Das Ende der Monarchie

Kommentar der anderen23. September 2014, 17:14
122 Postings

Der Tod von Melinda Esterházy bedeutet einen Epochenbruch

In den ersten Septembertagen des Jahres 2014 wurde ein jahrhundertealtes Kapitel der österreichischen Geschichte geschlossen. Mit einem würdevollen Trauerzug, in Anwesenheit aller Honoratioren des Landes Burgenland und von hohen Repräsentanten der Kirche wurde das Begräbnis einer bemerkenswerten Frau und zugleich das letzte große Adelsbegräbnis Österreichs begangen. Die Ehre wurde einer bürgerlich Geborenen zuteil, Melinda Esterházy, der Ehefrau des 1989 verstorbenen Paul V. Esterházy, des letzten regierenden Fürsten der Dynastie.

Vieles an diesem Ereignis hat symbolischen Charakter. Genau hundert Jahre nachdem ein greiser Kaiser in eigener Entscheidung und getrieben von einer hochmütigen, kriegslüsternen und menschenverachtenden Entourage den Ersten Weltkrieg mit verursacht hatte und so in hohem Maße verantwortlich wurde für den Tod von Millionen Menschen, hat sich die Monarchie endgültig verabschiedet. Auch wenn viele Mitglieder des Adels bis heute eine geschlossene Gemeinschaft bilden, auch wenn sie sich, wie das ebenso in anderen Netzwerken der Fall ist, gegenseitig unterstützen, so sind sie doch nur eine unter vielen anderen Gruppen der Gesellschaft. Die Republik mit all ihren Fehlern und ihren um so viel höher zu bewertenden Vorzügen hat die (demokratische) Macht übernommen.

Dass es gerade eine "Esterházy" war, die diesen Übergang jetzt markiert, ist eine schöne Zufälligkeit der Geschichte. Diese Adelsfamilie hat in der Vergangenheit vieles von dem vorweggenommen, für das die Demokratie idealtypisch steht. Im Jahre 1670 ermöglichte Paul I. Esterházy jenen rund 3000 Juden den Zuzug ins Burgenland, die von Leopold I. aus Wien vertrieben wurden. Es etablierten sich die "sieben Gemeinden", in denen die Religionsgemeinschaft Schutz und Heimat bekam, wie es sonst nirgends in Europa der Fall war. Der Schriftsteller Franz Werfel schrieb in seinem Werk Die wahre Geschichte vom wiederhergestellten Kreuz: "Auf zwei Dinge waren die burgenländischen Juden stolz: auf ihre gelehrten Männer und auf ihre Bodenständigkeit. Im Gegensatz zu anderen jüdischen Stämmen nämlich hatten sie den Fluch der Wanderschaft und Heimatlosigkeit längst vergessen. Sie waren weder aus Russland und Polen, noch aus Mähren und Ungarn immigriert, sie rühmten sich, von jeher im Lande gesessen zu haben." Erst der nationalsozialistische Terror beendete die Geschichte der Juden im Burgenland auf grausame Weise.

Paul V. Esterházy und seine Frau Melinda hatten durch viele Jahre ein Leben in Not und Bedrängnis kennengelernt. Der Fürst verlegte 1938 wegen des Nazi-Regimes seinen Lebensmittelpunkt nach Ungarn und setzte sich dort nach der Machtübernahme durch die Nazis für die Budapester Juden ein. Bald nach Ende der einen Schreckensherrschaft begann die nächste. Die Kommunisten regierten, beschlagnahmten sein Vermögen und sperrten ihn ein. Das Paar entkam erst 1956 und zog in die Schweiz.

Durch den Tod von Paul im Jahr 1989 wurde Melinda Esterházy zur Erbin des großen Vermögens der Familie. Auf faszinierend gleichnishafte Weise ging so der Besitz eines Adeligen in jenen einer Bürgerlichen über, die Monarchie wurde symbolisch und im Kleinen von der Republik abgelöst. Es ist nicht verwunderlich, dass sich einige ewig gestrige Adelige mit diesem radikalen Wandel nicht befreunden und die Zeit der Apanagen und des Besitzmonopols zurückholen wollen.

Es ist das große Verdienst von Melinda Esterházy, dass sie sich dieser Aufgabe würdig erwies. Sie hat die Vermögenswerte in Stiftungen eingebracht. Dieses ihr Vermächtnis ist darauf gerichtet, aus dem Besitz wirtschaftliche Erträge zu erzielen, um damit Kunst und Kultur in Österreich und in Ungarn zu fördern. So hat sie sichergestellt, dass die Esterházy'schen Kulturgüter der Öffentlichkeit für die kommenden Generationen zugänglich gemacht wurden und werden. Die Schlösser und Kunstwerke der Esterházys sind heute Tourismusmagneten und Identitätsstifter für das Burgenland.

Mit dem Tod von Melinda Esterházy ist die Monarchie beendet und damit auch die 400-jährige Geschichte des Adelshauses in Österreich wie in Ungarn dahingegangen. Was bleibt, sind international geschätzte Kulturgüter und die Grundwerte dieser bemerkenswerten Frau, die dem aufgeklärten Bürgertum, meint uns allen, gut anstünden, und die da heißen: Weltoffenheit, Liberalität und Liebe zu Kunst und Kultur. (Peter Menasse, DER STANDARD, 24.9.2014)

Peter Menasse ist Chefredakteur des Magazins "NU" (www.nunu.at) und Kommunikationsberater in Wien und im Burgenland.

Share if you care.