Abhängen

20. September 2014, 17:00
88 Postings

Nach dem schottischen Votum: Abhängen kann man auf vielerlei Arten - nur am Handy kann man es nicht

Abhängig oder unabhängig, das war für die Schotten in dieser Woche die Frage. Beim Verb "abhängen", von dem sich Abhängigkeit und Unabhängigkeit ableiten, haben wir es im Deutschen in Wahrheit gleich mit zweien zu tun (wenn auch bedeutungsmäßig engstens verwandten). Das eine, schwache (von: "hängen - hängte - gehängt") drückt ein Bewirken aus: Den haben wir aber sauber abgehängt! Das andere, starke (von: "hängen - hing - gehangen") beschreibt einen Zustand: Der Schmorbraten ist gut abgehangen. Seit die Jugendlichen das Wort gekapert und mit neuer Bedeutung aufgeladen haben ("in entspannter Atmosphäre seine Freizeit verbringen", Duden) muss es aber nicht mehr unbedingt nur der Schmorbraten sein, der am Wochenende entspannt abhängt.

Im Journalistenjargon hat das Abgehangene meist keinen Wohlgeschmack. Als der Spiegel im Sommer ein Gespräch mit dem deutschen Ex-Präsidenten Wulff publizierte, das sechs Wochen zuvor geführt worden war, wunderte sich die Berliner Zeitung: "Es ist schon kurios, wenn ein derart abgehangenes Interview (...) behandelt wird, als wäre es taufrisch."

Eine Bedeutung des (schwachen) "Abhängens" - "den Telefonhörer auflegen und das Gespräch beenden" - ist zum Aussterben verdammt; der Duden bezeichnet das Wort jetzt schon als "veraltet". Handys haben keine Telefonhörer, daher täte man sich mit dem Abhängen schwer. Ein bündiges Ersatzverb für das Beendigen des Gesprächs am iPhone steht noch aus. (win, DER STANDARD, 20.9.2014)

Share if you care.