Night Run: James Clarkes 100 Medaillen gegen die Dunkelheit

Blog25. September 2014, 05:30
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James Clarke erblindet. Bevor er das Augenlicht ganz verliert, will er 100 Medaillen bei Laufevents gesammelt haben

Heuer wird es sich für mich nicht ausgehen. Und obwohl ich nichts dafür kann, dass ich die vergangenen Dienstage (ebenso wie den kommenden Dienstag) nicht in Wien war (respektive: sein werde), habe ich doch ein schlechtes Gewissen: So viel Zeit opfere ich ja nicht für andere Menschen. Ein oder zwei Stunden pro Woche tun nicht weh, sind für andere, die Kids der Laufgruppe des Bundesblindeninstituts, aber doch wichtig. Außerdem mag ich den Vienna Night Run - erst recht, seit ich dort einmal als Begleitläufer mit einem blinden Jugendlichen unterwegs war.

Das war im Vorjahr. Und dass Patrick Bitzinger, "mein" Schützling vom Night Run 2013, mittlerweile Karriere als Radrennfahrer macht (ja es gibt blinde Radrennfahrer: auf dem Tandem), macht mich stolz - obwohl ich genau gar nichts dafür getan habe, außer einmal mit ihm rund um den Ring und ein oder zwei Mal im Prater zu laufen.

foto: thomas rottenberg
Patrick Bitzinger beim Night Run im Vorjahr.

Heuer, Dienstagabend, werde ich den Quickie um den Ring auslassen müssen. Das tut mir ein bisserl weh. Weniger, weil ich den überlaufenen Lauf vermissen werde. Der Night Run IST zu voll. Und mit fünf Kilometern zu kurz für diese Menge an Startern. Weil (fast) jeder glaubt, die Distanz im Sprint absolvieren zu können/zu müssen, und es jedes Mal ein paar echte Adrenalin-Testosteron-Ehrgeizler im Feld gibt. Beim dritten Läufer, der rempelt und schubst, obwohl es auch für ihn genau um nichts geht, vergesse ich die tausend fröhlichen und freundlichen und kameradschaftlich-fair laufenden anderen im Feld.

Geschenkt. Darum geht es nicht, weil der Night Run zumindest für mich primär eine andere Botschaft hat: die der Behindertensportler, die dort den (angeblich) Nichtbehinderten wie mir ganz deutlich zeigen, was möglich ist. Wenn man Handicaps nicht zur Verhinderung heranzieht. Wenn man sich von Nichtbehinderten nicht behindern oder abhalten lässt, zu tun was man will. Und kann - weil man es will. Trotz oder wegen allem: Es ist eine Ehre, da dabei sein zu dürfen.

Medaillensammler James Clarke

Natürlich wäre ich gerne mitgelaufen. Entweder mit einem der Jugendlichen aus dem Internat des Bundesblindeninstituts (wenn ich es geschafft hätte, auch nur ein einziges Mal zum Lauftreff in Wien zu sein …) oder aber mit James Clarke.

foto: robert scriven

Clarke ist heuer als Gast von "Licht für die Welt" beim Night Run. Also jener NGO, für die da gerannt wird und die das hier (und anderswo) gesammelte Geld dazu verwendet, in Dritteweltländern Menschen das Augenlicht zu retten. Der 36-jährige Londoner James Clarke war von Geburt an taub. Als er neun Jahre alt war wurde bei ihm das "Usher Syndrom" attestiert: Der angeborene Gen-Defekt führt langsam aber sicher zum Erblinden des Betroffenen. Der Prozess ist unerbittlich - und der Verlauf der Krankheit weder zu stoppen noch zu verlangsamen. Das "Fazit" ist irreversibel.

Der Krankheit davonlaufen ist unmöglich. Aber gegen Verzweiflung kann man anrennen. Clarke tat genau das: Er fasste am 1. Jänner 2008 einen Entschluss. Bevor er sein Augenlicht ganz verlieren würde, wollte er 100 Lauf-Medaillen erlaufen haben. Von fast jeder Art von Läufen: Marathon, Halbmarathon, Volksläufe, Zehn-Meilen-Events. Mittlerweile, im August 2014, hält Clarke bei 59 Medaillen. Beim Night Run soll (und wird) die 60. folgen.

