Mitteleuropäische Bäume wachsen immer schneller

26. September 2014, 15:37
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Eine Studie auf Basis von Langzeitdaten zeigt, dass mitteleuropäische Bäume um bis zu 70 Prozent schneller wachsen als noch 1960

München - Vor drei Jahrzehnten war das "Waldsterben" in aller Munde: Das Überleben großflächiger Waldökosysteme schien auf dem Spiel zu stehen. Aktuelle Untersuchungen weisen allerdings eher auf ein beschleunigtes Wachstum als auf einen Kollaps der Wälder hin. Ob, wie und warum Waldbestände innerhalb des letzten Jahrhunderts ihr Wachstum veränderten, wird nach wie vor kontrovers diskutiert.

Geht es nach einer aktuellen Studie von Forschern der Technischen Universität Wien (TUM), dann laufen die typischen Entwicklungsphasen von Bäumen und ganzen Bestände nahezu unverändert ab; allerdings kontinuierlich schneller.

Die in "Nature Communications" veröffentlichte Untersuchung basiert auf Daten von Versuchsflächen, die seit 1870 systematisch beobachtet werden. Sie zählen damit zu den ältesten waldwissenschaftlichen Anlagen weltweit. Zudem repräsentieren die Waldflächen typische Klima- und Umweltbedingungen in Mitteleuropa.

Wärmeres Klima, längere Vegetationszeit

Für Fichte und Buche, jeweils die wichtigste Nadel- und Laubbaumart in Mitteleuropa, ermittelten die Forscher ein deutlich beschleunigtes Wachstum. Buchen entwickeln sich heute um 77 Prozent schneller als noch 1960, Fichten um immerhin 32 Prozent. Bei Betrachtung ganzer Bestände wuchsen die Buchen um 30 Prozent, die Fichten um 10 Prozent schneller. "Der Wert auf Bestandsebene liegt niedriger als das Wachstum einzelner Bäume, da - vereinfacht gesagt - größere Bäume mehr Platz brauchen, das heißt, die Gesamtzahl sinkt", erklärt der Leiter der Studie, Hans Pretzsch.

Die Wissenschafter führen das rapide Wachstum der Bäume auf das wärmere Klima und die längere Vegetationszeit zurück. Weitere Wachstumsmotoren sind Kohlenstoffdioxid (CO2) und Stickstoff, deren Konzentration seit 100 Jahren stetig ansteigt. "Interessanterweise haben wir beobachtet, dass der saure Regen das Wachstum unserer Versuchsflächen nur vorübergehend beeinträchtigt hat, der Eintrag von Schadstoffen wurde ja auch seit den 1970er-Jahren deutlich reduziert", sagt Pretzsch. "Allerdings liegen nur wenige unserer Versuchsflächen in den Kammlagen der Mittelgebirge - wo die größten Schäden zu verzeichnen waren."

Forstwirtschaftliche Anpassung

Die Bäume würden zwar schneller wachsen und altern, doch das Erscheinungsbild des Waldes ändere sich nicht, so die Forscher. Allerdings würden die selben Baum- und Bestandsgrößen wesentlich früher erreicht als in der Vergangenheit. Davon könnte die Forstwirtschaft profitieren: Die Zieldurchmesser und der bestmögliche Zeitpunkt der Bestandsernte würden demnach früher erreicht. Zudem lasse sich mehr Holz ernten, ohne das Prinzip der Nachhaltigkeit zu gefährden.

Allerdings ist die veränderte Zeitskala bislang nicht in die klassischen Ertragsmodelle der Forstwirtschaft eingeflossen, die das Wachstum nur in Abhängigkeit vom Alter betrachten. So besteht die Gefahr, dass der erhöhte Zuwachs gar nicht ausgeschöpft wird. Daneben ist das schnellere Wachstum und die frühere Alterung von Bäumen für das gesamte Waldökosystem von Bedeutung, wie Pretzsch erläutert: "Das bekommen besonders die Pflanzen- und Tierarten zu spüren, deren Habitate von speziellen Waldentwicklungsphasen und -strukturen abhängen. Höhere Mobilität kann für sie zu einer Lebensnotwendigkeit werden."

Eindeutiger Trend

Die Studie basiert auf insgesamt 600.000 Einzelmessungen an Bäumen seit 1870. Über einen so langen Zeitraum lässt sich am Wachstum der Bäume ablesen, wie sie auf die sich wandelnden Umweltbedingungen reagiert haben. "Obwohl die Versuchsflächen hinsichtlich Klima und Bodenbeschaffenheit variieren, lässt sich überall ein Trend zum schnelleren Wachstum erkennen", so Pretzsch.

Doch nicht nur die Versuchsflächen und der lange Beobachtungszeitraum machen die Daten interessant. "Wir betrachten die Bäume nicht isoliert, sondern immer in der Wechselwirkung mit ihren Nachbarn." So können die Forscher nachvollziehen, wie sich die Dynamik einzelner Bäume auf den ganzen Bestand auswirkt. Und um die Bestandsentwicklung geht es schließlich, sei es hinsichtlich Forstwirtschaft oder CO2-Speicherung. (red, derStandard.at, 26.9.2014)

  • Unter anderem mithilfe von Laser-Scans untersuchten die Forscher, wie sich Strukturen in Baumkronen verändern.
    foto: gerhard schütze/tum

    Unter anderem mithilfe von Laser-Scans untersuchten die Forscher, wie sich Strukturen in Baumkronen verändern.

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