Die Serviette umhängen

26. September 2014, 15:53
130 Postings

Das aufwändig ziselierte Designrestaurant hat wieder offen - und mit einem ziemlich gelungenen Konzept noch dazu

Das Viertel rund um das Servitenkloster im neunten Wiener Bezirk wird von Anwohnern gern einmal mit Notting Hill oder dem Pariser Marais verglichen - was zuerst einmal von der bohemiesken Selbsteinschätzung des hier ansässigen Bürgertums zeugt: Warum nicht gleich Tribeca oder Canal St. Martin? Davon abgesehen aber ist die Servitengasse eh eine Ausnahmeerscheinung in der Stadt. Nicht bloß wegen ihres Idylle befördernden Baumbestands (der Rest des innergürtlichen Wiens misst sich da eher mit Tatooine oder sonst einem Wüstenplanet), sondern vor allem wegen der irrwitzigen Gastro- und Delikatessendichte im vorderen Teil der Gasse.

Von obskuren Mahlgewürz-Verschleißern über Ravioli-Drucker mit Schwäche für stärkelastige Füllungen bis zu den Sauerkaffee-Röstern von Caffè a Casa und den Pralinendrehern von Xocolat gibt es hier tolle Sachen, die sich sonst kaum wo in Wien halten könnten. Auch die Gastronomie wagt sich - teilweise - aus der Deckung allzu konventionellen Angebots: Der Servitenwirt etwa mit ermutigendem Fokus auf Wild und Wildinnereien, die Mittagsschachtel Essenti mit zusehends köstlichem Salatbuffet, Frozen Yoghurt und einigem mehr, was der Notting-Hill-Wannabe sich so wünschen mag.

Intim und aufwändig ausgestattet

Hinter dem Essenti steht mit Marko Godinic ein Habitué der Wiener Szene, der sich nach Stationen in Cantinetta Antinori, Kornat und Orlando di Castello hier in die Selbstständigkeit verfügt hat. Dem setzt er jetzt noch eins drauf: Schräg vis-à-vis hat er nun auch die Serviette übernommen. Das intime, aufwändig ausgestattete Restaurant mit kaum 25 Sitzplätzen, Grcic-Stühlen im Gastgarten und einer kunstvoll zusammengefügten Wandkonstruktion aus Eichenbrettern wurde vor ein paar Jahren von einem Salzburger Architekten gestaltet, gastronomisch bislang aber glücklos bespielt.

Godinic hat mit Sebastian Neuschler einen ebenfalls in der Cantinetta gestählten Küchenchef engagiert. Mit ihrer Karte segeln die beiden zwar hart am Mainstream - alles andere wäre in dieser Gegend wahrscheinlich geschäftsgefährdend - sie verstehen es aber, den einen oder anderen eigenständigen Akzent zu setzen.

Kalmar

So gibt es natürlich Beef Tartare, das, nach mitteleuropäischer Tradition mit reichlich Paprikapulver hergewürzt, als Edelform von Puszta-Aufstrich interpretiert wird, mittels eines köstlich confierten Oktopusarms aber in Richtung Surf & Turf gedreht wird - gar nicht fad. Dasselbe gilt für den ähnlich allgegenwärtigen Burger: Dank Jalapeño-Chilis, Bohnenpaste und Avocadosalsa, vor allem aber dank trocken gereiftem Höllerschmid-Fleisch, weiß der durchaus ernsthaft Spaß zu machen.

Neuschler kann aber auch anders: Wenn er etwa Kalmare knusprig und doch butterzart brät, um sie auf eine kräuterduftige Spinatcreme zu betten (siehe Bild). Oder wenn er sich des süditalienischen Klassikers Parmigiana di Melanzane annimmt, der als bis an die Zerfallsgrenze geschmorte Köstlichkeit serviert wird - und als Hauptgang weniger als zehn Euro kostet. Die Weine liefert Helmuth Unger, und der beweist mit einer kleinen, klug zwischen Wachau und Bordeaux balancierenden Auswahl sein gutes Händchen. Besonders erfreulich: Alles ist auch glasweise zu haben. (Severin Corti, Rondo, DER STANDARD, 26.9.2014)

Die Serviette
Servitengasse 4
1090 Wien

Tel.: 0699/18 03 75 10
Küche Mo-Fr 12-22 Uhr
VS € 4-16,50, HS € 8,50-26,50

www.die-serviette.at

Fotos: Gerhard Wasserbauer

  • Frisch gestärkt und gefaltet präsentiert sich Die Serviette in der Servitengasse in Wien-Alsergrund.
    foto: gerhard wasserbauer

    Frisch gestärkt und gefaltet präsentiert sich Die Serviette in der Servitengasse in Wien-Alsergrund.

  • knusprig und doch butterzart: Kalmare auf kräuterduftige Spinatcreme gebettet
    foto: gerhard wasserbauer

    knusprig und doch butterzart: Kalmare auf kräuterduftige Spinatcreme gebettet

Share if you care.