Krippen müssen kleinstkindtauglich werden

Kommentar23. September 2014, 13:14
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Die Regierung muss vor einer Kindergeldreform die Kinderbetreuung bundesweit sicherstellen

Familienministerin Sophie Karmasin will sich für eine schnelle Rückkehr der Frauen nach der Karenz einsetzen. Eine gute Idee. Denn zu lange Absenzen vom Arbeitsmarkt bedeuten finanzielle Einbußen, die spätestens im Alter zu wirklich existenziellen Nöten führen können, und erschweren weiters den Wiedereinstieg ins Berufsleben erheblich. Nach wie vor muss vor allem der weibliche Part des Elternpaares die geschilderten Nachteile der Elternschaft in Kauf nehmen.

Karmasin jetzt als glühende Feministin abzufeiern ist trotzdem nicht angebracht. Einerseits muss abgewartet werden, ob die von ihr angestrebte Reform des Kinderbetreuungsgeldes unter einem frauenpolitischen Deckmantel nicht auch erhebliche finanzielle Einbußen für die Familien bedeutet.

Andererseits hätte Karmasin im Sommer die Chance gehabt, einen wirklich wesentlichen Beitrag für die Vereinbarkeit von Elternschaft und Berufstätigkeit zu leisten. Damals stand die Neuauflage der 15a-Vereinbarung zur Regelung der Kindergartenkompetenz zwischen Bund und Ländern an.

Anstatt die vom Bund mitfinanzierten Kindergärten der Länder stärker in die Pflicht zu nehmen, wurden die Förderbedingungen sogar aufgeweicht. So wurden die Mindestöffnungszeiten von teilweise 47 auf 45 Wochen pro Jahr reduziert, was auch der Rechnungshof kritisierte. Um die Förderung vom Bund zu erhalten, muss der Kindergarten nur 20 Stunden pro Woche geöffnet sein. 20 Stunden pro Woche – das sind vier Stunden pro Tag. Wie sich unter solchen Bedingungen ein Vollzeit- oder auch nur ein Teilzeitjob ausgehen soll, ist rätselhaft. Allen voran auf dem Land stehen Eltern vor dem Problem, dass die Kindergärten zu kurz offen haben.

Karmasin ließ sich dafür feiern, dass sie mehr Geld für den Ausbau der Kinderbetreuungsplätze der Null- bis Dreijährigen bereitstellt. Wer sich schon einmal in den Kindergärten hierzulande umgesehen hat, weiß: Kinder unter zwei Jahren, geschweige denn unter einem Jahr sind dort selten anzutreffen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich.

Die schlechte personelle Ausstattung der meisten "Krippen" erschwert eine adäquate Betreuung der ganz Kleinen. Es müsste ein bundesweit einheitliches Rahmengesetz geschaffen werden, das auch entsprechende Qualitätsstandards in Kindergärten und bei Tageseltern vorgibt. Einfach mehr Geld zu geben reicht nicht. Die Krippen müssen auch kleinstkindtauglich werden.

Bevor Karmasin beginnt, an den Kindergeldmodellen zu schrauben, und vielleicht sogar die beliebte Langvariante (36 Monate) stutzt, muss sie die Voraussetzung dafür schaffen, dass auch Kleinstkind und Beruf vereinbar sind. Und zwar vom Neusiedler See bis zum Bodensee. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 23.9.2014)

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