Musikgeschichte im Zerrspiegel des Zerfalls

22. September 2014, 12:05
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Das Klangforum Wien startete seine Aboreihe

Wien - Auf ein Neues! Drei Tage nach dem Saisonauftakt mit dem Cleveland Orchestra und Franz Welser-Möst (welche ein Auftragswerk des Hauses an Jörg Widmann im Gepäck hatten) starteten im Wiener Konzerthaus die ortsansässigen Spezialisten für gegenwartsnahe Musikproduktion ihren siebenteiligen Abozyklus im Mozart-Saal: das Klangforum.

Ging man in der letzten Spielzeit stückemäßig auf "Langstrecke", so lautet die thematische Klammer nun "ImmigrantInnen". Hierbei wolle man "auf das Phänomen der Immigration mit Freude und Vergnügen schauen", erklärte Klangforum-Intendant Sven Hartberger freudvoll und vergnügt in einer Ansprache.

Mit dem Stück zaehmungen 2 des Argentiniers Eduardo Moguillansky wurde eröffnet. Der Bogen (der Streicher) spielt im Achtminüter des 1977 geborenen Komponisten eine große Rolle: Statt mit Pferdehaar ist er mit einem Tonband bespannt, statt über die Saiten wird er über einen Tonkopf gezogen. Durch unterschiedliche Schnelligkeiten des Strichs entstand eine lustige Welt an Blubber- und Zwitschergeräuschen.

Kaum mehr als grenzesoterisches Klimbim zwischen Archaik und Mystik offerierte Colonne d'Alba II des Rumänen Horatiu Radulescu; viel toller dann die Offrandes von Edgar Varèse für Sopran (Marisol Montalvo) und Kammerorchester aus dem Jahr 1921. Der Franzose ist hier ein fantastisch-surrealistischer Stimmungsmacher, zeigt Musikgeschichte im Zerrspiegel des Zerfalls.

Ameisenhafte Verfolgungsjagden, erhitzte Dschungelatmosphäre, großes Theater in Wolfgang Mitterers scan 1. Dann wurde es düster: Im halbstündigen Hauptwerk des Abends, Take Death, dreht Bernhard Gander die Situation von Igor Strawinskys "Altherrenfantasie" (Gander) Sacre du printemps um: Die geopferte Jungfrau wiederaufersteht und meuchelt ihre Peiniger (inklusive Herrn Strawinsky und den Komponisten selbst). Ganders Musik ist roh, hart, brachial, von metallener, männlicher Hässlichkeit und Härte: beeindruckend, aber auch etwas simpel, verglichen mit jener von Strawinsky. Patrick Pulsinger steuerte smarte Techno-Beats bei, das Klangforum Wien machte unter der akkuraten Leitung von Johannes Kalitzke mit großer Freude einen auf Brutalo.

Was aber haben die beiden Lienzer Gander und Mitterer mit dem Motto "ImmigrantInnen" zu tun? Da wäre man dann doch neugierig. (Stefan Ender, DER STANDARD, 22.9.2014)


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