Die Türkei spielt im Kampf gegen IS auf Zeit

23. September 2014, 18:20
278 Postings

Auf die Aufforderung der USA, die Türkei möge mehr zur Niederschlagung der IS-Miliz in Syrien und dem Irak beitragen, reagiert Ankara mit Entrüstung

Der Sumpf des Nahen Ostens muss trockengelegt werden - so erklärt das Tayyip Erdogan dem einzigen amerikanischen Journalisten, dem er traut. Doch inwieweit die Türkei bei dieser Trockenlegung mitmachen wird, hat Charlie Rose, der renommierte PBS-Moderator, dann nicht erfahren. Als die US-Armee in der Nacht zum Dienstag mit Luftangriffen gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien beginnt, sind fünf arabische Staaten mit dabei - nicht aber die Türkei. Erdogan spielt auf Zeit. Bei der UN-Generalversammlung in New York wird Gelegenheit sein, darüber zu beraten, heißt es.

Unverblümt forderte US-Außenministers John Kerry Ankara auf, nun mehr im Kampf gegen die IS-Miliz zu tun; die Regierung wies das entrüstet zurück. Niemand habe das Recht, die Türkei auf die Probe zu stellen, tönte Premier Ahmet Davutoglu.

Zögern und Taktieren

Vor einem Jahr noch, nach dem mutmaßlich von der syrischen Armee verübten Gasangriff bei Damaskus, hatte die türkische Regierung zum Sturm auf das Regime von Bashar al-Assad getrommelt und war dann maßlos enttäuscht, als Washington im letzten Moment eine Militäraktion abblies. Nun zögern und taktieren die Türken. Wie schon zu Beginn des Bürgerkriegs in Syrien und der ersten Flüchtlingswellen spielen Armee und Regierung mit der Einrichtung einer Pufferzone auf syrischem Gebiet.

Doch die Probleme sind dieselben wie 2012, merken türkische Kommentatoren an: 900 Kilometer Grenze sind schwierig zu schützen; eine Pufferzone zwischen der Türkei und den islamistischen Gruppen in Syrien aber muss militärisch gesichert sein - keine Aufgabe, die von der Türkei allein erledigt werden könne.

Aufmerksam ist der Satz eines türkischen Journalisten registriert worden, der Erdogan besonders nahesteht. "Sich an Operationen zu beteiligen, die gegen die islamische Welt gerichtet sind, würde für die Türkei bedeuten, ihre Nahost-Vision zu zerstören", schrieb Abdülkadir Selvi, einflussreicher Kolumnist bei Yeni Safak. Selvi war es auch, der - auf Informationen aus dem türkischen Geheimdienst MIT gestützt - verbreitete, bei der Freilassung der 46 türkischen Geiseln am vergangenen Samstag habe es ein Gegengeschäft gegeben. MIT sei eine "sehr erfolgreiche Operation" gelungen, in der die Geiseln für "einige sehr wichtige Namen" der IS ausgetauscht worden seien.

Berichte über Gegengeschäfte

Dabei soll es sich nach Informationen einer anderen türkischen Zeitung zufolge um etwa 50 IS-Kämpfer gehandelt haben, die von einer anderen, der Türkei freundlicher gesonnenen Islamistengruppe gefangengehalten worden waren. Erdogan dementierte diese Aussagen nicht. Lösegeld sei nicht gezahlt worden, sagte er in den USA; ansonsten interessiere ihn nur das Schicksal "meiner 46 Bürger".

Am Dienstag Abend hat Erdogan in New York die Luftangriffe gegen IS begrüßt. Zugleich schloss er eine mögliche militärische oder logistische Unterstützung der Angriffe durch die Türkei nicht länger aus. Zur "Bekämpfung des Terrorismus" werde Ankara "alle notwendigen Maßnahmen" ergreifen, sagte er in einem vom türkischen Fernsehen übertragenen Beitrag vor Journalisten.

Vertreter der syrischen Kurdenpartei PYD, die sich schwere Gefechte mit der IS liefert, behaupten auch, Ankara habe nach der Geiselfreilassung fünf Lastwagen mit Waffen und Munition über die Grenze nach Syrien zu den Islamisten geschickt.

Auch neue Berichte über die medizinische Versorgung von IS-Kämpfern in der Türkei tauchten auf. So seien allein in Gaziantep zwischen Jänner und August rund 700 Mitglieder der Terrormiliz medizinisch behandelt worden; "Jihad-Spital" nannte die regierungskritische Zeitung Bir Gün ihren Bericht.

Unterstützt vom UNHCR nehmen die türkischen Behörden derweil weiter syrische Flüchtlinge auf. (Markus Bernath, DER STANDARD, 24.9.2014)

Kommentar: Eyes Wide Shut

  • Der türkische Staatspräsident Tayyip Erdogan (Mi.) lässt sich nicht  unter Druck setzen.
    foto: epa/murat kula

    Der türkische Staatspräsident Tayyip Erdogan (Mi.) lässt sich nicht unter Druck setzen.

Share if you care.