Heiße Eisen für die Herbstlohnrunde

22. September 2014, 17:45
97 Postings

Maschinen- und Metallindustrie sehen den Standort Österreich in Gefahr - So schlecht wie die Zukunftsaussichten war die Ertragslage im Vorjahr nicht

Wien – Hoch- und Tiefstapeln gehört zur jährlichen Herbstlohnrunde fast wie das Amen im Gebet. "Den Unternehmen geht die Luft aus", warnte der Obmann des Fachverbands Maschinen/Metallwaren (FMMI), Christian Knill, am Montag in einem Pressegespräch. Der Abwärtstrend in der Konjunktur habe offenbar zu lang angehalten, nun sei der Standort Österreich in Gefahr.

Die Liste der Ursachen für die angespannte Situation in der Metallindustrie ist lang: Die Arbeitskosten stiegen seit 2008 um mehr als zwölf Prozent und bilden damit "eine der größten Baustellen". Gleich danach kommt die zum Erliegen gekommene Konjunktur, die in den ersten fünf Monaten 2014 zu einem Minus von je 2,1 Prozent sowohl bei der abgesetzten Produktion als auch bei den Auftragseingängen geführt habe. "Inflationsbereinigt heißt das minus 3,71 Prozent bei der abgesetzten Produktion und um 3,70 Prozent verminderte Auftragseingänge", sagte der FMMI-Obmann unter Berufung auf eine Sonderauswertung der Statistik Austria für die Industrie.

Sotschi-Effekt

Den Rest besorgen "Sotschi-Effekt", also die Russland-Sanktionen, und die von der öffentlichen Hand befeuerten Gebühren- und Abgabensteigerungen sowie die Inflation, mit der Österreich in der Eurozone Spitzenreiter ist. Zwar ist die für den Metallerkollektivvertrag relevante Teuerungsrate von 1,7 bis 1,8 Prozent – welcher Wert den diesjährigen Verhandlungen zugrunde gelegt wird, entscheidet sich erst am Donnerstag beim Austausch der Wirtschaftsdaten – kein Rekordwert.

Für die Arbeitgeber rund um die Arbeitgeberchefverhandler Veit Schmid-Schmidsfelden und Johannes Collini stellt dieser Wert allerdings einen massiven Wettbewerbsnachteil gegenüber Deutschland dar. Denn gemäß der "Benya-Formel" muss der KV-Abschluss traditionell mindestens die Inflationsrate übersteigen, womit der Zweier vor dem Komma programmiert ist. Bei einem prognostizierten Bruttoinlandsprodukt (BIP; real) für 2015 von 1,2 Prozent lässt sich errechnen, dass die Arbeitnehmer sogar einen Dreier vor dem Komma fordern könnten. Wiewohl beide Seiten vor dem Beginn der Herbstlohnrunde über ihre Forderungen schweigen, stellt Maschinenbau-Obmann Knill klar: "Wir können es uns nicht leisten, über sehr hohe Abschlüsse zu diskutieren."

So schlecht wie die Zukunftsaussichten – knapp ein Dutzend Betriebe haben Kurzarbeit beantragt – war die Ertragslage der Metallindustrie im Vorjahr freilich nicht: Zwar war laut Analyse der Arbeiterkammer die Hälfte der Unternehmen mit Gewinnrückgang konfrontiert, die operative Ertragslage aber sei für den Großteil der Unternehmen "zufriedenstellend" gewesen. Die durchschnittliche ordentliche Ebit-Quote sank um 0,5 Prozentpunkte auf 5,7 Prozent. Eine "ausgezeichnete Ertragslage" mit zweistelliger Ebit-Quote hatte jedes Fünfte der 140 untersuchten Unternehmen, hingegen grundelte ein Viertel der Metallbetriebe unter 1,7 Prozent dahin. Das spiegelt die Dividendenquote wider: Vom 2013 erwirtschafteten Gewinn werden heuer 66 Prozent an Aktionäre beziehungsweise Muttergesellschaften ausgeschüttet.

Eigenkapitalausstattung verbessert

Der Eigenkapitalausstattung der Metallindustrie tat dies keinen Abbruch, sie verbesserte sich auf fast 38 Prozent im Schnitt, jedes vierte Unternehmen hat sogar 55 Prozent auf der hohen Kante. Allerdings grundelt jeder zwanzigste Betrieb auf bedrohlichen zehn Prozent (oder weniger) dahin.

Stichwort Reallohnverlust: Stark eingeengt wird der Spielraum der Lohnverhandler auf beiden Seiten durch massive Bruttolohnsteigerungen, von denen die Arbeitnehmer kaum profitieren. Netto und inflationsbereinigt gibt es sie noch (minus 0,5 Prozent heuer nach minus 0,3 Prozent im Vorjahr), aber eingebremst. Dadurch sinkt die Kaufkraft und mit ihr die Nachfrage, was wieder die Nachfrage der Industrie dämpft. Stark gestiegen sind insbesondere die Lohnnebenkosten, sie belaufen sich laut FMMI bereits auf 37 Prozent, während sie in Deutschland nur 28 Prozent ausmachen. Daher richtet sich der Appell der Maschinenbauer auch an die Regierung: runter mit Gebühren, Abgaben (Unfallversicherung, Familienlastenausgleich). (ung, DER STANDARD, 23.9.2014)

  • Die schlechte Konjunktur macht das Schweißen eines Tarifabschlusses für 120.000 Beschäftigte in der Metallindustrie zur Schwerarbeit. Die Lücke zwischen Tarifabschlüssen und Produktivität wird größer.
    foto: ap/thieme

    Die schlechte Konjunktur macht das Schweißen eines Tarifabschlusses für 120.000 Beschäftigte in der Metallindustrie zur Schwerarbeit. Die Lücke zwischen Tarifabschlüssen und Produktivität wird größer.

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.