UN befürchten weitere 260.000 kurdische Flüchtlinge

Video24. September 2014, 12:23
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Bisher sind rund 140.000 Syrer in die Türkei geflüchtet - US-Militär greift IS-Stellungen in Syrien an - Österreich will Allianz gegen IS politisch unterstützen

Genf/Damaskus/Washington - Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR erstellt Notfallpläne für den Fall, dass die gesamte Bevölkerung der 400.000 Einwohner umfassenden nordsyrischen Kurdenstadt Kobanê in die Türkei flüchten. Rund 140.000 Flüchtlinge aus der Region sind bereits geflüchtet.

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Ein Video der UNHCR zeigt die Situation der Flüchtlinge.

Kobanê wird von der Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) belagert, die bereits dutzende Dörfer in der Region überrannt hat. "Unsere größte Sorge ist, dass Kobanê fällt", sagte UNHCR-Sprecher Robert Colville am Dienstag in Genf.

"Wir wissen es nicht, aber wir treffen entsprechende Vorbereitungen, falls die gesamte Bevölkerung flüchtet", so Colville weiter.

Seit 15. September Offensive

Der Islamische Staat hat große Teile Syriens und des Irak unter seine Kontrolle gebracht und ein Kalifat ausgerufen. Seit dem 15. September rückt die IS auf Kobanê vor. Die auch als Ain al-Arab bekannte Grenzstadt Kobanê ist für Nordsyrien von zentraler militärischer Bedeutung.

Die Türkei hatte am Freitag angesichts der Flüchtlingswelle ihre Grenzen geöffnet, nachdem das Land tagelang Schutzsuchende zurückgeschickt hatte. Mit 140.000 wurden von der Türkei so viele Flüchtlinge aufgenommen wie von allen europäischen Staaten zusammen seit dem Beginn des Bürgerkrieges in Syrien vor drei Jahren Schutz, wie UNHCR-Sprecher Colville betonte. Die Organisation rief die internationale Gemeinschaft auf, die Türkei und andere Nachbarländer Syriens zu unterstützen, die mehr als drei Millionen Flüchtlinge versorgen.

USA flogen erste Luftangriffe in Syrien

Die USA haben mit Luftangriffen auf Stellungen der IS in Syrien begonnen. Das US-Militär und die Streitkräfte von Partnerländern hätten die Stellungen der Miliz mit Kampfjets, Bombern und Tomahawk-Marschflugkörpern angegriffen, teilte Pentagonsprecher John Kirby am Montagabend mit.

Das US-Militär hat inzwischen auch bekanntgegeben, welche Länder die USA bei den Luftangriffen unterstützen: Jordanien, Bahrain, Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Mindestens 20 Tote

Bei den US-Luftangriffen sind offenbar zahlreiche Islamisten getötet worden. Mindestens 20 Kämpfer der IS-Miliz seien ums Leben gekommen, teilte eine der syrischen Opposition nahestehende Menschenrechtsgruppe mit. Das US-Militär habe mindestens 50 Luftangriffe in den Provinzen Raqqa und Deir al-Sor geflogen. Auch die der Al-Kaida nahestehende Extremistengruppe Nusra-Front im Nordwesten Syriens sei attackiert worden.

Schwerpunkt der Angriffe in Provinz Al-Raqqa

Bewohner der Stadt Raqqa im Nordosten des Landes berichteten auf Twitter von schweren Explosionen und wiederholten Überflügen von Militärflugzeugen. Mit von See aus abgeschossenen Tomahawk-Marschflugkörpern habe der Angriff begonnen und sei dann mit Flugzeugen fortgesetzt worden, sagte ein hochrangiger Angehöriger des Militärs dem Sender CNN.

Auch Al-Kaida-Gruppen im Visier der US-Angriffe

Neben der IS-Jihadistengruppe haben die US-Streitkräfte laut Aktivisten auch die Al-Kaida im Norden Syriens angegriffen. Mindestens 30 zumeist ausländische Al-Kaida-Kämpfer sowie acht Zivilisten seien bei Angriffen im Westen der Provinz Aleppo getötet worden, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag mit.

