"Heavy Bullets" im Test: Shooter-Spaß im LSD-Rausch

24. September 2014, 10:11
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Roguelike trifft Egoshooter mit Zufallsleveln und der Ästhetik eines Drogentrips

Eines jener Genres, die derzeit vor allem im Indiegames-Bereich eine kleine Renaissance erleben, ist der Spieltyp "Roguelike". Neben Spielen, die es klassisch mit "immer tiefer in den Dungeon" halten, gab es in den letzten Jahren auch einige originelle Kreationen, darunter etwa die fordernde Weltraumreise "Faster Than Light".

Statt ins All schickt Entwickler Terri Vellmann den Spieler im von Devolver Digital vertriebenen "Heavy Bullets" (Windows, Mac OS, Linux) auf die Reise zum Mainframe des Unternehmens Highrise, der außer Kontrolle geraten ist. Der befindet sich nicht im Computerraum nebenan, sondern im achten Tiefgeschoss.

screenshots: heavy bullets
screenshot: heavy bullets

Die Ausstattung des Protagonisten ist zu Beginn (genretypisch) eher kärglich. Eine Pistole mit sechs Schuss und eine Granate sind alles, was zwischen ihm und den Bewohnern der "Hunting Grounds" steht. Der zusätzliche Kniff: Zusätzliche Munition kostet Geld und ist nicht überall erhältlich, abgeschossene Patronen können aber wieder aufgesammelt werden.

Doch bevor man sich ernsthaft Sorgen um die eigene Munition machen muss - in der Tat wird das Arsenal potenziell erst ab etwa der fünften Ebene knapp - staunt man zuerst über den gewagten Grafikstil. Untermalt von Sound und Musik im Chiptune-Style bewegt man sich durch eine Lowpoly-Landschaft in der (mutmaßlichen) Farbgebung eines besonders wirren LSD-Trips oder den einen oder anderen Abschnitt von "Hotline Miami". Neontöne dominieren das Spiel, soweit da Auge weicht - im Laufe des Abstiegs driftet die Szenerie allerdings dann etwas in dunklere, rotstichigere Töne ab.

Für Screenshots ist die Grafik von "Heavy Bullets" freilich nicht gemacht. Unbewegt sieht das Ganze eher lieblos aus. In animierter Form allerdings erweist sich der klobige Farbenrausch als durchaus reizvolles Experiment.

pichler
devolverdigital

Eingängig ist auch die Spielmechanik. die der eines klassischen Egoshooters entspricht. Zwischen Levelstart und Abstieg ins nächste Geschoss stehen einerseits Monster, deren Vielfalt mit Fortschritt des Spiels zunimmt, und Abwehranlagen, die sich nun gegen den Protagonisten richten.

Die meisten Widersacher sind mit einem Schuss erledigt, allerdings sind oft nur an bestimmten Stellen verwundbar. Abwehrtürme haben etwa Energiebehälter, die es anzuvisieren gilt. Ein nashornartiger Gegner wiederum muss in Matador-Manier umtanzt werden, um sein empfindliches Hinterteil treffen zu können.

Die Level generiert "Heavy Bullets" übrigens prozedural, sodass man sich bei einem Neustart mit immer anderen Weg- und Feindkonstellationen konfrontiert sieht. Dabei variiert auch das Gameplay.

screenshot: heavy bullets
screenshot: heavy bullets

Obwohl "Heavy Bullets" ein schnelles Spiel ist, empfiehlt sich oft vorsichtiges Vorgehen. Nicht selten lauert ein Feind hinter der nächsten Ecke oder gut getarnt unter einem Busch. Besonders fies sind in diesem Kontext die "Snakeworms", die unscheinbar unter gleichfarbigem Pflanzenwuchs liegen und den Spieler nicht nur verletzen, sondern auch vergiften können. Eine Plage sondergleichen, vor allem, wenn man beim Durchmarsch vergisst, einen prüfenden Blick auf den Bodenbewuchs zu werfen.

Erledigte Widersacher hinterlassen Beute in Form von Münzen. Diese lassen sich auf herumstehenden Automaten reinvestieren. Diese erlauben je nach Typ entweder den Kauf von Munition, Extrawaffen oder Heilmittel. Neben der Pistole und Granaten kann der Spieler standardmäßig nur einen weiteren Gegenstand mitführen, sofern er keinen Rucksack erwirbt, der ihm einen zweiten Slot ermöglicht. Das zwingt zum Vorausdenken, denn manchmal ist eine Flasche Heiltrank einfach wichtiger als eine besonders starke Granate.

Noch langfristiger angelegt, sind die Bankautomaten. Sie erlauben die Einzahlung von Geld auf ein Konto. Diese steht dann nicht nur beim laufenden Versuch, sondern auch bei zukünftigen Ausflügen in Richtung Mainframe zur Verfügung. Auch ein "letzter Wille" lässt sich kaufen, der als eigener Gegenstand mitgeführt wird und die Vererbung von weiterem Inventar und Upgrades ermöglicht.

screenshot: heavy bullets
screenshot: heavy bullets

Ein Zwischending stellen Lebensversicherungen dar - sie bewirken, dass beim Ableben des Spielers ein prozentueller Anteil seines gerade mitgeführten Geldbetrages auf dem Konto landet. Das System erlaubt es, Geld zu horten, um sich irgendwann einmal gleich von Beginn an mit allem Benötigten für die beschwerliche Reise auszustatten.

Bonusgegenstände stehen oft auch so in den Levels herum, weswegen sich Erkundungsgänge meist lohnen. Ab und an finden sich Räume mit rotem Zutrittsterminal, für deren Öffnung eine gleichfarbige Karte von Nöten ist. Nur vereinzelt lässt sich mit einem beherzten Schuss auf den Sperrmechanismus die Türe auch anders entriegeln.

Technisch ist "Heavy Bullets" übrigens kaum etwas vorzuwerfen. Die künstliche Intelligenz ist wohl beabsichtigterweise nicht besonders hoch, denn auch so wird das Spiel bereits ab Stufe 3 durchaus fordernd. Ab und an verirren sich Geschosse durch Wände, scheinen dann aber keinen Schaden zu verursachen.

screenshot: heavy bullets
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Im Schnitt dauert eine Partie für einen erfahrenen, aber eingerosteten Shooter-Spieler zehn bis fünfzehn Minuten und endet in Level 3 oder 4. Alles darüber bzw. darunter darf dann eher als Kür zur Pflicht verstanden werden, zumal auf Ebene 4 auch ein Zwischengegner lauert.

Der Spielumfang mag nicht besonders groß sein - die Menge an verschiedenen Gegnerarten bleibt überschaubar und leider fehlt ein Multiplayermodus -, die Mixtur kitzelt den Ehrgeiz aber stark genug, um immer wieder zu einem Ausflug ins knallige Monsterland zu locken. Weswegen die zehn Dollar (DRM-frei über die "Heavy Bullets"-Homepage) bzw. 7,50 Euro (auf Steam) gut angelegt sind. (Georg Pichler, derStandard.at, 24.09.2014)

screenshot: heavy bullets
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