Sturmingers "Casanova Variations" verwirrend virtuos

22. September 2014, 17:39
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Der österreichische Regisseur Michael Sturminger präsentierte in San Sebastian seinen neuen Film. John Malkovich spielt "Casanova"

San Sebastian/Wien - Es ist nicht der erste Film, der das bewegte Leben des wohl größten Liebhabers der Welt, Giacomo Casanova, beleuchtet. Doch Michael Sturmingers "Casanova Variations", der am Montag seine Weltpremiere im Wettbewerb des 62. Filmfestivals von San Sebastian feiert, dürfte wohl eine der verwirrendsten und gleichzeitig originellsten und facettenreichsten Casanova-Verfilmungen überhaupt sein.

Der Film des österreichischen Regisseurs basiert auf dem 2011 im Wiener Ronacher ebenfalls von Sturminger uraufgeführten Musiktheaterstück "The Giacomo Variations", in dem Hollywoodstar John Malkovich ebenfalls bereits den alternden Casanova verkörperte, der auf sein Leben zurückblickt. Die deutsche Adelige Elisa von der Recke - gespielt von Veronica Ferres - besucht den venezianischen Verführer in seinem Schloss, um von ihm seine Memoiren zu ergaunern. Elisa, selber eine ehemalige Geliebte Casanovas, will ein Buch über ihn veröffentlichen - eine Art Abrechnung.

Bereits zuvor ruinierte sie mit einem ähnlichen Buch den nicht minder bekannten Lebenskünstler Cagliostro als Hochstapler und Betrüger. Casanova befürchtet, dass ihm ein ähnliches Schicksal drohen könnte. Doch gleichzeitig sucht er Elisas Nähe, um herauszufinden, wer er selber ist und welche Meinung sie von ihm hat.

Regisseur Sturminger macht es dem Zuschauer nicht leicht, Casanovas Rückblick auf sein eigenes Leben zu teilen, sich seiner Person zu nähern. Permanent lässt er die Geschichte auf verschiedenen Ebenen, Szenarien und sogar in verschiedenen Genres spielen. Mal sehen wir einen historischen Epochenfilm, der Casanova und Elisa im böhmischen Schloss im 19. Jahrhundert zeigt. Plötzlich wird die Geschichte jedoch auf der Bühne der Lissabonner Oper im Jahre 2013 weitererzählt. Damit nicht genug: Beide Erzählstränge verschwimmen immer wieder mit einer dritten Ebene, einer Art Doku rund um die Opernaufführung, in der sich John Malkovich erneut selber als Hollywood-Star in der Backstage-Zone hinter der Bühne interpretiert.

Wie Casanova mit den Frauen spielte, so zwingt auch Sturminger die Zuschauer mit verschiedenen Ebenen zu einem zunächst nicht immer leicht nachvollziehbaren Spiel aus Illusionen, Verwirrungen, vermeintlichen Realitäten, der Bühnenwelt. Er täuscht, zieht in den Bann und lässt einen wieder fallen - so wie es auch der bekannte Verführer mit seinen Liebhaberinnen machte.

Sobald man jedoch die Filmstruktur durchschaut hat, wird der originelle, facettenreiche Ansatz dieser spannenden und dynamischen Casanova-Neuverfilmung deutlich. Die Übergänge zwischen den Genres sind meisterhaft. Mal funktionieren sie szenisch und fast immer über Da Pontes Mozart-Opern "Don Giovanni", "Die Hochzeit des Figaro" und "Cosi fan tutte". Virtuos gelingt es dem Regisseur, die Mozart-Arien in den Film einzubauen und damit Szenen und Personen zu verflechten.

Um das Spiel der Verwirrungen oder das Leitmotiv der "Variationen" noch zu vertiefen, sind die Hauptrollen, Giacomo und Elisa, gleich doppelt besetzt. Nicht selten steht John Malkovich als "spielender" Casanova den weltbekannten österreichischen Startenören Florian Boesch und Jonas Kaufmann in der singenden Rolle des Casanova sogar gegenüber.

Malkovich, der zweifelsohne als einer der besten Charakterdarsteller überhaupt gilt, zeigt in "Casanova Variations" erneut sein gesamtes Können. Von Donald Sutherland über Marcello Mastroianni bis hin zu Alain Delon und Heath Ledger sind schon ein halbes Dutzend Schauspieler in die Rolle des Verführers geschlüpft. Doch Malkovich ist Malkovich, ein Star, um den sich so viele Legenden und Mythen drehen wie um Casanova selber.

Der Zuschauer unterliegt manchmal sogar der Täuschung, die Geschichte geht weg von Casanova und hin zu John Malkovich. Doch plötzlich befindet er sich wieder im historischen Epochenfilm, im 19. Jahrhundert auf einem böhmischen Schloss. Zweifellos trägt die Mischung aus klassischer Oper und nüchtern angelegter Verfilmung dazu bei, auch den Facettenreichtum des Menschen Casanova und seines eigenen Mythos einzufangen.

Ein lohnenswerter Film über die vielschichtige Geschichte einer legendären Person und ihrer Legende. Man sollte allerdings auch die klassische Opernkunst mögen. Sonst könnte der Film ein wenig lang werden. "Casanova Variations" läuft am 25. Dezember in den Kinos an. (APA)

  • John Malkovich bei der Weltpremiere von "Casanova" in San Sebastian.
    foto: apa/epa/javier etxezarreta

    John Malkovich bei der Weltpremiere von "Casanova" in San Sebastian.

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