Kleiner Nager sucht Platz zum Graben

27. September 2014, 20:09
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Die Anpassungsfähigkeit der Ziesel erstaunt - Sie haben keine Angst vor menschlicher Nähe, aber der Klimawandel könnte ein Problem werden

Wien - Sie sind offenbar nicht lärmempfindlich. Während über die Pisten des Flughafens Schwechat die Düsenjets donnern, wuseln auf den umliegenden Grünflächen unbeeindruckt einige kleine Vierbeiner umher. Es sind Ziesel, Erdhörnchen, die hier ihren Lebensraum mit den Maschinen teilen. "Das scheint sie nicht zu stören", sagt Eva Millesi vom Department für Verhaltensbiologie an der Universität Wien im Gespräch mit dem Standard. Auch anderswo in Ost- und Mitteleuropa wurden Flugplätze von den Nagern besiedelt. In wirklich freier Natur dagegen sind die Tiere immer seltener anzutreffen. Ihnen kommen die Habitate abhanden. Ein schleichender, aber stetiger Schwund.

Der bereits seit mehreren Jahrzehnten fortschreitende Rückgang der Ziesel-Populationen bereitet Experten Kopfzerbrechen. Die Hintergründe sind noch nicht ausreichend untersucht. Gewiss, die industrielle Landwirtschaft sowie der Flächenfraß infolge von Straßen- und Siedlungsbau spielen zentrale Rollen, "doch bei manchen Gebieten versteht man einfach nicht, warum sie verschwinden", betont Eva Millesi. Die Biologie des Ziesels weist gleichwohl diverse Besonderheiten auf. Gut möglich, dass hier des Rätsels Lösungen liegen. Erstaunlicherweise können die Tiere als ausgesprochene Kulturfolger auftreten und lassen sich nur wenig von menschlichen Aktivitäten beunruhigen. In einem Luzernenfeld in der Nähe von Wien wiesen Experten eine Populationsdichte von 43 Zieseln pro Hektar nach (vgl.: Lynx (Praha), Bd. 39, S. 323). Eva Millesi berichtet, dass im Freibad "Seeschlacht" in Langenzersdorf sogar bis zu 60 ausgewachsene Exemplare pro Hektar gezählt wurden. Solche dichten Bestände können allerdings sehr schnell zusammenbrechen, warnt die Wissenschafterin.

Für Millesi und ihre Wiener Arbeitsgruppe ist der Europäische Ziesel schon seit den 1990er-Jahren ein zentrales Forschungsthema. Die auf den zoologischen Namen Spermophilus citellus getauften Vierbeiner sind grundsätzlich Steppenbewohner. Sie bevorzugen niedrigwüchsiges Grasland mit nicht zu schweren Böden, die sich gut zum Graben eignen. Das Klima sollte eher kontinental geprägt sein: warme Sommer, relativ kalte Winter und wenig Niederschlag. 500 bis 700 Millimeter jährlich sind anscheinend ideal. "Ziesel hassen Nässe", erklärt Millesi. Bei Regen gehen die Tiere deshalb auch kaum vor ihren Bau.

Vegetarische Langschläfer

Im Gegensatz zum Feldhamster und den meisten anderen Nagerarten ist S. citellus ausschließlich tagaktiv. Und kein Frühaufsteher. Normalerweise verlassen die Erdhörnchen ihre Behausung erst zwei Stunden nach Sonnenaufgang, wie Millesi berichtet. Zum Abend hin kehren sie auch zeitig wieder heim, weil sich ihre Augen nicht an die Dunkelheit anpassen können. "Sie sind schon in der Dämmerung praktisch blind." Tagsüber droht allerdings auch Gefahr, vor allem aus der Luft. Raubvögel wie der Mäusebussard (Buteo buteo), aber auch der seltene Sakerfalke (Falco cherrug) und der Östliche Kaiseradler (Aquila heliaca) gehören zu den wichtigsten natürlichen Feinden des Ziesels. Für diese fliegenden Beutegreifer stellen die Nager eine bedeutende Nahrungsressource dar - zumindest dort, wo es sie noch in ausreichender Zahl gibt.