Das US-Verteidigungsministerium erklärte, es habe dabei auch acht Luftangriffe gegen die besonders radikale "Khorasan-Gruppe" gegeben, die Anschläge auf die USA vorbereitet habe. Das Netzwerk erfahrener Al-Kaida-Veteranen habe seinen Stützpunkt in Syrien errichtet, um Angriffe zu planen, Bürger westlicher Staaten zu rekrutieren und Sprengsätze zu entwickeln und zu testen, erklärte das Pentagon. Alle beteiligten Flugzeuge hätten den syrischen Luftraum wieder sicher verlassen. US-Kriegsschiffe hätten insgesamt 47 Marschflugkörper abgefeuert.

Keine Details zu Angriffen

Zur genauen Zahl und zum Ort der Angriffe machte das Pentagon dagegen keine Angaben. "Da es sich um laufende Operationen handelt, sind wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Lage, weitere Details zu liefern." Das Pentagon werde zu einem späteren Zeitpunkt aber soweit angemessen mehr Informationen veröffentlichen.

Die Entscheidung für die Angriffe sei von US-Präsident Barack Obama als Oberbefehlshaber der Streitkräfte gekommen. Dieser habe den Kommandanten des US-Zentralkommandos in Tampa (Florida) autorisiert, die Angriffe in Syrien zu beginnen.

USA informierten Damaskus

Die USA haben die Regierung in Damaskus vor der Ausweitung ihrer Luftangriffe auf die Islamisten-Miliz IS nach Syrien informiert. Die US-Regierung habe dem syrischen Vertreter bei den Vereinten Nationen am Montag die Pläne für einen Angriff auf die IS-Hochburg Raqqa mitgeteilt, berichtete das syrische Staatsfernsehen unter Berufung auf das Außenministerium am Dienstag. Die syrische Regierung selbst betont, US-Außenminister John Kerry habe seinen syrischen Kollegen vor den Angriffen informiert.

Russland: Verstoß gegen das Völkerrecht

Russland hat die Luftangriffe als Verstoß gegen das Völkerrecht kritisiert. Für einen solchen Militäreinsatz sei eine Zustimmung der syrischen Regierung oder ein Mandat des UN-Sicherheitsrates notwendig, teilte das Außenministerium in Moskau am Dienstag mit.

Österreich beteiligt sich politisch an Allianz gegen IS

Mit rund 50 weiteren Staaten will sich Österreich an der von den USA geführten Allianz gegen die IS beteiligen. Die Unterstützung werde jedoch rein "politisch" sein, betonte Außenminister Sebastian Kurz. Denn ein militärisches Eingreifen oder auch nur eine Überfluggenehmigung würde die Neutralität verletzen, erklärte Völkerrechtsexperte Walter Obwexer am Dienstag im APA-Gespräch.

Mit den Angriffen aus der Luft weiten die USA ihre Offensive gegen die IS erheblich aus. Obama hatte seinen Entschluss, die Anfang August begonnenen Luftangriffe im Irak auf das benachbarte Syrien auszuweiten, vor zwei Wochen in einer Rede an die Nation verkündet. Im Irak kommen die USA auf mindestens 190 Luftschläge. Erst am Montag griff das US-Militär dort mit einem Mix aus bemannten und unbemannten Flugzeugen IS-Stellungen an und zerstörte westlich von Kirkuk einen Panzer und drei Fahrzeuge. (APA, 23.9.2014)

  • Ein Kampfjet der USA landet im August auf dem Flugzeugträger USS George H.W. Bush, nachdem Angriffe auf Ziele im Irak geflogen wurden. Nun werden auch Ziele in Syrien von den USA angeflogen.
    foto: ap photo/hasan jamali

    Ein Kampfjet der USA landet im August auf dem Flugzeugträger USS George H.W. Bush, nachdem Angriffe auf Ziele im Irak geflogen wurden. Nun werden auch Ziele in Syrien von den USA angeflogen.

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    grafik: apa
  • Pentagonsprecher John Kirby.
    foto: ap photo/susan walsh

    Pentagonsprecher John Kirby.

  • US-Raketen auf Ziele in Syrien.
    foto: epa/eric garst/us navy

    US-Raketen auf Ziele in Syrien.

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