Nacktfotos versenden: Doppelmoral und heterosexuelle Stereotype

22. September 2014, 10:08
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Kommunikationswissenschafterin Brigitte Hipfl über das Sexting-Dilemma von Mädchen - und wie die (Medien-) Pädagogik damit umgehen sollte

Die Ergebnisse ihrer Studie, in der sie Jugendliche zu Sexting (dem digitalen Versenden von sexuell konnotierten Bildern oder Videos) in den USA befragten, haben Julia Lippman und Scott Campbell unlängst so zusammengefasst: "Damned if you do, damned if you don’t ... if you are a girl." Sie verweisen damit auf die Doppelmoral, die Sexting zu einer Praktik macht, die für Mädchen und Burschen unterschiedliche Implikationen hat.

Stereotype heterosexuelle Geschlechterdynamik

Das Verschicken intimer Fotos von sich beziehungsweise die Aufforderung, solche Fotos zu machen und weiterzuleiten, ist bei den Heranwachsenden inzwischen Teil des Flirtverhaltens geworden. Nicht nur Lippman/Campbell, sondern auch andere Studien weisen darauf hin, dass diese Praktiken jedoch von einer stereotypen heterosexuellen Geschlechterdynamik gekennzeichnet sind.

Kompliment ...

Mädchen finden sich in einem Dilemma: So wird die Aufforderung eines Burschen, ihm ein Bild des nackten Busens zu schicken, trotz der Frustration darüber, auf den Busen reduziert zu werden, von den Mädchen als Kompliment und Anerkennung begehrenswerter Weiblichkeit wahrgenommen.

... und Abwertung

Gleichzeitig sind Mädchen in dieser Situation damit konfrontiert, ihre Reputation als anständige Mädchen zu wahren und ihren Ruf nicht aufs Spiel zu setzen. Denn Mädchen, die tatsächlich ein Bild verschicken, werden von den Burschen abgewertet und als sexual aktiv und nuttig bezeichnet.

Als Freundinnen bevorzugen sie Mädchen, die nicht den Ruf haben, sexuell aktiv zu sein. Die Bewertungen, die die Mädchen selbst vornehmen, fallen ähnlich aus – sie schreiben Mädchen, die Nacktfotos verschicken, mangelnden Selbstrespekt zu. Auch die öffentliche Diskussion ist dominiert von der Sorge um die Reputation und Moral der Mädchen, nicht jedoch um die der Burschen.

Bei den Burschen wird höchstens problematisiert, dass sie das Bild eines Mädchens trotz des Versprechens, es für sich zu behalten, anderen Jungen zeigen. Gleichzeitig gilt der Besitz von Nacktfotos bei Burschen jedoch als Ausdruck des Erfolgs bei Mädchen, womit sie bei ihren Geschlechtsgenossen punkten können.

Widersprüchliche Anforderungen

Die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten und ethischen Positionen für weibliche und männliche Heranwachsende, die bei Sexting deutlich werden, sind von kulturellen Vorstellungen gespeist, die insbesondere die jungen Frauen mit widersprüchlichen Anforderungen konfrontieren.

Dies sind einmal traditionelle Vorstellungen, die Männern eine aktive, Frauen eine passive Rolle im Sexualverhalten und dem weiblichen Körper die Funktion der Reproduktion einer (nationalen, ethnischen, religiösen) Gemeinschaft zuschreiben. Damit ist nicht nur gemeint, dass Frauen Kinder auf die Welt bringen und damit zum Fortbestand einer Gemeinschaft beitragen, sondern auch, dass Frauen durch ihr Verhalten, durch ihre Kleidung etc. eine Gemeinschaft in angemessener Weise repräsentieren. Dazu kommt, dass die Figur des Mädchens als Verkörperung kindlicher Unschuld gilt und die sexualisierten Bilder in den Medien als Gefahr gesehen werden.

Der Druck der Medien

Wie etwa die britischen Kulturwissenschafterinnen Angela McRobbie und Rosalind Gill betonen, vermitteln die Bilder von Weiblichkeit in der Populärkultur (von Musikvideos, Filmen und Fernsehshows bis zu Mädchen- und Frauenzeitschriften), dass Sexy-Sein wesentlicher Bestandteil gesellschaftlich anerkannter Weiblichkeit ist. Daraus erwächst ein starker Druck für Mädchen, sich als sexy zu präsentieren beziehungsweise als sexy wahrgenommen zu werden.

Gleichberechtigter Umgang

In die Diskussionen über Sexting und in die (medien-) pädagogische Arbeit mit Jugendlichen sollten die ungleichen kulturellen Rahmenbedingungen für Mädchen und Burschen einbezogen werden und Möglichkeiten eines konstruktiven, gleichberechtigten Umgangs mit sexuellem Begehren entwickelt werden. Technische Ansätze wie zum Beispiel Snapchat, eine App, mit der sich die verschickten Fotos nach dem Anschauen auflösen, greifen zu kurz.

Brigitte Hipfl ist ao. Univ.-Prof. für Medienwissenschaft am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Klagenfurt und Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Kommunikationswissenschaft (ÖGK).

  • Brigitte Hipfl.

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