Rennen gegen die Zeit

Clarkes Medaillenjagd ist ein Rennen gegen die Zeit. Nicht gegen die auf der Lauf-Uhr, versteht sich: Derzeit, sagte er im Jänner, schätze er seine Sehfähigkeit auf "rund 50 Prozent" ein. Ich bin da kein Experte. Und weiß auch nicht worauf genau sich 100 oder zehn Prozent bezögen. Allgemeinverständlicher ist da die Erklärung, die der Läufer selbst liefert:

"Ich kann ganz gut lesen. Es hängt von der Buchstabengröße und den Einstellungen am Computer oder Smartphone ab. Bücher und Zeitungen sind aber ziemlich schwer - sogar wenn ich meine Lesehilfen verwende. Ich gebe da oft nach zehn Minuten auf. Ich lese kaum ein Buch zu Ende. Ich bin auch nachtblind. Ich erkenne nur die Lichter eines Autos, Straßenlampen oder beleuchtete Fenster und kaum ein Detail am Boden. Bei Tageslicht, egal ob drinnen oder im Freien, kann ich Gebärden von Menschen in etwa zwei Metern Entfernung sehen. Wenn sie näher kommen, geht das nicht. Mein Sehen kann man mit einem Camcorder vergleichen: Der braucht ebenfalls das richtige Licht, die richtige Distanz und den richtigen Kontrast zwischen Haut- und Kleiderfarbe der Menschen. Manche Menschen nennen das 'Tunnelblick', aber ich habe auch schwarze Flecken in meinem Sichtfeld. Deshalb kann ich mich beim Lesen nicht entspannen."

Sein Lauftempo dürfte den Fastblinden da allerdings nicht verraten: Für seinen schnellsten Halbmarathon brauchte er eine Stunde und 44 Minuten, also eine Zeit, von der viele Nichtbehinderte nur träumen können. Aber: Um Zeit geht es nicht. Nicht um diese Art der Zeit …

Der erblindende Läufer will sein Ziel bis 2017 erreicht haben. Und hofft, dass sich die 100 Medaillen bis dahin ausgehen. "Wenn ich nichts mehr sehe, will ich sie fühlen können. Und stolz darauf sein, diese Challenge geschafft zu haben." Aber das Leben, sagt er, wird damit nicht zu Ende sein: "Ich werde mir dann etwas Neues einfallen lassen. Eine neue Herausforderung."

Dem Briten bei der Erfüllung seines Traums ein ganz kleines Bisschen zur Seite gestanden zu haben, hätte mich wirklich stolz gemacht. So, wie mit einem anderen Blinden oder schwerst Sehbehinderten da die Runde um den Ring zu machen: Auch wenn es da wahrlich nicht um mich geht, wäre es gelogen, zu behaupten, dass das "Thumbs up", die Anfeuerungsrufe und der Applaus anderer Läufer mir beim Begleitlaufen nicht auch gut tun. (Ich will und werde diese Form der Eitelkeit keinem anderen Begleitläufer unterstellen - aber dass Charity keine Einbahnstraße ist, geben eigentlich alle zu, mit denen ich da je drüber gesprochen habe.)

Aber es geht noch um etwas Anderes: Um Sichtbarkeit. Darum, zu zeigen, was geht. Wenn man will. Und die, die es tun wollen, nicht abschasselt oder "zu ihrem eigenen Schutz" ausschließt. Also behindert.

Darum fühle ich mich ein bisserl schuldig, dass ich am Dienstag nicht dabei sein kann, wenn James Clarke mit meinem Freund Christoph als Begleitläufer genau das zeigen wird. So wie etliche andere behinderte Athleten auch.

Aber ich habe ein Bitte: Feuern Sie diese Läufer und Läuferinnen an. Egal, ob Sie Zuschauer sind, oder selbst laufen. Nur machen Sie es bitte nicht so, wie einer, der Patrick und mich im Vorjahr überholte: Einem Blinden im Vorbeilaufen von hinten auf den Rücken oder die Schulter zu klopfen, kommt nämlich nicht so gut. Auch dann nicht, wenn es wirklich ausschließlich anerkennend und aufmunternd gemeint ist … (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 25.9.2014)

Vienna Night Run 2014

Der Vienna Night Run startet 30. September um 20 Uhr und führt über fünf Kilometer die Wiener Ringstraße entlang. Sechs Euro vom Startgeld jedes Teilnehmers und jeder Teilnehmerin gehen direkt an "Licht für die Welt" und fließen von dort in Projekte in Afrika, Asien und Südamerika. Im Jahr 2013 liefen 19.000 Teilnehmer mit.

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