Ratlos vor dem Terror

Kolumne22. September 2014, 17:34
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Die mobilen Einheiten der IS-Miliz haben bereits weite Teile Iraks und Syriens erobert

Dramatische TV-Bilder und Zeitungsreportagen berichten über die Flucht von fast 100.000 Menschen aus dem Nordirak in die Türkei binnen zweiundsiebzig Stunden aus panischer Angst vor dem siegreichen Vormarsch der Terrorgruppe des "Islamischen Staates" (IS). Die mobilen Einheiten der IS-Miliz haben bereits weite Teile Iraks und Syriens erobert. Auch die schon früher aktiven terroristischen Netzwerke Al-Kaida und die Taliban expandieren vor allem in Afghanistan und Pakistan.

Mit bestechender Offenheit gab vor einiger Zeit US-Präsident Barack Obama zu, seine Regierung habe keine Strategie gegen die mit hemmungsloser Gewalt operierenden Terroristen der IS, die einen eigenen Staat gegründet haben und mit ihren Videos über Hinrichtungen und Massaker von Schiiten, Kurden und Christen ungleich mehr Angst und Schrecken verbreiten als etwa die spektakulären Selbstmordanschläge von Al-Kaida. "Jihad" bedeutet - laut Duden - der oft als "heiliger Krieg" bezeichnete Kampf der Muslime zur Verteidigung und Ausbreitung des Islams.

In seinem anregenden Buch - Der islamische Faschismus (München, 2014) betont der in Kairo geborene islamische Intellektuelle Hamed Abdel-Samad: "Das Prinzip des Jihads als eine gottgewollte Praxis, der Traum vom Sieg des Islams, die Einstufung Ungläubiger als Untermenschen - all das ist nach wie vor Bestandteil des Bildungskanons in den meisten islamischen Staaten. Die selektive Lesart der Geschichte, die Reproduktion der ewig gleichen Feindbilder und der Glaube an der Auserwähltheit der Muslime und deren moralische Überlegenheit dem Rest der Menschheit gegenüber führt zu einer Haltung, die das Fundament des Terrorismus bildet." Die Thesen über das Gedankengut des Islamismus und das Streben nach Weltherrschaft haben dem mutigen Autor wie auch 1988 dem Schriftsteller Salman Rushdie eine Todes-Fatwa, eine Morddrohung durch islamische Gelehrte, eingebracht.

Bereits bis Ende Mai haben sich laut westlichen Schätzungen 12.000 militante Islamisten aus 81 Nationen den jihadistischen Gruppen in Syrien und Irak angeschlossen. Seitdem ist diese Zahl sprunghaft angestiegen. Laut deutschen und amerikanischen Sicherheitsexperten sei der Zustrom ungebrochen. Wie kommt es, dass in Deutschland und Österreich, Belgien und Dänemark, Frankreich und Großbritannien junge Menschen durch den Zugang zu Computern auf den Webseiten der Terrorgruppen verlockt werden und als Mörder oder Selbstmörder enden? Der amerikanische Islamexperte Paul Berman meint, wie auch Abdel-Samad, dass der Islamismus nach dem stalinistischen Kommunismus und dem Faschismus der dritte große Totalitarismus sei, mit seinem Traum von dem islamischen Weltreich.

Weder die militärischen Interventionen noch die polizeilichen Maßnahmen haben es bisher verhindern können, dass sich immer mehr Muslime den grausamen Extremisten anschließen. Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer: Am Wochenende haben die großen muslimischen Verbände in sieben deutschen Städten nach dem Freitagsgebet mit einer Mahnwache ein Zeichen gegen Hass und Gewalt gesetzt. Eine Distanzierung von den Terrorbanden der IS, aber auch ein Protest gegen Anschläge auf Moscheen in Deutschland. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 23.9.2014)

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