Tommy Hilfiger: "Ich poste sogar selbst"

Interview30. September 2014, 08:00
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Er hat ein Händchen für Jugendkultur, trotz der mittlerweile grauen Haare: Tommy Hilfiger über jugendliche Dreistigkeit, Social Media, Pomp und den Nachwuchs in der turbulenten Modebranche

Wenn Tommy Hilfiger empfängt, dann repräsentativ und an verschwiegener Adresse. Securitys öffnen diskret die hohen Flügeltüren zur Audienz im Hotel Das Stue im Berliner Botschaftsviertel. RONDO trifft im einstigen Empfangssaal des dänischen Botschafters einen ausgesprochen gut gelaunten und gelassenen Designer. Gekleidet in typische Hilfiger-Farben, bittet Tommy, Platz zu nehmen, und bietet Kaffee und frische Früchte an.

STANDARD: Sie sind 63 Jahre alt. Woher wissen Sie, was junge Leute heute tragen wollen?

Hilfiger: Weil ich mich wie 25 fühle. Aber im Ernst: Ich reise ständig um die Welt, sehe und fühle die Styles und Trends auf den Straßen. Ich schaue mir an, was die Leute tragen, und das ist einzigartiger als jemals zuvor: Es ist oft ein Mix aus Selbstgemachtem, Vintage, Designersachen und High-Street-Mode. Gleichzeitig habe ich ein unglaubliches Team mit mutigen Ideen. Meine Frau, Dee, ist meine Muse.

STANDARD: Also Augen aufmachen, sich inspirieren lassen. Wie halten Sie es mit Modeblogs und Social Media - nehmen die einen zu wichtigen Stellenwert in der Branche ein?

Hilfiger: Als sehr neugieriger Mensch interessiert mich das schon. Ich verwende dauernd Instagram, weil ich es liebe, Fotos anzuschauen: Menschen, Orte und was halt so da draußen passiert. Als Katy Perry in einem Hilfiger-Outfit auf Instagram gepostet wurde, hatten wir sofort mehr Hits.

STANDARD: Tommy Hilfiger hat viele Follower auf Facebook und Twitter. Ist dieses dauernde aktuelle Infotainment der Öffentlichkeit ein notwendiges Übel für Sie?

Hilfiger: Nein, ab und zu poste ich sogar selbst, weil ich Spaß daran habe, sonst würde ich es nicht machen. Außerdem kriege ich über Social Media direktes Feedback, vor allem auch von jungen Leuten, was ich sehr schätze.

STANDARD: Welche junge Klientel trägt denn Ihre Mode?

Hilfiger: Studenten, sportliche, legere Typen und Preppies (Eliteschüler und -studenten an der US-Ostküste, Anm.), aber auch Hollywoodstars und Sänger. Im Grunde trägt beinahe jeder Mode von Hilfiger: Kinder, Männer, Frauen, Businessmenschen und Künstler. Wir versuchen die Marke auch jung und cool zu halten, weil sich jeder gerne jung fühlen will.

STANDARD: Sie werben dafür, dass Ihre Mode für alle tragbar ist, das klingt austauschbar.

Hilfiger: Das war ja meine Idee: Ich wollte ganz viele Menschen anziehen, nicht nur einen Typ. Das wäre langweilig und letztendlich nicht lukrativ. Ich wollte immer Mode machen, die die Menschen auch tatsächlich anziehen.

STANDARD: Einer ihrer Söhne ist Rapper. Trägt er auch Hilfiger?

Hilfiger: Manchmal schon.

STANDARD: Wissen Sie denn, was Ihre Kinder anziehen, interessiert Sie deren Style?

Hilfiger: Das interessiert mich sehr. Mein älterer Sohn mag Skateboard- und Street-Style, meine zwei Stiefsöhne ziehen sportliche Sachen an. Eine meiner Töchter liebt japanischen Style, eine Preppy Style und die dritte Vintagesachen.

STANDARD: Vor kurzem war zu lesen, dass Sie Ihre Jeans aus Umweltbewusstsein nicht waschen. Stimmt das?

Hilfiger: Die wahre Geschichte dahinter ist, dass ich eine 30 Jahre alte Levi's-Jeans zu Hause habe. Für mich ist diese Hose wie ein heiliges Kunstwerk. Aber: Sie droht auseinanderzufallen. Das ist der einzige Grund, warum an diese Hose keine Waschmaschine kommt. Abgesehen davon ist es für den Erhalt der Farbe und des Materials von Jeans generell nicht gut, sie nach jedem Tragen zu waschen.

STANDARD: Modeschauen sind heute pompöse, teure Events, aufgezogen fast wie Popkonzerte. Erinnern Sie sich an Ihre allererste Show?

Hilfiger: Das war 1970, eine kleine Show in einem Kaufhaus. Ich hatte eine Liveband und war ziemlich aufgeregt. 1985 gab es dann bereits eine viel größere Schau, als ich mit meiner namensgleichen Marke Tommy Hilfiger startete.

