen zu überdenken. Die Terrormiliz bildet nach Darstellung der Regierung auch Aufständische der chinesischen Uiguren aus. Dieser Umstand heizt den Konflikt zwischen China und seiner muslimischen Minderheit aus Xinjiang weiter an.

Uiguren im Jihad

Es war das erste Mal, dass China einen Zusammenhang zwischen seinen muslimischen Aufständischen und der IS-Miliz hergestellt hat: Staatliche Medien berichten, dass Uiguren aus dem Land geflohen seien, um sich von IS-Kämpfern für Anschläge in der Heimat ausbilden zu lassen.

Laut einem Bericht der "International Business Times" soll ein chinesischer Staatsbürger, der für die IS im Einsatz war, von irakischen Streitkräften festgenommen worden seien. Vier weitere verdächtige IS-Mitglieder aus China wurden im September in Indonesien festgenommen. Die vier Uiguren sollen über Kambodscha, Thailand und Malaysia nach Indonesien gereist sein, um sich mit einem IS-Führer zu treffen. Laut dem taiwanischen Onlinemedium "Want China Times" gehen Gesandte der Regierung mittlerweile von mindestens 100 Chinesen aus, die von der Terrormiliz rekrutiert wurden. Abu Bakr al-Baghdadi, Führer der IS-Miliz, soll im Juli gesagt haben, dass China ganz oben auf der Liste jener Länder stehe, in denen er die Tätigkeiten seiner Terrormiliz ausweiten wolle – vor allem in der Provinz Xinjiang.

China und der Islam

Xinjiang ist die Heimat von rund zehn Millionen Angehörigen der überwiegend muslimischen Minderheit der Uiguren. Diese fühlen sich von Peking sozial, kulturell und wirtschaftlich benachteiligt und durch die systematische Ansiedlung von Han-Chinesen an den Rand gedrängt. Immer wieder gibt es in Xinjiang blutige Zusammenstöße.

Chinas Regierung macht grundsätzlich "Terroristen" für die Gewalt verantwortlich – so auch im aktuellen Fall des zu lebenslanger Haft verurteilten uigurischen Menschenrechtsaktivisten Ilham Tohti. Doch auch die uigurische Minderheit selbst hat sich in den vergangenen Jahren zu Anschlägen auf die chinesischen Regierung bekannt, wie zum Beispiel nach mehreren Anschlägen und Explosionen in chinesischen Städten zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele im Jahr 2008.

Die uigurische Bevölkerung profitiert aufgrund mangelnder Bildungs- und Kapitalressourcen sehr viel weniger von der wirtschaftlichen Entwicklung in Xinjiang als die Han-Chinesen. Uigurischen Lehrern und Studierenden wird das Fasten während des Ramadan verboten. Zudem dürfen Männer mit Bärten und Frauen mit Kopftuch oder Schleier in einigen Teilen Xinjiangs nicht mehr mit öffentlichen Bussen fahren. Auch der Geburtenkontrolle sollen sich die Uiguren in Zukunft unterziehen. Bisher waren sie wie alle ethnischen Minderheiten in China von der Ein-Kind-Politik ausgenommen.

Regierung im Zwiespalt

Nachdem bekannt wurde, dass auch chinesische Staatsbürger der IS beigetreten sind, äußerte China seine Angst, dass in der IS ausgebildete Kämpfer in die Heimat zurückkehren und Angriffe initiieren könnten. Bis jetzt hat die chinesische Regierung den US-Plänen im Kampf gegen den Islamischen Staat aber keine Unterstützung zugesichert. Die Luftangriffe der USA im Irak haben bei der chinesischen Regierung in Peking zwar größtenteils Zuspruch gefunden, der Einsatz in Syrien löst jedoch Bedenken aus. China hegt Vorbehalte, dass Bashar al-Assad vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkriegs von den Luftangriffen profitieren könnte. Zudem unterstützt China Russlands Bedenken, dass die Angriffe weder von der syrischen Regierung noch vom UN-Sicherheitsrat abgesegnet wurden.

Doch angesichts der aktuellen Entwicklungen und der Tatsache, dass China eines von fünf permanenten Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates ist, könnte die Volksrepublik von einem Umdenken nicht mehr allzu weit entfernt sein. Am Donnerstag nahm der chinesische Außenminister Wang Yi am Gipfeltreffen des UNO-Sicherheitsrates teil, bei dem es auch darum ging ein internationales Bündnis gegen Terrormilizen zu schmieden. (Alexandra Koller, derStandard.at, 25.9.2014)

  • Bewaffnete chinesische Soldaten marschieren in Urumqui,  Hauptstadt von Xinjiang und Zuhause von mehr als 2,5 Millionen muslimischen Uiguren.
    ap/ng han guan

    Bewaffnete chinesische Soldaten marschieren in Urumqui, Hauptstadt von Xinjiang und Zuhause von mehr als 2,5 Millionen muslimischen Uiguren.

  • Aufständische zeigen die uigurische Flagge bei Protesten gegen die chinesische Regierung.
    ap/emrah gurel

    Aufständische zeigen die uigurische Flagge bei Protesten gegen die chinesische Regierung.

Share if you care.