Ziesel selbst ernähren sich überwiegend vegetarisch. Kotproben-Analysen zufolge stehen nahrhafte Gewächse wie Klee-Arten der Gattung Trifolium und Wegerich (Plantago spec.) ganz oben auf ihrer Speisekarte. Solche Pflanzen enthalten relativ hohe Mengen an Eiweiß und Fetten, erklärt Eva Millesi. Mancherorts am Rande von Wien, wie zum Beispiel an der Seeschlacht in Langenzersdorf, werden die Tiere auch oft von Menschen gefüttert. Das ist keine gute Idee, betont die Biologin. "Fett ist nicht gleich Fett." Das Fettsäuremuster der natürlichen Ernährung unterscheide sich wesentlich von dem des Zubrots. Wenn überhaupt, sagt Millesi, sollte man den putzigen Vierbeinern nur ein paar kleingeschnittene Karotten hinlegen.

Der Stoffwechsel der Erdhörnchen ist für Wissenschafter hochinteressant. Ziesel sind typische Winterschläfer. Sie verbringen die kalte Jahreszeit in speziellen, bis zu zwei Meter tiefen Bauen und versinken dort in den sogenannten Torpor, eine Kältestarre. Die Körpertemperatur sinkt dabei auf Werte von drei bis fünf Grad ab.

Um den Winter zu überstehen, müssen sich die Tiere vorher große Fettreserven anfressen - vor allem die Weibchen, die nach dem Entwöhnen ihrer Jungen mager sind. Möglicherweise kommt den Zieseldamen hierbei eine physiologische Besonderheit zugute. Eva Millesi und ihre Kollegen haben festgestellt, dass zumindest österreichische Zieselweibchen im Juni, gegen Ende der Säugeperiode, eine zweite fruchtbare Phase durchlaufen. Eisprung inklusive. Die Männchen haben dann allerdings längst kein Interesse mehr. Ihre sexuelle Aktivität beschränkt sich auf die etwa dreiwöchige Paarungszeit im Frühling.

Weibchen sind im Vorteil

Die besagte zweite Ovulationsphase geht mit messbaren Veränderungen im Hormonhaushalt der weiblichen Erdhörnchen einher. In ihren Eierstöcken entstehen Gelbkörper, und im Blut herrschen vier bis sechs Wochen lang erhöhte Progesteron-Werte vor. Es ist eine Art Scheinschwangerschaft, sagt Eva Millesi. Diese helfe den Tieren vermutlich, schneller Fett anzusetzen. Und in der Tat ziehen sich erwachsene Zieselweibchen wesentlich früher in ihre Winterbauten zurück als ihre männlichen Artgenossen. Die Ersten verschwinden Ende August. Die Männchen folgen einen bis anderthalb Monate später.

Während des Winterschlafs fahren Ziesel ihren Stoffwechsel auf Sparflamme herunter und verbrauchen nur minimale Mengen Energie. Kritisch wird es dagegen während des Aufwachens. Dann springt die Körperheizung der Tiere wieder an - ein physiologischer Kraftakt, der an den Reserven zehrt. Je wärmer der Winter, desto öfter müssen die Tiere solche Phasen durchlaufen. Wer sich zu oft aufwärmt, überlebt vielleicht nicht bis zum Frühling. In Zeiten des Klimawandels ein ernsthaftes Risiko. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 24.9.2014)

  • Der Europäische Ziesel gräbt gerade einen Bau und überprüft dabei die Umgebung auf Raubvögel und andere Feinde. Ein Erdbau, der als Nest- oder Dauerbau dient, liegt circa einen Meter unter der Erde, hat mehrere Röhren, einen Nistplatz und bis zu fünf Eingänge.
    foto: mcphoto/picturedesk

    Der Europäische Ziesel gräbt gerade einen Bau und überprüft dabei die Umgebung auf Raubvögel und andere Feinde. Ein Erdbau, der als Nest- oder Dauerbau dient, liegt circa einen Meter unter der Erde, hat mehrere Röhren, einen Nistplatz und bis zu fünf Eingänge.

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