Ein Schweizer auf den Spuren Freuds

24. September 2014, 17:20
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Markus Brunner erforscht mithilfe der Psychoanalyse, wie Feindbilder entstehen

"Viermal die Woche in die Therapie - das kann sich leider kaum jemand leisten. Die klassische Psychoanalyse ist etwas für Privilegierte", sagt der Sozialpsychologe Markus Brunner. Und sie ist etwas für ihn. Dass er derzeit selbst fünfmal pro Woche zur Psychoanalyse geht, hat allerdings weniger mit Privilegien als vielmehr mit seiner Ausbildung zu tun: Der gebürtige Schweizer, 1979 in Zollikon geboren, lässt sich zum Gruppenpsychoanalytiker qualifizieren. Dafür sind 400 Stunden Psychoanalyse Pflicht. Nicht, dass Brunner sie widerwillig absolvieren würde. Für ihn ist die Psychoanalyse nämlich beides - Wissenschaft und Therapie. Und beides interessiert ihn.

Ein Schweizer in Wien

Brunner, der seit 2009 in Wien lebt, hat in Zürich und Hannover Sozialpsychologie und Soziologie studiert, die politischen Aspekte der Psychologie interessierten ihn früh. Nach einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds nahm er Lehraufträge an der Georg-August-Universität in Göttingen und an der Psychologischen Fakultät der Uni Wien an. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit Geschichte, Gegenwart und Perspektiven psychoanalytischer Sozialpsychologie. Von 2011 bis 2012 war Brunner Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), bis Juni dieses Jahres Visiting Scholar am History Department der Universität New York. Seit 2010 unterrichtet er an der Sigmund-Freud-Universität in Wien, derzeit etwa gemeinsam mit einer Professorin der Akademie der bildenden Künste zum Begriff der Ideologie.

Brunners Forschungen kreisen immer wieder um die Geschichte der psychoanalytischen Sozialpsychologie - und um die Frage, wie Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus entstehen. Er belässt es nicht bei Forschung und Lehre, sondern ist auch publizistisch überaus aktiv - etwa als Mitherausgeber der Zeitschrift Psychologie und Gesellschaftskritik oder in der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie der Universität Hannover.

Mit Psychoanalyse Antisemitismus verstehen

Die Psychoanalyse helfe, den Zusammenhang zwischen inneren Konflikten des Einzelnen und gesellschaftlichen Konflikten zu erklären, sagt Brunner. Mit ihr lassen sich komplexe politische Phänomene wie der Antisemitismus verstehen, bei dem sich viele Menschen gleichzeitig eine gemeinsame Projektionsfläche suchen. "Die Psychoanalyse kann fragen: Welche Imaginationen werden mit den Juden und Jüdinnen verbunden? Welche Konflikte werden auf sie ausgelagert, und welches abgewehrte Eigene wird in ihnen verortet? Welche Rolle spielt bei all dem die Masse?"

Brunner erforscht mit seinen Studierenden, wie gesellschaftliche Strukturen vom Einzelnen verarbeitet werden - wie also Gesellschaft und Seele zusammenhängen. Dafür sei die Freud'sche Psychoanalyse nach wie vor ein brauchbares Werkzeug. "Es gibt wohl keinen anderen Zugang, der so differenziert den psychischen Niederschlägen gesellschaftlicher Herrschaft und Gewalt nachforschen und zugleich nachvollziehen kann, wie diese Niederschläge sich gesellschaftlich ausdrücken." Wie sich soziale Ängste und Ohnmachtsgefühle in Gehorsamkeitsstrukturen und Feindbildern, in Lust auf Macht und/oder Gleichgültigkeit manifestieren - Brunners Fragen sind zweifellos aktuelle. Und nicht etwa deshalb, weil Sigmund Freud vor genau 75. Jahren gestorben ist. (Lisa Mayr, DER STANDARD, 24.9.2014)

  • Der Sozialpsychologe Markus Brunner lebt und forscht seit 2009 in Wien.
    foto: privat

    Der Sozialpsychologe Markus Brunner lebt und forscht seit 2009 in Wien.

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