Ein Brunnen, der für die Viennale fließt

21. September 2014, 17:05
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Der portugiesische Regisseur Manoel de Oliveira hat den heurigen Trailer gestaltet

Wien - Ein städtischer Brunnen aus Stein mit zwei Teufelsköpfen, deren Münder Fontänen in ein kleines Becken speien - rund eine Minute lang. Der Trailer der diesjährigen Viennale (23. 10. - 6. 11.) ist ein Beispiel für Simplizität: Ungestört fließt das Wasser ins Becken, das beruhigt den Blick, er kommt mit der plätschernden Bewegung zur Ruhe, und die Gedanken tun es ihm gleich. Er heißt, wie treffend: Chafariz das Virtudes, "Der Brunnen der Tugenden".

filmfestivalviennale

Der Barockbrunnen steht in der portugiesischen Stadt Porto. Das ist auch der Geburtsort des mittlerweile 105-jährigen Regisseurs Manoel de Oliveira, der seit unglaublichen 83 Jahren Filme dreht. Für seinen bislang letzten, "O velho do restelo" (The Old Man of Belem), einen 18-minütigen Kurzfilm, der Anfang September auf dem Filmfestival von Venedig seine Weltpremiere feierte, hat man das Wasserspiel eigens restauriert und wieder aktiviert.

Schelmische Meditation

In "O velho do restelo" ist der Brunnen freilich nur ein paar Sekunden lang zu sehen. Oliveira lässt darin vier historische Schriftsteller, Luís Vaz de Camões, Miguel de Cervantes, Camilo Castelo Branco und Teixeira de Pascoaes, in einem Garten vor einem modernen Wohnblock aufeinandertreffen, um über ihre Werke zu räsonieren. Cervantes' burlesker Held "Don Quixote" ist auch über alte Filmaufnahmen (in der Adaption des sowjetischen Regisseurs Grigori Kosinzew von 1957) zu sehen, das eigentliche Interesse gilt jedoch Luís de Camões' portugiesischer Nationaldichtung "Die Lusiaden", aus denen "Velho do restelo", "der Alte von Restelo", einen Teil darstellt. Oliveiras Film ist eine Meditation zu diesen Versen, weniger respektvoll als schelmisch im Gestus, eine freie Assoziation über Siege, Niederlagen, Liebe und Schicksalsschläge. Zugleich hält Oliveira Rückschau auf das eigene Werk. Der Brunnen selbst bleibt ein mysteriöses Symbol, er zeige die beiden Gesichter des Landes, heißt es im Film über ihn, "das keltische und das arabische Königtum".

Das muss man natürlich nicht wissen, um den Trailer für die Viennale genießen zu können. In seiner Reduktion vermittelt er nicht nur die lange Karriere seines Regisseurs, der dem Publikum so großartige Filme wie "Benilde, Mutter und Jungfrau" (1975), "Francisca" (1981) oder "Ich geh' nach Hause" (2001) geschenkt hat. Er steht auch für jene paradoxe Eigenschaft des Kinos, die Zeit festhalten zu können. Viennale-Direktor Hans Hurch nennt ihn ganz zu Recht den "vielleicht einfachsten und geheimnisvollsten aller bisherigen Viennale-Trailer". (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 22.9.2014)

  • Der "vielleicht einfachste und geheimnisvollste" aller ViennaleTrailer: Eine Minute lang fließt Wasser.
    foto: viennale

    Der "vielleicht einfachste und geheimnisvollste" aller ViennaleTrailer: Eine Minute lang fließt Wasser.

  • Dreht seit bereits 83 Jahren Filme: Manoel de Oliveira.
    foto: apa/silva

    Dreht seit bereits 83 Jahren Filme: Manoel de Oliveira.

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