Sozialer Hintergrund bestimmt die Bildungskarriere

22. September 2014, 10:16
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Die Herkunftsländer sind es nicht, vielmehr ist es die soziale Herkunft, die Bildung ermöglicht oder verbaut

Der soziale Hintergrund hat eine wesentlich stärkere Auswirkung auf die Bildungskarriere als das Herkunftsland der Eltern. Das zeigt die Studie "Perspektiven Bildung", deren Ergebnisse Studienautor August Gächter vom Wiener Zentrum für Soziale Innovation am Montag bei einem Vortrag bei der dritten Jahrestagung Migrationsforschung von Uni Wien und Akademie der Wissenschaften (ÖAW) präsentiert.

Dass die Bildungsbeteiligung sich in Österreich je nach der Herkunft der Eltern teils stark unterscheidet, ist bereits seit längerem bekannt. So haben sich laut den der APA vorliegenden Studiendaten im Schnitt knapp 93 Prozent der 15- bis 19-Jährigen mit österreichischen Eltern in den Jahren 2008 bis 2013 in formaler Ausbildung befunden, bei Jugendlichen aus der Türkei waren es hingegen nur 67 Prozent.

Was die Unterschiede macht

Das Ziel Gächters war es nun zu klären, worauf diese Unterschiede zurückzuführen sind: So sind zwar bei einem Vergleich nach Herkunftsland der Eltern 26 Prozentpunkte Unterschied zwischen der Gruppe mit der geringsten Bildungsbeteiligung (Schüler mit Eltern aus der Türkei) und der Gruppe mit der höchsten (Schüler mit österreichischen Eltern) zu beobachten. Werden allerdings bestimmte Faktoren (unterschiedliche Geschlechterverteilung, Staatsangehörigkeit, Länge der Aufenthaltsdauer) herausgerechnet, sinkt der Unterschied bereits auf 21 Prozentpunkte.

Noch deutlich kleiner wird der Abstand, wenn man berufliche und soziale Situation der Eltern sowie soziale und wirtschaftliche Situation des Haushalts berücksichtigt: Nur noch fünf Prozentpunkte können dann auf die Herkunft der Eltern zurückgeführt werden.

Auftrag ans System

Bei gleichen sozialen und wirtschaftlichen Umständen würden damit nur noch "sehr kleine Differenzen" bei der Bildungsbeteiligung erhalten bleiben, beschreibt Gächter. Geht es nach ihm, müsste das Bildungssystem alles daran legen, eine Benachteiligung durch unterschiedliche Ausgangsbedingungen auszugleichen.

Doch: "Das tut es sichtlich nicht. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sie sogar erst erzeugt." Denn es sei unklar, ob die unterschiedliche Bildungsbeteiligung durch die soziale und ökonomische Situation per se zustande kommt oder durch die Reaktion des Umfelds und vor allem des Schulpersonals.

Ebenfalls untersucht hat Gächter die Unterschiede nach Herkunftsländern beim Besuch von höheren Schulen (AHS, berufsbildende höhere Schulen/BHS). Zwar ist auch hier der soziale und wirtschaftliche Hintergrund entscheidender Faktor, zusätzlich spielt auch der Wohnort (vor allem Wien oder nicht) eine wichtige Rolle.

Was die Eltern wichtig finden

Trotzdem bleiben auch nach Eliminierung diverser Einflüsse noch immer 15 Prozentpunkte Unterschied zwischen dem Anteil an Schülern mit dem geringsten Anteil an Schülern in maturaführenden Schulen (Eltern aus Serbien, Kosovo und Montenegro) und dem höchsten (Schüler mit Eltern aus "sonstigen" Ländern, oft Flüchtlingskinder aus Afrika und Asien mit gut gebildeten Eltern - diese haben sogar höhere Werte als Kinder österreichischer Eltern).

Eine an Daten geprüfte Erklärung für diesen Abstand der Schüler mit serbischen, kosovarischen und montenegrinischen Wurzeln kann Gächter zwar nicht liefern, Thesen hat er allerdings. So könnte es daran liegen, dass deren Eltern mehr Gewicht auf manuelle Arbeit mit greifbaren Produkten legen und nicht denselben "Bildungsehrgeiz" hätten wie etwa Eltern aus der Türkei.

Außerdem sei ihm von türkischen Müttern erzählt worden, dass sie ihr Kind auch ohne Empfehlung für das Gymnasium an einer AHS angemeldet haben. "Entgegen des Klischees ist die Autoritätsgläubigkeit, in diesem Fall gegenüber den Lehrkräften, bei ihnen nicht sehr ausgeprägt, bei der Bevölkerung aus dem ehemaligen Jugoslawien eher schon." Dazu komme, dass große Bildungsunterschiede den Zusammenhalt innerhalb der Familie gefährden können. Eltern aus der Türkei schienen da "risikofreudiger und selbstbewusster" zu agieren, so Gächter. (APA, 22.09.2014)

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