Nicolas Sarkozy, der Facebook-Politiker

Analyse23. September 2014, 17:49
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Der Expräsident will die Franzosen davon überzeugen, ihn noch einmal zu wählen

Ein Trommelwirbel, ein Tusch, und schon steht der Zampano wieder auf der Bühne. Seine Frau Carla Bruni habe ihn, heißt es, bis zuletzt abhalten wollen, in die Politik zurückzukehren. Doch Nicolas Sarkozy braucht die Hitze der TV-Scheinwerfer und das Duell mit seinen Rivalen. Nach zweijährigem Entzug ist er nicht mehr zu halten: Einem Internetappell folgt ein Zeitungsinterview, dann ein Fernsehauftritt und diese Woche eine Frankreich-Tournee.

Der "Tiger" sei wieder los, jubilieren seine Fans. Doch "Sarko" geht auf Samtpfoten. "Ich habe Abstand gewonnen, um meine erste Präsidentschaft zu analysieren, um Lehren zu ziehen, um an unsere gemeinsame Geschichte anzuschließen, um die Eitelkeit gewisser Gefühle zu ermessen, und um jedes Revanchedenken von mir zu weisen", schrieb er auf Facebook. Sarkozy mag Facebook; vielleicht, weil er dort nur "Likes" kriegt, aber keine "Dislikes". So macht er am liebsten Politik: für den schönen Schein.

Krallen nur selten ausgefahren

Versöhnlich seine Analyse, der Graben zwischen links und rechts sei "wie ein 300 Jahre alter Teppich", der ausgewechselt gehöre; die Nation müsse vereint die schwierigen Zeiten überwinden.

Nur manchmal zeigt der Tiger seine Krallen, etwa wenn er Staatspräsident François Hollande eine "Litanei von Lügen" unterstellt. Oder wenn er Alain Juppé, dem Kontrahenten in der konservativen UMP, dessen Alter und eine rechtskräftige Verurteilung vorhält. Doch da er selbst Justizaffären am Hals hat, ist er schnell wieder sanftmütig, ja demütig.

Alter Zaubertrick

Nicolas Sarkozy ist noch immer ein grandioser Schauspieler. Sein einziges Problem: Der Film ist schon einmal gelaufen. Der Hauptdarsteller ist wie ein Zauberer, der seinen Trick ein zweites Mal vorführt. Die Franzosen erinnern sich, dass während Sarkozys Amtszeit (2007-2012) die Staatsschuld, die Arbeitslosigkeit und die Steuern gestiegen sind - die drei Krebsübel, die heute die französische Wirtschaft lähmen.

Doch Sarkozy wäre nicht Sarkozy, wenn er nicht versuchen würde, sogar dieses Gegenargument zu seinen Gunsten umzukehren: Gerade weil es den Franzosen heute so schlecht gehe, sagt er, brauchten sie einen erfahrenen und geläuterten Mann, der seinem Land die nötige Energie und Dynamik zurückgeben könne.

Zahlreiche Affären

Funktioniert der Trick heute noch? Die Franzosen schwanken. Sie wissen, dass Sarkozy, der Hollandes Steuererhöhungen geißelt, selbst die Steuern angehoben hatte. Aber zugleich warten sie auf einen neuen "homme de providence", den Mann der Vorsehung. Deshalb bescherten sie Sarkozy 2007 eine triumphale Wahl. Schon fünf Jahre später holten sie Hollande, um ihn loszuwerden.

Und jetzt? Sarkozy ist nicht mehr der Alte. Oder vielmehr doch. Zumal er von mehreren Justizaffären bedroht ist. Aber seit den Skandalen um Exfinanzminister Jérôme Cahuzac, Exaußenhandelsstaatssekretär Thomas Thévenoud oder Ex-UMP-Chef Jean-François Copé hört man auch in Paris nur noch: "Così fan tutte!"

Noch scheint Frankreich nicht willens, Marine Le Pen, die Front-National-Chefin, wirklich ins Elysée zu hieven. Aber deswegen Sarkozy nochmals auf den Schild zu heben? "Non merci", sagen da viele Bürgerliche, denn seine Aura als "natürlicher" Favorit sei verloren, der Medienhype um sein Comeback aufgesetzt. Und der bekannte Exstaatsanwalt Eric de Mongolfier meint resigniert: "Armes Land, das auf der Suche nach einem Retter bloß die Möglichkeit sieht, die alten Schränke der Republik zu öffnen!" (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 24.9.2014)

  • Beim Verlassen des TV-Studios am Wochenende übte Nicolas Sarkozy bereits wieder den staatsmännischen Gestus.
    foto: ap / remy de la mauviniere

    Beim Verlassen des TV-Studios am Wochenende übte Nicolas Sarkozy bereits wieder den staatsmännischen Gestus.

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