Das Dach hat den Dreh raus

28. September 2014, 23:10
19 Postings

Wiener Forscher untersuchen die Tauglichkeit von kleinen Windkraftanlagen im urbanen Raum

Wien - Noch weht der Wind weitgehend ungenutzt über die Dächer Wiens. Aber das soll sich bald ändern. Ähnlich ihren großen Geschwistern außerhalb der Städte könnten künftig viele kleine Windräder dazu beitragen, den urbanen Energiehunger zu stillen.

Man könnte glauben, dass man dafür einfach nur die ausgefeilten Konstruktionen der großen Windräder ins Miniaturformat übertragen müsste. Das sei aber ganz und gar nicht so, erklärt Hubert Fechner, Leiter des Instituts für Erneuerbare Energie der Fachhochschule Technikum Wien. Er erforscht mit seinem Team die Einsetzbarkeit von Kleinwindenergieanlagen im urbanen Raum.

Es sei etwa recht unwahrscheinlich, dass sich für die städtischen Windräder dieselben Rotortypen wie bei den hoch aufragenden Pendants am Land durchsetzen. Dort sei man bemüht, möglichst hoch hinaufzugehen, um gleichmäßige Windgeschwindigkeiten anzutreffen. Wenige Meter über den Dächern der Stadt ist dagegen mit Turbulenzen, also sich schnell ändernden Windrichtungen und -geschwindigkeiten, zu rechnen.

Stroboskop-Effekte im nächsten Großraumbüro

Auch die räumliche Nähe zu den Stadtbewohnern fordert Tribut. Die Windräder sollten nicht zu laut sein. Im Winter sollte kein Eis unkontrolliert von ihnen abfallen. Und ihr Schattenwurf sollte zu keinen stundenlangen Stroboskop-Effekten im nächsten Großraumbüro führen.

"Bisher gibt es keine verlässlichen Studien, ob Windräder tatsächlich eine realistische Option in der Stadt sind", sagt Fechner. Und das, obwohl es bereits viele Modelle am Markt gibt. In den vergangenen Jahren haben die Forscher gemeinsam mit Wirtschaftspartnern einen Energieforschungspark in Lichtenegg-Pesendorf (NÖ) eingerichtet, um elf verschiedene Bautypen auf ihre Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit zu prüfen.

Ein Endbericht zum Kleinwindanlagen-Test soll in wenigen Wochen verfügbar sein. Ab dem kommenden Frühling sollen dann die geeignetsten Windkraftanlagen auch in Wien installiert werden. Gemeinsam mit Partnern wie der Wiener Boku und dem Austrian Institute of Technology (AIT) soll in einem weiteren Forschungsprojekt ihr Einsatz im urbanen Raum evaluiert werden. Dann sollen auch spezielle Folien getestet werden, die die Bildung von Eiskristallen an den Rotorblättern unterbinden und damit die Eisgefahr ausschalten.

Eine der größten Hürden für die Montage einer Kleinwindenergieanlage in Stadtlage ist zurzeit die Bürokratie. "Es gibt noch keine standardisierten Vorgaben", sagt Fechner. Um ein Windrad in Betrieb nehmen zu können, müsse man sich um eine ganze Reihe von Einzelgenehmigungen von Magistraten und dem Netzbetreiber bemühen. Trotzdem, schätzt Fechner, könnte sich die Technologie "mittelfristig" als gute Ergänzung zur Sonnenenergie etablieren. (pum, DER STANDARD, 24.9.2014)

  • Windräder werden in der Stadt künftig häufiger anzutreffen sein.
    foto: wolf-dieter grabner

    Windräder werden in der Stadt künftig häufiger anzutreffen sein.

Share if you care.