Dimensionen der Zurechnungsfähigkeit

23. September 2014, 19:24
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Verrückt oder Verbrecher? Was bedeutet Verantwortung, was Schuldfähigkeit? In Lech debattierten Philosophen über "Schuld und Sühne" im Licht von Genetik, Ethik und Hirnforschung

Schon Raskolnikow stellte sich die Frage, ob das Verbrechen "stets von einer Art Krankheit begleitet" sei, die den Täter verwirre. In Dostojewskis Roman Schuld und Sühne, der dem diesjährigen Lecher Symposium den Titel gab (und der von Swetlana Geier 1994 als "Verbrechen und Strafe" neu übersetzt wurde), verneinte er entschieden und folgerte, dass er bei seinem kriminellen Vorhaben "unumschränkter Herr über Verstand und Willen bleiben würde".

Diese Überzeugung begleitete ihn die längste Zeit, zugleich zweifelte er sie an und verzweifelte an ihr. Er hielt sich für einen Feigling, weil er nicht die Größe eines Napoleon und statt tausender Menschen nur "ein lächerliches altes Weiblein" auf dem Gewissen hatte.

Verrückt? Auch die Reformversuche der Moderne erwähnte Dostojewski und ließ einen Ministerialbeamten mutmaßen, "dass in Paris bereits ernstzunehmende Experimente durchgeführt wurden, wie Geisteskranke ausschließlich durch logische Aufklärung geheilt werden können".

Auf dem Philosophicum Lech wägten Wissenschafter ebenfalls die Zurechnungsfähigkeit schuldig gewordener Menschen ab, mit gegenwärtigen Mitteln, ohne die historische Perspektive aus den Augen zu verlieren. Immer klarer rückten die Probleme individueller und gesellschaftlicher Verantwortung ins Blickfeld.

Fehlt sie, dann gibt das einerseits zu philosophischen Unterscheidungen zwischen Unverantwortlichkeit und prinzipieller Verantwortungslosigkeit Anlass - für den Philosophen Ludger Heidbrink (Uni Kiel) ist Letzteres gravierender und eine problematische Eigenschaft, mehr als nur eine (unterlassene) Handlung.

Andererseits ist zu untersuchen, wann jemand für sein Handeln im juristischen Sinn schuldig ist und wann er nichts "dafür" kann und nichts dagegen. Der Psychiater Henning Saß (RWTH Aachen) plädierte für die Einbeziehung naturwissenschaftlicher und geistiger Perspektiven bei der Beurteilung von Schuldfähigkeit. "Seelenstörung schränkt Willensfreiheit ein", man müsse nur genau verstehen lernen, wann sie den Handelnden überwältigt.

Keine Verbrechergene

Der Neurowissenschafter Gerhard Roth (Uni Bremen) stellte zunächst einmal klar, dass für ihn alles, was wir tun, "aus dem Hirn kommt". Eine rein mentale Kraft gebe es nicht. Bestimmte Hirnpartien würden aktiv, so hätte die Forschung gezeigt, bevor wir selbst wüssten, dass wir etwas wollten. Mehr noch: Man konnte nachweisen, dass hirnorganische Defizite mit der Unfähigkeit korrelieren, etwa Gesichtsausdrucke zu erkennen. Es fehlt also die Fähigkeit, im Gesicht eines Gegenübers zwischen Angst und Aggression zu unterscheiden. Diese Defizite können durch Stress entstehen und sogar vererbt werden. "Es gibt keine Verbrechergene", so Roth, "aber es gibt genregulatorische Teile, die reaktive Gewaltneigung erklären - ein genetischer Sockel von zirka 20 Prozent."

Was aber bedeutet das für eine Rechtsprechung, die sich traditioneller Definitionen von Verantwortung bedient? Zumindest solle man davon ausgehen, dass ein Straftäter nicht für die Entwicklung seines Gehirns und damit seiner Persönlichkeit schuldig gesprochen werden kann. Ein weites Feld öffnet sich für Gesetzgeber, die solche Einsichten berücksichtigen sollen.

Als Bürger können wir auch diesseits von Straftaten in den Graubereich von Schuld geraten. Die Ethik-Professorin Barbara Bleisch (Uni Zürich) unterschied zwischen Stufen der Verantwortung. Nicht aktiv zu schädigen ist das Mindeste, was wir tun können, und meist auch zu wenig.

Es gebe eine ethische Verpflichtung zur Hilfe, vor allem wenn es um die Verhinderung von Katastrophen geht. Was selbstverständlich klingt, erweist sich als umso diffuser, je komplexer die Frage nach den eigentlich Schuldigen wird: Wie sehr tragen wir zum mörderischen Kampf um Rohstoffe im Kongo bei, wenn wir Smartphones möglichst billig kaufen?

Eine ungewöhnliche Initiative, so Bleisch, war die Weigerung einiger Schweizer Gemeinden, das viele Geld, das beim Börsengang des Rohstoffhändlers Glencore abfiel, für ihr eigenes Wohl zu verwenden. Stattdessen spendeten sie es für Menschen und Regionen, die sie als von Glencore Geschädigte sahen.

Dass wir "Richtiges denken, aber Falsches machen", lautet eine These des Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer (Universität St. Gallen und Stiftung Futurzwei). Wir würden gar nicht merken, dass die Summe unserer unmerklichen Anpassungen in einen neuen Totalitarismus der digitalen Überwachung führt. Sie gebe sich als "pausenlose Verbesserung der Welt", und wer nicht mitmache, der stehe als Trottel da.

Den Tractatus-Preis für herausragende Essayistik erhielt heuer der Schweizer Philosoph Peter Bieri, der unter dem Namen Pascal Mercier auch als Romancier Erfolg hat (z. B. "Nachtzug nach Lissabon"). Franz Schuh, einer der Juroren, lobte in seiner Laudatio Bieris Fähigkeit, Individuelles und Allgemeines miteinander zu verweben. Bieri erinnerte sich an die Studentenzeit, als auf dem Schreibtisch die schwere Philosophie lag und weit weg auf dem Nachtkastel die spannende Belletristik. Dass er die Stile und Denkweisen vereinen konnte, dass "die Möbel schließlich zueinander rückten", das betrachtet er als persönlichen Erfolg.

Es war aus vielem zu schöpfen in Lech, es war manchmal erschöpfend, meist ein Gewinn. Zur Verabschiedung gab Bürgermeister Ludwig Muxel bekannt, worum es beim 19. Philosophicum 16.-20. September 2015 gehen wird: "Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren". (Michael Freund aus Lech, DER STANDARD, 24.9.2014)

  • Alles, was wir tun, kommt aus dem Hirn, sagen Neurowissenschafter. Kann also ein Straftäter für die Entwicklung seines Gehirns und damit seiner Persönlichkeit schuldig gesprochen werden? Das Philosophicum Lech suchte nach Antworten.
    foto: picturedesk / science photo library / mehau kulyk

    Alles, was wir tun, kommt aus dem Hirn, sagen Neurowissenschafter. Kann also ein Straftäter für die Entwicklung seines Gehirns und damit seiner Persönlichkeit schuldig gesprochen werden? Das Philosophicum Lech suchte nach Antworten.

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