Estonia-Unglück: Die Wahrheit liegt auf dem Ostseegrund

23. September 2014, 10:38
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Ursache und Verantwortung für das Sinken der Estonia sind auch zwanzig Jahre nach dem Fährunglück mit 852 Toten immer nicht restlos geklärt

Tallinn/Stockholm - Marge Rull war 25, ihre Tanzgruppe hatte gerade das erste Engagement auf einem Schiff erhalten. Voller Freude sagten die estnischen Künstler sogar zu, früher als vertraglich vereinbart, im Unterhaltungsprogramm der Estonia, einer mächtigen Ostseefähre zwischen Tallinn und Stockholm, aufzutreten. Der Schlussapplaus war keine Stunde alt, als das 157 Meter lange Reiseschiff in den frühen Morgenstunden des 28. September 1994 auf halber Strecke in schwerer See in extreme Seitenlage geriet. Um 1.22 Uhr setzte die Estonia den ersten Mayday-Notruf ab, eine halbe Stunde später dürfte der für 460 Pkws zugelassene Koloss bereits gesunken sein. 852 Menschen starben, nur 137 überlebten.

Wie Marge Rull von Bord kam, beschreibt sie in einem neuen Buch, das anlässlich des 20. Jahrestages der Katastrophe erschienen ist: "Als sich das Schiff neigte, war das wie ein Startschuss für mich. Ich dachte, ich muss hier raus." Immer wieder sei sie auf dem Weg von der Kabine auf das Außendeck wegen der Schieflage des Schiffes zu Sturz gekommen. Doch irgendwie schaffte sie es auf eine Rettungsinsel. Kapitän Avo Piht soll bis zuletzt Passagieren geholfen haben, er selbst konnte sich nicht retten.

Bugklappe abgerissen

Ursache und Verantwortung für das schwerste Unglück in der europäischen Schifffahrt der Nachkriegszeit sind bis heute nicht restlos geklärt. Es gibt auch keine gerichtliche Aufarbeitung. Sicher ist, dass die Bugklappe den hohen Wellen nicht standgehalten hat. Auch die Rampe, über die Autos in den Schiffsbauch fuhren und die hochgeklappt als Verstärkung diente, wurde laut schwedischer Untersuchungskommission weggerissen. Wassermassen drangen ungehindert ins Autodeck ein. In anderen Berichten war von einem falsch konstruierten Bugvisier die Rede. Im Endbericht der ebenfalls damit befassten Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt wird minderwertiges Material erwähnt.

Kollision mit U-Boot

Für eine Reihe von Theorien, darunter ein Zusammenstoß mit einem U-Boot oder ein Sprengstoffanschlag, wurden keine haltbaren Beweise gefunden. Mehr als zehn Jahre nach dem Unglück war bekanntgeworden, dass die unter estnischer Flagge verkehrende Fähre auch Militärtransporte durchgeführt haben soll. Daraus hatten sich Sabotagegerüchte entsponnen.

Was Angehörige der Opfer am meisten kritisieren, ist der Umstand, dass anfängliche Versprechungen, alle Toten zu bergen, nicht eingehalten wurden. Estland und Schweden haben das Wrack per Gesetz zum Massengrab erklärt. Bis auf die abgerissene Bugklappe wurde bis heute nichts geborgen.

"Wir wollen herausfinden, was geschehen ist", sagt Lennart Berglund, Vorsitzender der Stiftung Estonia-Opfer und Angehörige in Schweden. Trotz einer eigenen Estonia-Gruppe im schwedischen Parlament bekämen die Betroffenen im Reichstag bis heute keine Antwort. Auch bei der Schifffahrtsbehörde laufen keine Nachforschungen mehr. (dpa, simo, DER STANDARD, 23.9.2014)

  • Fast einen Monat nach dem Sinken der Estonia wurde im November 1994 die abgerissene Bugklappe geborgen. Der Rest des Wracks liegt bis heute vor Finnland auf dem Meeresgrund.
    foto: ap/ jaako avikainen

    Fast einen Monat nach dem Sinken der Estonia wurde im November 1994 die abgerissene Bugklappe geborgen. Der Rest des Wracks liegt bis heute vor Finnland auf dem Meeresgrund.

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