Österreichs Radiogeschichte: Radio unser!

Essay20. September 2014, 13:00
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Die österreichische Radiogeschichte wird fleißig als etwas Besonderes im Land der großen Töchter und Söhne zitiert. Über ein Experimentierfeld, das demnächst seinen 90. Geburtstag feiert

Reden wir einmal über Lust. Die Lust am Kommunizieren der besonderen Art. Am Sich-Überschwemmen-Lassen von Information und Musik. An durchschauter, lieb-hinterhältiger, überraschender, verwirrend-verärgernder, schlicht sich anbiedernder Dramaturgie. Wobei man von deren Gestaltungsabläufen oder den Beteiligten sowieso nichts zu sehen bekommt. Wobei uns nur ein starres Kastel entgegentönt, etwas aus einem vielleicht rotäugigen Big Brother, uns gelegentlich direkt anredend, ähnlich gruselig-erotisch wie der Kubrick'sche HAL. Zutraulich, bald nur mehr vertraut tuend. Gemeinsamkeit anbietend zwischen Sinnlichkeit, Intellekt und schnödem Geblödel. Zudem, das legendäre, aus unserer Biedermeier-Untertanenmentalität stammende "Der Radio hat g'sagt" ist weiterhin eine Glaubensvoraussetzung für ziemlich viele.

Allein, das alles passiert als Offert, sogar als eines, um aneinander Lust zu haben, aber ohne sich später recht genieren zu müssen nach so einem vielfältigen, fordernden und vielleicht dabei erst spannend werdenden Konsum von Radio.

Oder reden wir über sehr persönliche Begleitungen. Radiohören ist (war?) ein individuell gestalteter Akt, einer gelegentlich sogar für Geist plus Seele plus Körper. Wir wachsen mit seinen Rahmenbedingungen auf und sind quasi unbewusst programmsicher. Der Mensch bekommt sein Radio mehr oder weniger gratis ins Haus. Seit ein paar Jahrzehnten akkompagniert es ihn sogar, freiwillig, überall und allemal mit erwarteten, feinen, verschmitzten Angeboten, mit kleinen Geschenken für Hirn & Empfindungen, nicht angreifbar, ungegenständlich. Aber prima! Man muss diese Informationen, Begleitungen oder doch Lüste nicht vor sich selbst oder vor anderen, selbst nach einem heftigen Konsum, argumentieren, sich gar schämen deswegen, sich rechtfertigen dafür. Wir dürfen uns beim Hineinziehen von Radio-Angeboten Kopfgenüssen und Propaganda, geistigen Forderungen und eher schnöden, sich räkelnden Werbungen hingeben.

Oder reden wir weiter, von Hörspielen als Theaterersatz, über Opern und Symphonien jenseits ihrer heiligen Hallen oder von der Teilhabe für Menschen aller Stände an der Weltgeschichte, reden über Radio als Geburtshilfestation für Popmusiken und Ort für Drohgebärden ganzer Regimes, zudem von Bierzeltstimmung und Fußballstadienroar radiofon durch den Äther hereingeholt in die gute Stube?

Oder scheu von brennenden Desiderata (später)? Vom sogenannten Zeitbudget (bald)? Von Kunst und abermals Lust (nach einigen Fakten)?

Kaum zu glauben, aber die Deutsche Stiftung für Zukunftsfragen (so heißt die tatsächlich) hat beim Wunschthema Freizeitgestaltung den Konsum von Radioprogrammen mit 90 Prozent ermittelt, noch vor Telefon und Internet, noch vor Gartenarbeit und Ausschlafen.

Das alles müsste man feiern. So dachten und denken Radioverantwortliche vor allem in Österreich. Tu felix Austria. Andere mögen in den Septembertagen 2014 ausschließlich die anstandsvolle Aufarbeitung gleich mehrerer Weltkriege betreiben oder in Vielfalt das Anheben eines Wiener Kongresses vor 200 Jahren beleuchten, durch welchen Europa, gültig bis heute, politisch sowie in allen Kunst- und Kulturfragen (einschließlich der Medienvorläufer) positioniert worden ist. Wir befeiern zudem 90 (sic) Jahre Radio, vor allem dasjenige aus, in und für Österreich, egal ob man hierorts schon Monate vor dem Herbst 1924 parallel zu England, den USA oder Deutschland herumprobiert hatte.

