Virologe: "Ebola und Grippe sind verwandt wie Mensch und Affe"

Interview26. September 2014, 05:30
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Die Epidemie in Afrika wird von Medien und Politik hochgespielt, meint der Virologe Peter Palese

STANDARD: Sie sind nach Wien gekommen, um eine Laudatio auf ihren Doktorvater, den Biochemiker Hans Tuppy, zu halten. Tuppy, der ja auch FWF- und Akademiepräsident sowie Wissenschaftsminister war, wurde 90 Jahre. Was verbinden Sie mit ihm?

Palese: Er hat ein fantastisches Gefühl für Wissenschaft. Ich habe ja Chemie studiert und wollte zum besten und modernsten Doktorvater für unser Fach gehen. Meine Forschung und meine Arbeit an der Mount Sinai School of Medicine in den USA ist faktisch auf dem aufgebaut, worüber ich damals bei ihm dissertiert habe.

STANDARD: Welches Thema wählten Sie?

Palese: Ich beschäftigte mich mit Neuraminsäure. Das ist ein Zucker, der auf allen Zellen vorkommt. Derivate von dieser Neuraminsäure wurden damals schon von Tuppy und einem Kollegen von Boehringer Ingelheim synthetisiert, mit der Idee, dass diese Derivate Hemmstoffe von Influenzaviren sein können. Dreißig Jahre später sind daraus wirklich Medikamente entstanden.

STANDARD: Sie sind gleich in die USA gegangen? Hatten Sie ein Angebot?

Palese: Ja, vom Pharmakonzern Hoffmann-La Roche. Das waren die goldenen Zeiten, um in die USA zu gehen. Die sind zwar vorbei. Für junge Leute, die viel arbeiten können und gute Ideen haben, ist Amerika aber immer noch ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. Wer einen Nine-to-five-Job erwartet, wird in den USA nicht weit kommen. Die Situation für Forscher ist aber in Österreich besser geworden, als sie zu meiner Zeit in den 1960er-Jahren war. Es gibt etwa das Institut für Molekulare Biotechnologie IMBA in Wien.

STANDARD: IMBA-Direktor Josef Penninger hat wie Sie schon bezüglich Sars geforscht. Diese Krankheit trat vor mehr als zehn Jahren erstmals auf. Ob Sars, Influenza oder Ebola. Es treten in jüngster Zeit vermehrt Virenepidemien auf. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Palese: In den vergangenen 150 bis 200 Jahren gab es immer wieder Epidemien. Die Spanische Grippe von 1918 war zwar ein Jahrhundertfall, eine Pandemie, es gab auch andere, weniger bekannte Fälle. Aber ich will das Auftreten in der Gegenwart nicht kleinreden: Ein Grund für dafür mag darin liegen, dass es heute hundertmal mehr Hühner gibt als 1900. Wenn Sie also einen Virus betrachten, der sich in Hühnern vermehren kann, dann werden Sie sehen, dass die Gefahr der Übertragung deutlich größer ist als zuvor.

STANDARD: Nehmen wir den aktuellen Fall: Wie gefährlich ist Ebola?

Palese: Ebola ist schrecklich für die Menschen in den betroffenen Regionen, aber in Österreich oder in anderen westlichen Ländern würde kein Mensch daran sterben. Ebola wird von den Medien hochgespielt. Und Politiker sehen da leider die Chance, sich zu profilieren.

STANDARD: Wenn es nicht so gefährlich ist, warum starben dann doch schon relative viele Menschen daran - Mitte September waren es fast 2700 Todesfälle?

Palese: Das Virus kann nur in Ländern gedeihen, in denen Hygienestandards fehlen. Wenn man kein funktionierendes Toilettensystem hat, wenn man im Krankheitsfall keine Handschuhe hat und auch keine Autoklaven - Druckbehälter zum Sterilisieren von medizinischem Werkzeug -, dann ist die Gefahr einer Ausbreitung natürlich enorm. In Österreich wird sich niemand bei einem Ebola-Erkrankten anstecken, weil der sofort isoliert und nur unter Berücksichtigung strenger hygienischer Vorsichtsmaßnahmen behandelt werden würde. Das gibt es in Ländern wie Sierra Leone oder Liberia, wo Ebola ausgebrochen ist, leider nicht. Ich bin mir sicher, dass ganz banale medizinische Standards aus dem 19. Jahrhundert genügen würden, um die Krankheit einzudämmen.

STANDARD: Es scheitert also derzeit daran, dass man in Afrika nicht die Möglichkeiten hat wie in der westlichen Welt?

