Urahnen des heutigen Europa

22. September 2014, 18:06
1 Posting

Die Neue Bühne Villach zeigt Schillers "Don Carlos": Bernd Liepold-Mosser arrangiert ein erschütterndes Familienbild

Villach - Ein Revolver für den Degen, ein Reclam-Heft für verräterische Schriftstücke und ein Pfeifenkragen für die spanische Inquisition: Mehr Requisite hat sich Bernd Liepold-Mosser für sein Villacher Konzentrat aus Friedrich Schillers Don Carlos nicht zugestanden. Trotzdem oder gerade deshalb ist es ein intensives, hochdramatisches Kammerspiel, mit dem die Neue Bühne ihre Spielzeit beginnt: Fünf Herzen brennen eineinhalb Stunden lang auf fünf Zungen, alle historischen Umstände beiseitelassend, die Schiller in 4000 Blankverse gepackt hat. Was bleibt, ist die Frage: Mit welchem Menschenrecht behauptet dieser zweite Philipp (Kai Möller), das Beste für das Volk zu tun, indem er allein alles entscheidet.

Er, der mit der Inquisition im Bund ist und kaum dem eigenen Sohn gegenüber Gefühlsregungen zu zeigen vermag. Und: Wann sieht dieser vom Marquis Posa (Alexander Meile) so modern gebildete Don Carlos (Maximilian Laprell) ein, dass alle Liebe nicht hilft, wenn sie nicht allen gilt.

So radikal die Striche, so originalsprachlich der Rest. Das verlangt dem fünfköpfigen Ensemble das Äußerste an Sprechkunst ab, sichert aber auch die Vermittlung der Emphase des politischen Diskurses zehn Jahre vor dem Zusammenbruch des Absolutismus in Paris.

Aktuelle wie präsumptive Machtpolitiker stählen ihre Körper mit Fitnessübungen. Die Königin (Kathrin Beck) verbringt mehr und mehr Zeit am Schminktisch, was Videoeinspielungen verraten. Die Eboli langweilt sich in Frankreich, während es in Madrid doch wenigstens Autodafés gibt.

Es ist eine zu wenig Hoffnung Anlass gebende Runde aus Urahnen des heutigen Europa, die Liepold-Mosser zum erschütternden Familienbild versammelt. Was man die Öffentlichkeit wissen lassen will, wird ins Mikro gesprochen. Da geht kein Satz so durch Mark und Bein wie jener des Marquis Posa, der dafür sein Leben verliert: "Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire." Bis 18. 10. (Michael Cerha, DER STANDARD, 23.9.2014)

  • Marquis Posa (Alexander Meile),  Prinzessin Eboli (Nina Horváth).
    foto: patrick connor klopf

    Marquis Posa (Alexander Meile), Prinzessin Eboli (Nina Horváth).



Share if you care.