Aber dann, am 1. Oktober, soll es so weit gewesen sein! Vom Wiener Stubenring huschte für bereits ca. 10.000 Hörerinnen und Hörer das erste Signal an die Allgemeinheit. (Zwei zum Teil liebevoll-belustigende Dinge sind dem sofort anzufügen. Das initiale Ätherwort lautete "Hallo!"; die erste, ja notwendig noch live gesendete Musik war angeblich ein Wienerlied. Sowie, 90 Jahre später, jenes absurde Erinnerungs- und Feierdatum, warum? Weil manche Radiofreaks und Wellennostalgiker beruflich den Radiohunderter nicht mehr erleben werden, weil man gerade mit einem derart skurrilen Neunzigerfeiern von aktuellen Problemen des Mediums halbwegs gekonnt ablenkt?)

Allerdings, rümpfen wir jetzt nicht Nase und Ohren. Das Radio dieses Landes hat zumindest temporär eine saftige, kluge Sonderstellung erreicht. Die Aufarbeitung seiner Geschichte ist relativ dicht, sie wird gern als Erfolgsgeschichte gepriesen. Freilich, man tut sich aktuell natürlich ein bisschen schwer mit einer linearen Medienhistorie, schließlich besteht schon lange nicht mehr alles im Äther aus einem öffentlich-rechtlichen Agieren für Information-, Kultur-, Provinzglück-, Religiöses- oder Jugend-Suchende.

Neue, vor allem gewaltig erleichterte Produktionsbedingungen und eine fortschreitende Demokratisierung sowie die Geschäftemacherei verzahnter, scheinbar einander konkurrierender Medien und wachsende, vom Radio immer mit geweckte Gruppenbedürfnisse (heute nicht mehr vergleichbar mit Fernsehen oder Internet) führten zu einer vielen Konsumenten vor allem auf ferneren Kontinenten absurd scheinenden Situation, dass hierorts den öffentlich-rechtlichen, staatlicherseits finanziell geknebelten und die Föderalismus-Republik damit schnöde bereichernden Stationen eine Menge anderer gegenüberstehen, die sich ideologisch zwischen den modernen Opferaltären namens Kommerz und Transzendenz positionierten und bezahlen lassen.

Heldenepen

Trotzdem, die österreichische Radiogeschichte wird fleißig als etwas Besonderes im Land der großen Töchter und Söhne zitiert. Man lobt das Drahtlose des Beginns, die Aufhebung der Klassenschranken durch ein klassenloses oder besser klassenfreies Angebot, preist nostalgisch die vielgesichtige Ravag und spätere, wie Heldenepen vorgetragene Rundfunkreformen, freut sich aktuell am rasant entwickelten Digitalen und legt das Radio-Ohr weiterhin flott ans Geschehen, handelt es sich um Ministerrücktritte, Salzburger Festspiele, blödes Geplätschere in volkstümlicher Musik, um die Wetteraussichten gemixt mit Berichten über aktuelle Autobahnunfälle oder Sex zwischen Missbrauch und Gebrauch.

Reden wir lieber, wie versprochen, über jüngere Voraussetzungen, die sich um den abzufeiernden 90. Österreich-Geburtstag ranken, also etwas, das angeblich 90 Prozent unserer weitgespannten Freizeit und parallel plätschernd fast überall unser akustisches Berufsumfeld ausmacht.

Ab den späten 1960ern kam im Medienjargon und bei der Soziologie ein Wort auf, viel gebraucht und weiterhin brauchbar: Zeitbudget. Was locker für das kulturelle Verhalten der Menschen in der industriellen Gesellschaft als bestimmender Gradmesser herangezogen werden konnte, wurde auch für die Medien interessant, dann sogar (im Radio später allerdings weniger) eine mediale Planungsvoraussetzung per se.

Fragend: Was an Zeit, was von ihrer Zeit widmen Leute unterschiedlichen Alters, verschiedener Gesellschaftsschichten (Gender gab es damals noch nicht) im Angebot der Medien? Anhand der gewonnenen und gewinnbringend umgesetzten Erkenntnisse war bald selbst das immer mehr zum Sonderfall mit weitester Verbreitung mutierende Radio neu zu definieren (und aufzusplittern).

Allein? Programm-Machen zielt immer auf Gewinn ab, selbst bei Kulturwellen. Radio bewirkt und fördert Gruppendenken, später Fantum wie nichts anderes, man vergleiche die verschiedenen Musikkanäle und deren Arbeitshypothesen. Die unterschiedlich, aber nachdrücklich gestalteten Radioprogramme haben die Stadt-Land-Divergenzen mehr befördert als sonstige Provinzpossen-Föderalismen.

Das dann doch auf die Zeitbudgets hingetrimmte Radio kann den Massengeschmack bedienen und hinunterziehen, zugleich aber Kunst befördern, ja erzeugen (auch wenn neue, spezielle Radiomusik, Kunstradios an sich und avantgardistisch gestaltete Hörstücke verblassen sowie teure, aktuelle Ambitionen für interaktive Sender mit Wahlmöglichkeiten und einem Selbst-Programm-Zusammenstellen nicht wirklich funktionieren).

