45.000 syrische Kurden an einem Tag in die Türkei geflüchtet 

20. September 2014, 11:43
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Hintergrund ist seit Tagen laufende IS-Offensive im Norden Syriens - Türkei befreite 49 Landsleute aus monatelanger Geiselhaft - Obama will bei UNO für Bündnis gegen Jihadisten werben

Istanbul/Damaskus - Die Türkei sieht sich mit einem gewaltigen Ansturm von Kurden konfrontiert, die aus Syrien vor der Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) fliehen. Der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmus sagte am Samstag dem TV-Sender CNN Turk, seit der Öffnung eines Grenzabschnitts am Freitag seien etwa 45.000 syrische Kurden in die Türkei gekommen.

Hintergrund ist eine seit Tagen laufende IS-Offensive im Norden Syriens gegen kurdische Milizen. Die sunnitischen Islamisten haben in Teilen Syriens und des Irak ein Kalifat ausgerufen und gehen dort mit Brutalität gegen alle vor, die sie als Ungläubige ansehen. Dazu gehören schiitische Muslime ebenso wie Kurden und Christen. Im Irak gelang es den Streitkräften inzwischen mit internationaler Unterstützung und der Hilfe kurdischer und schiitischer Milizen, die Gruppe teilweise zurückzudrängen.

Aktivisten: 18 IS-Kämpfer getötet

Bei den Gefechten sind nach Angaben von Aktivisten mindestens 18 IS-Kämpfer getötet worden. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Samstag mitteilte, bekämpften sich beide Seiten seit dem Vortag nahe Ayn al-Arab (Ain al-Arab), der größten kurdischen Stadt in der Provinz Aleppo. In der Region an der Grenze zur Türkei hatten IS-Kämpfer demnach in den vergangenen beiden Tagen etwa 60 kurdische Dörfer eingenommen.

Die türkischen Behörden hatten sich zunächst geweigert, die syrischen Kurden ins Land zu lassen. Nach Protesten sah sich Ankara jedoch gezwungen, am Freitag tausende Menschen passieren zu lassen, die sich seit Donnerstag an dem mit Stacheldraht bewehrten Grenzzaun gesammelt hatten.

"Ausnahme" wegen der Kämpfe

Die türkische Regierung sprach daraufhin von einer "Ausnahme" wegen der Kämpfe in Syrien. In den Wirren des syrischen Bürgerkriegs errichteten die Kurden in den von ihnen bewohnten Gebieten im Norden des Landes eine weitgehend selbst regierte Region. Diese mussten sie wiederholt gegen Attacken der IS-Milizionäre verteidigen.

Nach mehr als drei Monaten in der Gewalt der IS-Terrormiliz sind unterdessen 49 türkische Geiseln wieder frei. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan teilte mit, der Geheimdienst MIT habe die Geiseln während einer nächtlichen "Rettungsoperation" befreit.

Geiseln wieder frei

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte am Samstag bei einer Reise in Aserbaidschan nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi, die Geiseln seien bereits am Samstag in der Früh in die Türkei gebracht worden. Nähere Angaben zu den Umständen der Befreiung machten weder Erdogan noch Davutoglu.

IS hatte die Türken in ihre Gewalt gebracht, als sie am 11. Juni das türkische Generalkonsulat im nordirakischen Mossul stürmte. Unter den Gefangenen waren der Generalkonsul und seine Familie, andere Diplomaten und Sicherheitskräfte. Die Regierung in Ankara hat die Geiseln stets als Grund dafür angeführt, warum sie sich nicht stärker im internationalen Kampf gegen die sunnitischen Extremisten engagieren könne. Sie verhängte nach der Geiselnahme eine Nachrichtensperre.

"Wochenlange harte Arbeit"

Erdogan dankte dem Geheimdienst und der Regierung für ihre Anstrengungen in der Geiselkrise. Davutoglu sagte, die Befreiung sei das Ergebnis "tagelanger, wochenlanger harter Arbeit". "Dies war eine Maßnahme, die MIT mit seinen eigenen Methoden durchführte", sagte er. "Die Arbeit hat sich in den vergangenen Tagen intensiviert." Er brach seine Aserbaidschan-Reise ab und reiste von Baku aus in die südtürkische Grenzstadt Sanliurfa. Dort traf Davutoglu mit den freigelassenen Geiseln zusammen. Dort waren sie laut einem Reuters-Augenzeugen in den frühen Morgenstunden in Bussen vor dem Flughafen angekommen. Anschließend machte sich der Premier gemeinsam mit ihnen auf den Weg in die Hauptstadt Ankara.

Sicherheitskreisen zufolge wurden die Verschleppten an der Grenze auf syrischem Gebiet freigelassen, nachdem sie aus der ostsyrischen IS-Hochburg Rakka dorthin gereist waren. Einem Bericht des Senders NTV zufolge zahlte die Türkei kein Lösegeld. Bei der Befreiungsaktion sei es auch nicht zu Zusammenstößen mit den Islamisten gekommen.

USA bemühen sich um breite Allianz

Der NATO-Verbündete USA bemüht sich um eine möglichst breite Allianz gegen die Islamistenmiliz. Die Extremisten haben zwei US-Journalisten enthauptet sowie einen Entwicklungshelfer. US-Präsident Barack Obama will bei den Vereinten Nationen kommende Woche um die Bildung eines internationalen Bündnisses gegen die Jihadistengruppe "Islamischer Staat" (IS) werben. "Dies ist nicht allein der Kampf der USA", sagte Obama am Samstag in seiner wöchentlichen Radioansprache.

Die USA würden nicht zögern, im Irak und in Syrien zu handeln. Die ganze Welt müsse sich den radikalsunnitischen IS-Kämpfern entgegenstellen, forderte Obama.

Obama leitet Uno-Sitzung

Obama wird kommende Woche zur Generaldebatte der Uno-Vollversammlung nach New York reisen und dort auch eine Sitzung des Uno-Sicherheitsrat zur Bedrohung durch Jihadisten leiten. Der US-Präsident begrüßte am Samstag die Zustimmung des US-Kongresses zu seinem Plan, die moderaten Rebellen in Syrien durch Ausbildung und Bewaffnung zu stärken. "Diese Stimmen haben der Welt ein starkes Signal gesendet: Die USA begegnen dieser Gefahr gemeinsam", sagte Obama.

Washington will zudem in Syrien wie auch im Irak Luftangriffe auf IS-Stellungen fliegen, ohne allerdings mit der Regierung des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad zusammenzuarbeiten. "Wenn die Welt bedroht ist, wenn sie Hilfe braucht, ruft sie nach den USA und wir rufen unsere Truppen", sagte Obama in seiner Ansprache. (APA, 20.9.2014)

  • Hunderte Flüchtlinge warteten am Freitag an diesem syrisch-türkischen Grenzposten. Laut türkischen Angaben wurden an einem Tag 45.000 Menschen ins Land gelassen
    foto: reuters/tringer/turkey

    Hunderte Flüchtlinge warteten am Freitag an diesem syrisch-türkischen Grenzposten. Laut türkischen Angaben wurden an einem Tag 45.000 Menschen ins Land gelassen

  • Bevor die Grenzen geöffnet wurden, kam es am Freitag noch zu Zusammenstößen mit den türkischen Sicherheitskräften
    foto: ap

    Bevor die Grenzen geöffnet wurden, kam es am Freitag noch zu Zusammenstößen mit den türkischen Sicherheitskräften

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