Wenn die Psyche den Körper besiegt

22. September 2014, 16:58
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In seiner Film-Doku "Attention - A Life in Extremes" begleitet Sascha Köllnreitner drei Extremsportler, die zu Luft, im Wasser und auf nicht immer ebener Erde das Schicksal herausfordern

Wien - Wenn eine Gesellschaft Angst vor der Zukunft hat, konzentriert sie sich auf die Gegenwart. Wer sich seiner Möglichkeiten zunehmend beraubt sieht, gibt der Gesellschaft die Schuld an seiner Unfreiheit. Es ist ein Paradox unserer Zeit: Noch nie war es einfacher, seine eigenen Wege zu gehen, doch noch nie war es schwieriger, sich von den anderen zu unterscheiden.

Die Helden unserer Tage sind jene, die sich gegen diese Gefahr zur Wehr setzen, indem sie diesen Mangel an Aufmerksamkeit kompensieren und dabei auf die einzige Ressource zurückgreifen, die ihnen möglich scheint - den eigenen Körper. Diesen bewusst einer Gefahr auszusetzen heißt, das Schicksal herauszufordern.

Wer also in einem speziellen Flügelanzug nur wenige Zentimeter an einer Felswand entlangsegelt, betreibt eine der gefährlichsten Extremsportdisziplinen der Welt. Wer ohne Sauerstoffflasche mehr als 100 Meter in die Tiefe taucht, nimmt das Risiko bleibender Schäden auf sich. Und wer knapp 5000 Kilometer und zwölf Tage lang fast ohne Schlaf am Fahrrad sitzt, hat sein eigentliches Ziel erst erreicht, wenn die Psyche den Körper besiegt.

In seinem Dokumentarfilm Attention - A Life in Extremes begleitet Sascha Köllnreitner drei Protagonisten, die zu Luft, im Wasser und auf nicht immer ebener Erde an diese Grenzen gehen. Der Norweger Halvor Angvik springt als Wingsuit-Flyer in den Abgrund, der Franzose Gulliaume Néry kämpft um Rekorde im Apnoetauchen, und der Österreicher Gerhard Gulewicz möchte in Rekordzeit Amerika mit dem Fahrrad durchqueren. Die Motivation für diese Lust an der Grenzerfahrung, das wird anhand der eingestreuten Interviewsituationen bald ersichtlich, ist zwar der jeweiligen Biografie geschuldet, für den Film jedoch von geringem Interesse.

Mögliche Erklärungen für das Treiben und den Antrieb der Männer überlässt Köllnreitner vorsorglich Experten aus den Bereichen Philosophie und Medizin, der Filmemacher konzentriert sich indes auf die Wirkung seiner Bilder: Die Unterwasserkamera macht das Mittelmeer zur geheimnisvollen Tiefe, an den Springern montierte Kameras rasen dem Erdboden entgegen.

Als Werner Herzog in Gasherbrum Reinhold Messner bei dessen Expedition begleitete, stellte der Gipfel ein für ihn nicht erreichbares Ziel dar. Herzog musste zurückbleiben und sich mit wenigen Bildern von Messners Gipfelkamera begnügen. Dem Verständnis für die Extremleistung tat dies keinen Abbruch. Attention muss 30 Jahre später möglichst alles zeigen und stößt dabei dennoch an seine eigenen Grenzen. Ab Freitag im Kino. (Michael Pekler, DER STANDARD, 23.9.2014)

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