"Man verliert nicht gleich die Nerven"

Gespräch22. September 2014, 17:36
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Austria nach 3:2 in Salzburg endlich in der Spur. Trainer Baumgartner kann zum ersten Mal durchatmen, ohne sich allerdings Illusionen hinzugeben

Wien - Gerald Baumgartner hat zwar keine entspannte Woche vor sich, aber immerhin ist der Montag "wunderschön" gewesen. Die Austrianer haben das 3:2 gegen Red Bull Salzburg aus den Beinen geschüttelt, es wurde gelacht, der Spaß, die Leichtigkeit sind jetzt wieder oder endlich in Wien-Favoriten eingetroffen. Zumindest haben sie vorbeigeschaut.

Trainer Baumgartner wird erst heute vor dem Cupspiel am Mittwoch in Kitzbühel eindringlich warnen. "Wir werden uns akribisch vorbereiten, unterschätzen niemanden." Den Erfolg in Salzburg dürfe man nicht überbewerten. "Es hätte anders ausgehen können. Aber wir haben die taktischen Vorgaben toll umgesetzt und Salzburg in einer für uns guten Phase erwischt. Sie haben vorerst die Leichtigkeit des Seins verloren." Er, Baumgartner, könne nachvollziehen, was sein Kollege Adi Hütter durchmacht. "Bleiben die Erfolge aus, wird es immer eng." Hütter könnte nun in jene Rolle, die der Austrianer noch vor vier Wochen innehatte, schlüpfen: Watschenmann. "Der Trainerjob ist halt brutal. Andererseits ist bei den Vereinen eine Einkehr zu bemerken. Es wird beurteilt, wie einer arbeitet, ob Schritte in die richtige Richtung gemacht werden. Man verliert nicht gleich die Nerven. Ich hoffe, bei Hütter ist das auch der Fall."

Brutale Länderspielpause

Die Austria ist jedenfalls aus den Tiefen des österreichischen Fußballs gekrochen. Der 49-jährige Baumgartner sagte dem Standard, "dass die Länderspielpause brutal war. Wir waren zwei Wochen lang Letzter. Das schlägt aufs Gemüt. Aber wir haben gearbeitet, miteinander gesprochen." Erst im achten Spiel gelang der erste Sieg (3:1 gegen Ried), für den Trainer war es "eine kollektive Befreiung".

Er persönlich habe versucht, den Druck abzubauen, halbwegs entspannt zu bleiben. "Du musst auch in schwierigen Phasen an deinen Prinzipien festhalten. Ich bin ein sportlicher Mensch, habe mich beim Laufen, Radfahren und im Fitnesscenter abgelenkt. Meine Familie gab mir Rückhalt, daheim hast du andere Gedanken." Die Austria-Vorstände Thomas Parits und Markus Kraetschmer haben dem Trainer nach jeder noch so mäßigen Vorstellung praktisch ungefragt das Vertrauen ausgesprochen. "Ich denke schon, dass es ehrlich gemeint war. Keine Ahnung, ob es wirtschaftliche Gründe gab. Sie wollten mich ja unbedingt verpflichten." Baumgartner nennt ausgerechnet Stadtrivalen Rapid vorbildhaft. "Die haben sich nicht beirren lassen, jetzt sind sie echt gut drauf. Der Wiener Fußball wurde so lange totgesagt, bis er wiederauferstanden ist."

Ob er den Druck nach der Beschäftigung im fußballerisch und medial doch eher beschaulichen St. Pölten unterschätzt hat? "Nein. Ich habe aber nicht gedacht, dass es bei der Austria so viele Problemzonen gibt. Wir wollten von Anfang an dynamischer, geordneter auftreten. Leider hat es nur im Training funktioniert." Die Spieler hätten aber nie die Köpfe hängen lassen. "Ich wusste, dass es im Prinzip passt." Der Israeli Omer Damari, Siegtorschütze in Salzburg, sei ein Glücksgriff gewesen. "Er hat alles, was ein Vollblutstürmer benötigt. Dabei ist er noch nicht bei hundert Prozent."

Die Austria ist nach einem Viertel der Meisterschaft Siebenter. "Nach dem zweiten Viertel wollen wir Dritter sein." Und nach dem vierten Viertel? "Ich bin kein Hellseher. Favorit bleibt Salzburg, die werden sich finden. Wir müssen in die Europa League."

Baumgartner traut dem Frieden nicht ganz. "Der Trainerjob ist und bleibt gefährlich. Wir müssen den Ball flachhalten. Und in Kitzbühel erst einmal gewinnen." Kitzbühel ist übrigens auch Siebenter. In der Regionalliga West.

Gerald Baumgartner traut dem Frieden nicht ganz. (Christian Hackl, DER STANDARD, 23.9.2014)

  • "Ich wusste, dass es im Prinzip passt."
    foto: apa

    "Ich wusste, dass es im Prinzip passt."

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