Lasst uns diskutieren - aber anders

Blog23. September 2014, 14:04
546 Postings

Ja, wir lesen meistens, was User schreiben - aber nicht immer wollen wir mitreden

Der Redakteur, sein Artikel und die Postings: Eine komplizierte Angelegenheit. So kompliziert, dass einige Journalisten sie lieber ignorieren. Ihr Job sei es, Texte zu schreiben, so das Argument - nicht, sich mit den Reaktionen darauf auseinanderzusetzen. Denn das sei nicht nur zeitraubend, sondern - und das unterstelle ich jetzt ganz allgemein: ein Nervenkitzel ("Kommt der Text gut an?", "Gibt es peinliche Fehler?"), existenzielle Fragen aufwerfend ("Wieso versteht meinen Text niemand?"), auch enttäuschend ("Wie kann man das bloß so verstehen?") und so weiter.

Aber natürlich, Postings zeigen andere Perspektiven auf, sind oft lustig und manchmal wirklich wertvoll. Sie durchzulesen ist mittlerweile ohnehin mehr Pflicht als Kür. Doch am Besten wäre es, so die aktuelle Auslegung des Journalismus, Redakteure würden noch einen Schritt weitergehen: Mitreden, mitdiskutieren, sich der Debatte stellen. Im Idealfall schaut dabei ein Mehrwert für beide Seiten heraus, Journalisten wie Leser. Am Weg dorthin gibt es aber einige Hürden, auch hier beim STANDARD. Zeit, dass wir sie gemeinsam angehen.

1. Flagge gegen Sexismus, Rassismus, Intoleranz zeigen

Jeder User hat das Recht auf freie Meinungsäußerung - nicht umsonst ein Grundsatz unserer Plattform. Aber die Freiheit des einen hört dort auf, wo andere beleidigt, bedroht oder unterdrückt werden. Also bei Rassismus, Sexismus und ähnlich demokratiefeindlichem Ideengut. Leider nutzt ein gewisser Prozentsatz an Usern das Forum nur noch dazu, Kommentare dieser (Un-)Art abzusetzen. Ein Prozentsatz, der sich gegenseitig verstärkt, indem User jener Masse ihren Postings gegenseitig eine grüne Bewertungswelle zukommen lassen, während Antworten auf das Posting rot niedergestrichelt werden. So erhalten die blödesten Kommentare manchmal die meisten grünen Striche. Und fertig ist die schiefe Optik.

Meiner Meinung nach handelt es sich dabei eher nicht um "klassische" Trolle, denn die wollen einfach nur provozieren – und tun das ab und zu sogar recht pointiert. Die User, von denen ich rede, sind vielmehr fanatische Verfechter ihrer eigenen Meinung. Sie haben kapiert, wie unser Foromat und die Forenregeln funktionieren (wird im Community-Bereich von derStandard.at ja auch transparent erklärt) und formulieren daher so, dass ihr Posting zwar "durchgeht", aber seine ideologische Botschaft für alle erkennbar ist. Meine Bitte an all jene User, die solches Gedankengut nicht teilen: Zeigt Flagge. Unterstützt uns Redakteure und Mitposter, wenn wir gegen verdeckt neonazistische, sexistische, homophobe Postings argumentieren. Denn ich bin davon überzeugt, dass liberal gesonnene, weltoffene, am Dialog interessierte Menschen hier im Forum die überwältigende Mehrheit stellen.

2. Mit dem Leser diskutieren - nicht mit dem Nichtleser

Der US-amerikanische Radiosender NPR hat sich heuer einen ganz besonderen Aprilscherz ausgedacht: Er postete den Link zu einem Artikel auf Facebook, dort sah man - wie auf Facebook so üblich - nur die Überschrift samt kurzer Einleitung. Unter dem Facebook-Posting: Hunderte Kommentare, darunter viele, die den Artikel scharf kritisierten. Der Clou dabei: Im verlinkten Artikel stand gar nichts - das Experiment sollte bloß zeigen, wieviele User Kommentare posten, ohne den Text zu lesen.

Natürlich passiert das auch auf derStandard.at oft. Und ich rede hier nicht von ellenlangen Artikeln, für deren Lektüre man mindestens eine Kaffeepause in Anspruch nehmen muss. Wer die Zeit hat, ein Posting zu verfassen, in dem er sich über fehlende Informationen ("Zensur") beschwert oder grobe Fehler unterstellt, könnte sich zuvor vergewissern, dass die eingemahnte Information im Text tatsächlich nicht vorkommt. Denn solche Postings laden den Redakteur nicht unbedingt zum Dialog ein.