STANDARD: Wie haben sich die Shows in den vergangenen 40 Jahren verändert?

Hilfiger: Die Energie ist ganz anders. Die Modeschauen sind größer, stärker, schneller, mit lauter Musik. Das Reizniveau ist sehr hoch. Alle großen Designhäuser machen diese kräftestrotzenden, pompösen Laufstegshows, um der Presse zu zeigen, was sie machen. Ohne das Kommerzielle kann keiner von uns Designern in der Branche überleben.

STANDARD: Sie waren heuer der Schirmherr des Designer for Tomorrow Award bei der Fashion Week in Berlin. Der italienische Gewinner Matteo Lamandini wird mit Ihren Designern zusammenarbeiten. Was können Sie von so einem jungen Newcomer noch lernen?

Hilfiger: Wir lernen gegenseitig voneinander. Ich bekomme neue Ideen, Inspiration. Er lernt von jemand Etablierten, wie es gehen kann: Im Modebusiness sind Stil und Modetrends zwei unterschiedliche Dinge. Ersterer ist für einen Designer wichtig, um sich selbst treu zu bleiben, Letztere ist schnelllebig.

STANDARD: Was müssen Jungdesigner haben, um erfolgreich zu werden?

Hilfiger: Sie müssen Persönlichkeit haben, hart arbeiten und getrieben sein, um Erfolg zu haben. Und sie dürfen neben ihrer kreativen Arbeit nie das Geschäftliche vergessen. Denn das ist letztlich das, worum es geht: zu überleben, Geld für die nächste Saison zu haben. Das habe auch ich schon erfahren müssen. Genau das verdrängen aber viele. Das Verwirklichen guter Ideen ist das eine, gute Businesspartner das andere. Man muss wissen, was sich verkauft und welche Preisniveaus gut oder schlecht sind.

STANDARD: Auch Tommy Hilfiger erlebte Krisen. Sie mussten Läden schließen, Kollektionen reduzieren, wurden erst von einem Finanzinvestor übernommen und 2010 an den US-Konzern Phillips-Van Heusen verkauft.

Hilfiger: Klar hatten wir Höhen und Tiefen, aber ich war immer leidenschaftlich genug, für das zu arbeiten, an das ich glaube. Als ich 23 war, hatte ich finanzielle Probleme mit meiner ersten Firma. Von dem Tag an begann ich auch, Geschäftsmann zu werden. Heute bin ich Chefdesigner.

STANDARD: Als Sie 1985 Ihre Männermodekollektion herausbrachten, waren Sie ziemlich dreist und teilten der Welt mit, einer der vier Topdesigner zu sein.

Hilfiger: Meine Kampagne war sehr dreist, aber sie war dazu da, Aufsehen zu erregen. Erfolgreiche Menschen haben Vertrauen in sich selbst. Denn haben sie das nicht, wer sonst? (Marietta Adenberger, Rondo, DER STANDARD, 26.9.2014)

Tommy Hilfigers Karriere begann Ende der 1960er, als er mit Freunden und 150 Dollar Kapital ein Hippie- Geschäft namens People's Place eröffnete. Die erste eigene Kollektion lancierte der in Elmira, New York, geborene Designer erst rund 15 Jahre später - mit einem komplett anderen Stil, dem Casual Chic in den typischen Farben Dunkelblau, Weiß und Rot. Hilfigers Mode gilt als beliebt unter den "Preppies", Elitestudenten an der US-Ostküste, die mit Marken wie Ralph Lauren oder Marc O'Polo den klassischen, konservativen Sportswear-Look pflegen.

Musiker wie Snoop Dogg griffen die Mode in den 1990ern auf und machten sie in der Rap-Szene salonfähig. Das Label ging an die Börse. Später geriet es in Turbulenzen. 2005 verkaufte Hilfiger an den Finanzinvestor Apax Partners. 2010 folgte die nächste Übernahme durch den Luxuskonzern Phillips-Van Heusen (PHV), zu dem auch Calvin Klein gehört. Heute ist Hilfiger Chefdesigner, die Geschäfte als CEO führt der Schweizer Daniel Grieder.

Die Reise nach Berlin erfolgte auf Einladung von Peek & Cloppenburg.

  • Yachten und Segelboote, bekannte Symbole der US-Ostküste, spielen in der Ikonografie von Tommy Hilfiger eine große Rolle.
    foto: annie leibovitz

    Yachten und Segelboote, bekannte Symbole der US-Ostküste, spielen in der Ikonografie von Tommy Hilfiger eine große Rolle.

  • Hilfiger gilt als König des Mainstreams. Hier ein Modell aus der aktuellen Kollektion.
    foto: tommy hilfiger womenswear

    Hilfiger gilt als König des Mainstreams. Hier ein Modell aus der aktuellen Kollektion.

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