Erziehen heißt nicht verletzen

Kolumne21. September 2014, 17:00
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Warum manche Erziehungsmethoden die Seele der Kinder nachhaltig verletzen können – und warum das Verhalten von Kindern immer das Produkt ihrer Beziehung zu den Eltern ist

Frage:

Unsere Tochter ist fast vier Jahre alt und wir führen ein sehr aktives Leben. Wir sind eine jener Familien, die den täglichen Konflikt zwischen Arbeit und Familie gut kennen.

Grundsätzlich sind wir der Ansicht, dass Kinder gute und solide Rahmenbedingungen brauchen. Dass etwa unsere Tochter Tischmanieren lernt und sich bei Tisch gut benehmen sollte. Über lange Zeit war das ein Drama, weil Sie nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen und richtig essen wollte. Ich denke, wir waren sehr klar mit unseren Erwartungen an sie und haben ihr oft erklärt, warum das notwendig ist, dass sie lernt, schön zu essen.

Jetzt haben wir eine "Time-Out-Methode" eingeführt. Dabei bringen wir sie vor dem Essen in ihr Zimmer und schließen die Türe zu. Nach ein paar Minuten kommen wir wieder. Zuerst hat sie laut geschrien, danach wurde sie immer sehr ruhig, aber wütend. Das Essen nimmt sie dann sehr widerwillig zu sich. Sie macht auch eher, was wir wollen, aber die Stimmung ist nicht so, wie wir sie gerne hätten. Machen wir etwas falsch?

Antwort:

Meine unmittelbare Antwort auf Ihre Frage ist ein klares "Ja!". Lassen Sie mich zunächst erklären, warum – und es dann mit einer Alternative versuchen. Stellen Sie sich einen Ausflug mit einem Hubschrauber vor und betrachten Sie die Situation von oben: Wir sehen zwei große, verantwortungsbewusste, intelligente Erwachsene in einem aussichtslosen Machtkampf mit einem vier Jahre alten Mädchen. Das steht in keinem Verhältnis! Erziehung als Machtkampf ist immer eine schlechte Idee, vor allem deswegen, weil alle drei Parteien dabei verlieren: die Eltern, das Kind und nicht zuletzt die Qualität Ihrer Beziehung – ganz unabhängig vom endgültigen Gewinner der Schlacht.

Das Verhalten von Kindern ist immer ein Produkt ihrer Beziehung zu ihren Eltern, auch sie wurden mit unterschiedlichen Eigenarten geboren. Wie wir uns entwickeln, hängt in erster Linie von der elterlichen Führung ab. Mit anderen Worten, die Verantwortung liegt bei den Eltern. Wenn ein Konflikt auftritt, so ist es nie die Schuld einer Partei. Wenn ein Konflikt zwischen Erwachsenen und Kindern auftritt, so tragen die Erwachsenen die Verantwortung. Deshalb ist es unvernünftig und unverantwortlich, Ihrer Tochter die Schuld für die auftretenden Konflikte zu geben und für das, was passiert, wenn sie in die Isolation geschickt wird. Die Botschaft, die Sie ihr schicken, ist klar: Wir sind nicht glücklich mit der Situation – und es ist deine Schuld.

Schuld und Scham sind selbstzerstörerisch

Wenn Eltern in der Beziehung zu ihrem Kind frustriert sind, dann ist es nie die Schuld des Kindes. Erwachsene können jedoch einen Beitrag leisten, indem sie ihre Sicht auf ihre Verantwortung zu ändern. "Wenn dem Kind die Schuld gegeben wird, dann verletzten wir seine persönliche Integrität und verringern dabei seine Lebenskompetenz. Schuld und Scham sind beide selbstzerstörerische Gefühle. Sie sollten nicht in der Seele eines Kindes verankert werden.

Das heißt aber nicht, dass ich Sie für "unverantwortlich" halte – weit gefehlt! Es ist beispielsweise sehr verantwortungsbewusst, Ihrem Kind ein zivilisiertes Verhalten rund um den Esstisch beizubringen. Aber die Stimmung in einer Familie – auch zwischen Vater und Mutter – hängt nur selten von dem ab, was wir tun, sondern davon, wie wir es tun.

Die Einsamkeit moderner Kinder

Ich kenne Ihre Familie nicht und weiß somit nicht, was schief gelaufen ist. Es gibt Hinweise darauf, dass Sie sehr beschäftigt sind. Zu sehr damit beschäftigt, dass alles reibungslos läuft. Bis zu einem Punkt, an dem Ihre Tochter beginnt, sich nicht mehr als Bereicherung, sondern als Belastung für die Gemeinschaft zu fühlen. Diese Art von Einsamkeit der modernen Kinder erleben wir immer öfter. Später betrifft dies auch erwachsene Liebesbeziehungen: Wenn die gesamte Energie in Richtung Familie und Beruf gerichtet ist, verlieren wir die Erfahrung, uns wertvoll im Leben eines anderes zu fühlen. Vielleicht will Ihnen Ihre Tochter sagen: "Jetzt muss ich sie alle aufhalten! Früher hatten wir eine gute Zeit zusammen!"

Verletzen ist nicht Erziehen

Was auch immer sie Ihnen zu sagen versucht, ich schlage Folgendes vor: Setzen Sie sich mit ihr in einem ruhigen Moment zusammen und sagen Sie: "Wir waren uns so unsicher, was wir tun sollten und haben deshalb begonnen, Dich für etwas zu bestrafen, was nicht Deine Schuld ist. Wir sind sehr traurig darüber. Wir wissen noch nicht, was wir tun sollen, aber wir werden die Verantwortung übernehmen".

Die "Time-out-Methode" sieht einfach aus und sie scheint auch zu funktionieren. Aber nur für kurze Zeit. Wenn Erwachsene sehr konsequent und hartnäckig sind, dann kann die Wirkung auch sehr lange anhalten. Es funktioniert wie sonst auch, wenn Stärkere die Schwächeren verletzen, aber dafür wird später ein zu hoher Preis bezahlt. In der Regel erleben diese Kinder einen lebenslangen Kampf gegen Schuld, Scham und ein geringes Selbstgefühl und auch schlechte Beziehungen zu ihren Eltern. Diese Art der Verletzung hat nichts mit Erziehung zu tun. Die Wunden der Dressur an der Seele des Kindes kann kein Arzt wieder heilen.

Auszeit ohne Wegsperren

Eine gute Idee wäre es, sich eine Auszeit ohne "Wegsperren" zu nehmen. Wenn ein destruktiver Konflikt auftritt – wie zum Beispiel ein Machtkampf – dann können Sie mit dem Kind in ein anderes Zimmer gehen, sich hinsetzen und über die Dinge gemeinsam nachdenken. Wenn sich die Erwachsenen dabei ruhig verhalten, so sind es meist die Kinder, die zu kreativen Lösungen kommen.

Zum Abschluss eine gute Faustregel: Wenn Sie eine Methode für Ihr Kind in Erwägung ziehen, sollten Sie zuerst darüber nachdenken, ob Sie diese auch bei Ihren besten Freunden anwenden würden. Wenn die Antwort ein "Nein" ist, dann ist es wahrscheinlich auch eine schlechte Idee, diese Methode bei einem Kind einzusetzen. Es sei denn, Sie gehören zu dem Teil der Erwachsenen, die noch nicht erkannt haben, dass Kinder echte Menschen sind. (Jesper Juul, 20.9.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 5. Oktober.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich

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