3. User können Fehler gerne aufzeigen

Oft geht es hinter den Kulissen hektisch zu. Da erscheinen Eilmeldungen in letzter Minute, die wir sofort an unsere Leser weitergeben wollen. Dann bleibt wenig Zeit zum Gegenlesen. Jeder weiß wohl, wie schnell man in der Hektik Wortdreher fabriziert und überliest. Oder dass die Grammatik nach sieben Stunden Arbeit leidet. Dann erscheinen fehlerhafte Texte - täglich, stündlich. Manche User scheinen – so die paranoide Lesart - darauf nur zu warten. Die ersten Postings trudeln ein - und bumm: Natürlich geht es um den einen hatscherten Satz. Geht es darum, wie "deppert" und "peinlich" man eigentlich sein muss, Update Version 10.4.5 mit 10.4.4 zu verwechseln. Praktikant ist da noch eine der netteren Bezeichnungen (und eigentlich grundfalsch, denn Praktikanten wollen meistens einen so guten Eindruck machen, dass sie viel ausführlicher recherchieren und jedes Wort zwei Mal umdrehen).

Nicht falsch verstehen: Es ist wichtig, uns auf Fehler hinzuweisen. Ich bin froh, wenn der erste Poster etwas aufzeigt und der Text korrigiert werden kann, bevor ihn Tausende lesen. Und manchmal sind Fehler ja wirklich himmelschreiend komisch - mir ist z.B. ein grammatikalisch grandios verunstalteter Satz gelungen, als ich von der holprigen Sprache in Spam-Mails berichtete. Es gibt wohl keinen Redakteur, der solche Eigentore nicht lustig findet. Häme ist allerdings unangebracht: Wer diskutiert schon gerne mit jemandem, der einem vor einer inhaltlichen Stellungnahme oder der Möglichkeit zur Korrektur und Richtigstellung "absolute Inkompetenz" und "generelle Idiotie" (O-Ton) bescheinigt?

4. Es kann gut sein, dass sich User besser auskennen

Ein Punkt, der sehr eng mit dem vorigen zusammenhängt: Die Chance stehen sehr gut, dass sich einer der tausenden User auf einem konkreten Gebiet besser auskennt als der Redakteur. Unermessliches Allgemeinwissen ist 2014 selbst innerhalb einzelner Ressorts nicht mehr möglich. In meinem Bereich, dem Web-Ressort, ist die Bandbreite an Themen riesig: Da geht es um mobile Betriebssysteme genauso wie um Programmiersprachen, neue Geräte oder Datenschutz. In anderen Ressorts, etwa Wirtschaft, Innen- oder Außenpolitik, ist die Vielfalt an Subthemen um keinen Deut geringer.

Beschäftigt sich nun jemand – sei es beruflich, sei es privat – seit Jahren intensiv mit einem Thema, hat er in diesem Bereich natürlich mehr Fachwissen als der Redakteur. Beiträge dieser User sind eine von vielen Möglichkeiten, wie Forenpostings die journalistische Arbeit verbessern. Denn sie liefern Details und weitere Blickwinkel, die den Redakteur erfreuen – vor allem, da sie sie direkten Bezug zum bereits erarbeiteten journalistischen Material aufweisen.

Das Ziel nicht aus den Augen verlieren

Das Ziel heißt also: Qualitativ hochwertige Postings, durch die eine gehaltvolle Debatte entsteht. Und ab und zu eine Pointe, eine humoristisch überspitzte Bemerkung zwischendurch. Diesen Anspruch sollten wir alle – Redaktion, Community-Management wie User – nicht aus den Augen verlieren. Momentan heftig diskutierte Modelle wie eine Klarnamen-Pflicht scheinen diese Probleme nicht zu lösen – dazu muss man nur Diskussionen auf Facebook verfolgen, wo viele eindeutig identifizierbar sind und trotzdem hetzerische Aussagen tätigen.

Eine Paywall für (Extra-)Foren und mehr Interaktion mit Redakteuren ist ein anderer Ansatz, für den die Zeit aber vermutlich noch nicht reif ist. In diesem Bereich sorgt etwa das US-Onlinemagazin slate.com für Innovationen: Es bietet mit "Slate Plus" eine Art Bonusprogramm für zahlungswillige Nutzer. Sie erhalten für 5 Dollar monatlich zahlreiche Features und können etwa direkt mit Redakteuren chatten, in eigenen Foren diskutieren oder manche Artikel früher lesen. Ziel ist es, journalistische Inhalte zu finanzieren (Slate selbst ist kostenfrei abrufbar), aber auch eine engere Verbindung zwischen Redaktion und Leserschaft herzustellen.

Würde Sie so etwas interessieren? Was denken Sie: Wie können wir niveauvollere Debatten auf den Weg bringen? Wollen Sie überhaupt, dass Redakteure mitlesen und mitposten? Ich freue mich auf die Diskussion. (fsc, 23.9.2014, derStandard.at)

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  • Artikelbild
    foto: ap/ray stubblebine
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