Eher neun als elf Milliarden

23. September 2014, 19:19
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Kürzlich ließen UNO-Forscher mit einer Wachstumsprognose aufhorchen. Österreichs führender Demograf Wolfgang Lutz hält diese für stark übertrieben

Wien - Im Moment halten wir bei rund 7,2 Milliarden Menschen auf der Erde. Darüber herrscht unter Bevölkerungsexperten Konsens. Ganz anders sieht es bei den Prognosen zur Entwicklung der Weltbevölkerung im Laufe des 21. Jahrhunderts aus: Da spitzt sich gerade ein kleiner Streit zwischen der UNO in New York und einem Forschungsinstitut in Laxenburg bei Wien zu. Und es könnte gut sein, dass die Forscher in Österreich die besseren Karten, oder besser: Daten haben.

Ende vergangener Woche sorgte ein internationales Team aus Bevölkerungswissenschaftern der UNO und einiger Universitäten für gehöriges Aufsehen: Die Forscher prognostizierten in einer Studie im renommierten Fachblatt "Science", dass die Weltbevölkerung mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent das gesamte 21. Jahrhundert über wachsen wird. Im Jahr 2100 würden dann laut den Vorhersagen 10,9 Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben - plus/minus 1,3 Milliarden.

grafik: wittgenstein centre data explorer
Grafik: Bevölkerungs-Projektion unter Einbeziehung der Bildung. (Zum Vergrößern klicken)

Wolfgang Lutz, international angesehener Demograf aus Österreich, hält diese Vorhersagen für übertrieben. Ab nächster Woche kann man seine gesammelten Argumente auf über 500 Seiten nachlesen: Da erscheint nämlich das mit seinen Kollegen Bill Butz und Samir K. C. verfasste Buch "World Population and Global Human Capital in the 21st Century" (Oxford University Press).

Wachstum bis 2070

Vorab fasst Lutz, der unter anderem das World Population Program am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (Iiasa) in Laxenburg leitet, im Gespräch mit dem STANDARD seine wichtigsten Erkenntnisse in zwei Sätzen zusammen: "Laut unseren Prognosen wird die Weltbevölkerung zwar noch bis etwa 2070 auf rund 9,4 Milliarden Menschen wachsen. Doch dann wird sie bis zum Jahr 2100 wieder langsam auf neun Milliarden zurückgehen."

Hinter diesen lapidaren Zahlen stehen indes viele Jahre an Recherchen, der direkte Input von über 550 Experten weltweit und Arbeitstreffen auf allen fünf Kontinenten. Doch nicht nur die Datengrundlage unterscheidet die Iiasa-Prognosen von jenen der UNO, die im Wesentlichen Trends der vergangenen 60 Jahre 90 Jahre in die Zukunft weiterrechnet.

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Grafik: Alterspyramiden für Nigeria nach Bildung für die Jahre 2010 und 2050. (Zum Vergrößern klicken)

"Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass wir zusätzlich zu Alter und Geschlecht auch das jeweilige Bildungsniveau berücksichtigen", sagt Lutz, der mit seinem Team zeigen konnte, dass eine höhere Bildung bei jungen Frauen quasi automatisch zu einem Absinken der Geburtenrate führt. Das wirke sich besonders bei den Entwicklungen in Afrika aus: Die UNO sagt für Nigeria ein Wachstum von 160 Millionen 2010 auf 914 Millionen im Jahr 2100 voraus; Lutz und seine Kollegen kommen auf 576 Millionen.

Geburtenrate in Westafrika sinkt bereits jetzt

Die allerneuesten Daten aus Nigeria, aber auch Mali, geben Lutz recht: Die Geburtenrate sinkt dort bereits, wenn auch ausgehend von einem hohen Niveau. Der zweite zahlenmäßige Hauptunterschied ergebe sich bei China, dem nach wie vor bevölkerungsreichsten Land der Erde. Hier sieht das Team um Lutz einen stärkeren Rückgang als die UNO.

Beide Prognosen werden in den nächsten Jahrzehnten wohl noch das eine oder andere Mal angepasst werden. Ob das Iiasa in Laxenburg oder die UNO in New York mehr Korrekturbedarf haben wird, wird sich aber gewiss schon in den nächsten Jahren zeigen. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 24.9.2014)

  • Unsicherheitsfaktor Afrika: Laut den neuesten Daten aus Ländern wie Nigeria oder Mali sinkt die Kinderzahl pro Frau bereits leicht, weil die jungen Frauen dort besser gebildet sind. In der Vorhersage der UNO ist dieser jüngste Trend noch nicht berücksichtigt.
    foto: denis farrell, file/ap/dapd

    Unsicherheitsfaktor Afrika: Laut den neuesten Daten aus Ländern wie Nigeria oder Mali sinkt die Kinderzahl pro Frau bereits leicht, weil die jungen Frauen dort besser gebildet sind. In der Vorhersage der UNO ist dieser jüngste Trend noch nicht berücksichtigt.

  • Wolfgang Lutz:  "Das Wachstum wird weniger dramatisch."
    foto: apa/herbert neubauer

    Wolfgang Lutz: "Das Wachstum wird weniger dramatisch."

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