Und dann, das Radio hat zum globalen Kulturwissen beigetragen wie nichts sonst und zugleich Massen an Einzel- und Kleinkulturen vernichtet.

Reden wir also weiter vom alten Radio als erratischem Block, als Ort der Lüste und schnöder Unterhaltungen, für Informationen und zum intellektuellen Weiterspinnen, einem, der ab dem Punkt, als verschiedene nationale Frequenzen gerade erst möglich wurden, trotzdem sich akzelerierend auffächerte.

Von einem Medium, mit dem sodann mehr in Zeitbudgets und in Produktionsverhältnisse für Konsum eingegriffen wurde als mit jeder anderen Erfindung für Bild und Ton. Eines, das jenes vor allem unhinterfragte Schema kodifiziert hat, das heute die Medienlandschaft prägt: Information, Kultur, Unterhaltung. Eines, in dem die Schere weit klafft zwischen: Radio vorweg (so die mehr interne und oft nur wunschvolle Zielvorstellung) als eine "sinnliche Kunst" oder Radio als sich aufdrängende Begleitung für dich und mich.

Experimentierfeld

Reden wir wieder von der Lust? Davon, wie sehr ein beinahe selbstbefriedigendes Tun vor einem anonymen Mitteilungsbringer oder Befehlsgeber selbst in süßesten Gewändern die Zeit und ihre gerade aktuellen Moden oder Verhaltenkodizes der Epochen mit ihren Ideologien fürs Volk widerspiegelt(e). Es darf angenommen werden, dass sich gerade die Radiomacherinnen/Radiomacher mit ihrem Gegenstand deswegen schwerer tun, es ihnen schwerer gemacht wird, zugegeben, als das in anderen Medien der Fall ist: strenger kontrollierte Inhalte (wir denken an die leidigen Diskussionen über Prozente von Österreich-Musik oder an Tageszeit-Positionierungen von Anspruchsvollem), folgenschwerer observierte Quoten (was Kulturstationen strikt von sich weisen), heikle Programmstrukturen-Änderungen, die zudem von den Rezipienten geahndet werden (was noch immer für Verblüffungen bei der Medienforschung sorgt, doch Konsumentinnen/Konsumenten sind konservativ, gar spießig, bei allen Formaten).

Andererseits war Radio-Machen immer ein Experimentierfeld für mediale Zeitbudget-Entsprechungen, was auch zum willkürli- chen Zerschneiden von eingeführten Formaten geführt hat, veranstaltet zum Teil von Leuten, die wenig von der besonderen Dramaturgie des Mediums verstehen.

Faszinierendes nochmals. Es gibt die Musikmilliarde und aus der wieder rund eine Million an gut konsumierbarer, digital stets verfügbar-gewollter Musik. Drankommen tut ein minimaler Prozentsatz; das Hochpuschen von aktuellen Scheinhits aus der Pop- und Weltmusik-Ecke oder jener für das Volkstümliche ist hingegen gewaltig.

Der Niedergang vieler in öffentlich-rechtlichen Diensten stehender Kulturradio- oder Radiokulturabteilungen seit den 1990ern und oft in radices noch früher geschieht durch das mangelnde Vertrauen der Macherinnen/Macher dem Publikum gegenüber, Anspruchsvolles oder längere Formate überhaupt noch mitzubekommen. "Häppchen-Radio", "Scheibchen-Kultur" waren Schlagworte, die umgesetzt zum Teil ein Herabrasseln der Quoten bewirkt haben.

Auf der anderen Seite herrscht beim Radio eine generelle Scheu, die mitgeschleppten Tagesstrukturen grundsätzlich zu hinterfragen, sie vielleicht doch den wechselnden Zeitbudgets aktuell anzupassen und heilige Kühe (vor allem das Kulturradio besteht mindestens zu 60 Prozent aus eher wütend verteidigten, aber kaum je hinterfragten Sende- und Inhaltsbereichen), wenn schon nicht zu schlachten, so doch ins verdiente Ausgedinge zu schicken.