Palese: Es scheitert auch an politischen Verhältnissen, daran, dass Staaten ihr Geld lieber für Kriege ausgeben als für die Bevölkerung. Ich nenne Ihnen ein Beispiel, wie einfach die Methoden sein könnten, um Ebola einzudämmen. In den 1960er-Jahren trat das Marburg-Virus auf, das dem Ebola-Virus sehr ähnlich ist. Affen wurden in ein veterinärmedizinisches Labor gebracht und bissen die Mitarbeiter. Ich habe vor etwa 15 Jahren mit dem Arzt gesprochen, dem es damals gelang, die Krankheit einzudämmen, und bewundernd gefragt, wie ihm das gelungen sei. Die Antwort war ziemlich simpel: nur mit Isolation der Kranken, mit Desinfektion und Schutzbekleidung.

STANDARD: Ziehen Virologen Vergleiche hinsichtlich der Gefährlichkeit von Viren und ihrer Ausbreitung?

Palese: Klar. Das Ebola-Virus ist bei weitem nicht so ansteckend wie ein Grippevirus, mit dem es übrigens verwandt ist. Wir sprechen hier von einer Virenklasse. Das ist vergleichbar mit dem Menschen, der mit dem Orang-Utan verwandt ist - was natürlich nicht heißt, dass der Mensch ein Orang-Utan ist oder umgekehrt. Malaria ist viel gefährlicher als Ebola - gegen einen Mückenstich ist man machtlos. Auch Masern würde ich als gefährlicher einstufen.

STANDARD: Masern?

Palese: In Österreich gibt es keine Masern mehr, aber weltweit sterben eine Million Kinder daran. Deshalb bin ich auch sehr dafür, dass Eltern ihre Kinder impfen lassen. Es gibt genügend Menschen, die dagegen sind. Nur wenn man als Erwachsener dann in ein Land fliegt, wo Masern noch auftreten, dann wird man wirklich schwer krank. Wir erkennen da eine 20- bis 30-prozentige Sterblichkeit. Die Entwicklung von Impfungen ist eine Erfolgsgeschichte der Medizin. Ich verstehe nicht, warum man sich dagegen ausspricht. Das, was ich zu Masern sagte, gilt auch für Polio. Je älter man wird, umso gefährlicher wird die Krankheit.

STANDARD: Gegner der Human-Papilloma- Virus-Impfung sprechen oft von Nebenwirkungen.

Palese: Manche haben auch von einem Sin Vaccine gesprochen, einem sündige Vakzin, das den freien Sex fördert, was ein totaler Unsinn ist. Das sind religiöse Fanatiker. Ihre Argumentation ist dumm. Der gängige Impfstoff ist großartig. Wenn man bedenkt, welches Leid ein durch das Virus entstehender Gebärmutterhalskrebs verursacht.

STANDARD: Sie wären in Österreich schon emeritiert. In den USA gehen Sie noch immer ins Labor. Woran arbeiten Sie aktuell?

Palese: Mit zwei anderen Gruppen entwickeln wir gemeinsam eine universelle Influenza-Impfung. Derzeit muss man sich ja jedes Jahr gegen die Grippe impfen lassen, wenn man vorbeugen will. Das Virus verändert sich nämlich laufend. Unser Impfstoff sollte das hinfällig machen. Ob das ein Leben lang hält, weiß ich nicht. Das wird man sehen. Aber auch zwanzig Jahre wären schon ein Erfolg.

STANDARD: Warum glauben Sie, dass die Wirkung trotz Mutationen des Virus anhält?

Palese: Wir produzieren den Wirkstoff aus dem Teil des Virus, der sich nicht oder kaum verändert. Da sind Funktionen, die sich nicht verändern, weil das Virus sich sonst nicht vermehren könnte. Bei Mäusen und Meerschweinchen hat es bestens funktioniert. Die Frage ist, wie es im Menschen wirkt. Die US-Gesundheitsbehörde National Institute of Health hat den Impfstoff gerade hergestellt. Im ersten Halbjahr 2015 wird er getestet. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 24.9.2014)


Peter Palese (70), geboren in Linz, studierte Pharmazie und Chemie an der Universität Wien. Er war Postdoc am Roche Institute of Molecular Biology in Nutley, New Jersey, und blieb in den USA. Er beschäftigt sich mit der Genetik von Viren und zählt zu den meistzitierten Virologen weltweit. Palese ist seit vielen Jahren an der Mount Sinai School of Medicine tätig und leitet dort das Department of Microbiology.

  • Der aus Österreich stammende Virologe Peter Palese kritisiert die zunehmende Impfverweigerung der Gesellschaft und ist der Meinung, hier werde religiöser Fanatismus betrieben. Die Argumente gegen Impfungen zeugten von Unwissenheit und Dummheit.
    foto: standard/corn

    Der aus Österreich stammende Virologe Peter Palese kritisiert die zunehmende Impfverweigerung der Gesellschaft und ist der Meinung, hier werde religiöser Fanatismus betrieben. Die Argumente gegen Impfungen zeugten von Unwissenheit und Dummheit.

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