Geschmacksdiktate

So ergibt sich die scheinbar absurde Situation (in den öffentlich-rechtlichen Sendern, aber auch bei anspruchsvollen Privatstationen): Man ist vor allem bei Programmgestaltungen, anzupassen an das sich immer rascher verändernde Zeitbudget (noch dazu in einem Digitalmedium), konservativ wie kaum sonst wo. Man benützt aber parallel gerade das Radio als Experimentierfeld und zum Erzeugen weitflächiger Musik- und Literaturpräferenzen, versucht sich im Politischen, rauft bei simplen Standortfragen herum, hinterfragt aber seltener als anderswo innere wie äußere Hierarchien (nirgends im Medienbereich herrscht eine so strenge Befehlsstrukturenpyramide, vor allem was Geschmacksdiktate anlangt, wie in den meisten öffentlich-rechtlichen Stationen Europas).

Radio unterliegt außerdem Zensurrelikten wie kaum sonst in öffentlichen, sich doch aus einem wachsenden Demokratieverständnis plus Aufklärung ableitenden Institutionen. Wir vergessen jetzt einmal die Sender mit Ideologien zwischen Katholizismus und Islamismus sowie Kommerzprogramme im Grenzbereich faschistoider oder zumindest nationaltümelnder Ausrichtung. Aber die Medien, die öffentlich-rechtlichen an der Schwelle zum 90er vorneweg, unterliegen schon ob der Zusammensetzung ihrer Aktions- und vor allem Kontrollorgane Einflussbereichen wie keine vergleichbare Instanz. Man schmeißt sozusagen Ideologien, Lebenszeitargumente und Parteienkram in einen Topf. Und dass die staatlich anerkannten Religionen etwa in Deutschland einen noch viel größeren Einfluss auf Programminhalte haben als in Österreich, ist ein kleiner Trost.

Die 90-jährige Dame

Es verblüfft (daher?) auch nicht die Tatsache, dass Radio noch allemal als Katastrophenwarnungshauptvermittlungsträger (welch hübsches Wort) fungiert, dass seine besonderen, vor allem die intimeren Seelenbereiche der Menschen ansprechenden Moderatorinnen/Moderatoren zum recht persönlich reklamierten Besitzobjekt werden können, hingegen für Kulturpessimisten das Radio zum Spiegel ihrer Ängste und Wünsche, gelegentlich sogar zum möglichen Feind mutiert (eine Rolle, die es in Diktaturen oder Kriegssituationen spielen kann.)

Andererseits, Radio vermittelt wie kaum sonst ein Vermittler zu Spottpreisen oder überhaupt gratis die Teilhabe an Kultur oder aktuellen Common Senses or Interests einer Gesellschaft.

Reden wir daher noch einmal über die Lust, die vergehende. Da verschwinden, leider, blinkende Apparate, die mit der Leiste, wo Sendestationen draufstehen, die man weder kennt noch je wirklich drehend anwählen konnte. Trotzdem, das Technische adelt das Radio immer mehr. Können Sie sich vorstellen, beim Peilen mechanische Schwierigkeiten zu haben? Nicht weitgehend perfekte Klangeindrücke aus Studios zu kriegen? Oder gar ein schnödes Leben ohne ziemlich authentische Konzertwiedergaben bzw. Kollegs, eines ohne mindestens zehn aktuelle Meldungen von Orten aus aller Welt, pro Stunde, frisch?

Die 90-jährige Dame hinter dem Schleier der Membrane verbirgt mit solchen Zuckerln ihre Altersmühen, Standortprobleme und brennende, offene Fragen bei dienstlichen Voraussetzungen für die immer mehr auseinanderdriftenden Gruppen von fixen und freien Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern.

Und so fort und egal? Tu felix Austria hast noch immer ein Radio, das öffentlich wie privat diskutiert und wie nur hierortige Theater oder Austropop-Gruppen begleitet wird.

Allein - all die guten, feinen, tiefen usw. Radiohörerinnen/Radiohörer sind/wären doch für Psychoanalysen das vorzügliche Studienobjekt? Da schaffen sich Leute ihre Welt ohne vermittelbare Bilder und (!) ohne diese im argumentativen Notstand herzeigen zu müssen. Wobei diese "Welt" so ziemlich alles umfassen kann, was denkbar ist, heftig gewünscht oder ebenso abgelehnt, worauf mit Gier oder Coolness reagiert wird. (Otto Brussatti, Album, DER STANDARD, 20./21.9.2014)

Otto Brusatti, geb. 1948, ist seit 1982 freier ORF-Mitarbeiter. Arbeitete seit 1985 für sämtliche deutsch-sprachige öffentlich-rechtliche Stationen. Gestaltete dort auch (z. T. ausgezeichnete) umfangreiche Großprogramme.

  • Radiohören ist (war?) ein individuell gestalteter Akt, einer gelegentlich sogar für Geist plus Seele plus Körper.
    foto: standard/newald

    Radiohören ist (war?) ein individuell gestalteter Akt, einer gelegentlich sogar für Geist plus Seele plus Körper.

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