Verwerfliches erkennen und es trotzdem tun 

19. September 2014, 19:24
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Beim Philosophicum Lech wird über jede Form von Schuld diskutiert - und über das durch verbotene Wünsche entstehende Schuldgefühl

Wir leben in einer Zeit, in der wir nicht mehr abschätzen können, was wir mit unserem Tun bewirken. Zumindest ist das aus der Formulierung "Nach dem Ende der Verantwortung" zu schließen, die nicht infrage, sondern als These in den Raum gestellt wurde, auf dem diesjährigen Philosophicum Lech. Sein Thema: "Schuld und Sühne".

Wo aber ansetzen, wenn es weder das Eine noch das Andere gibt? Bei den Erkenntnissen der Neurowissenschaften, bei Einsichten ins Unbewusste, bei Forschungen über menschengemachte Katastrophen, für die niemand etwas kann? Bei dem allem sicher auch, es hat Platz in einem Symposium, das traditionell einen breiten wissenschaftlichen Zugang zu philosophischen Themen ermöglicht.

Beim Auftakt am Mittwochabend ging es zunächst ganz an den Anbeginn und doch in medias res. "Gott hat den Adam erschaffen", so leitete Michael Köhlmeier am Mittwochabend seinen schon Tradition gewordenen Austausch mit Konrad Paul Liessmann ein. Der Schriftsteller interpretierte die Schöpfungsgeschichte und alte Mythen neu, der wissenschaftliche Leiter der Veranstaltung deutete seinerseits das Gesagte.

Chronik der Frustration

Die Genesis sei eine Chronik der Frustrationen, die den Menschen widerfuhren: die Notwendigkeit, Gut von Böse zu unterscheiden, die Augen zu öffnen für Geschehenes und Zukünftiges, die Nacktheit zu erkennen. Das sei der Austritt des Menschen aus der Natur, folgerte Liessmann. Wir können Verwerfliches erkennen und es trotzdem tun. Wir tun es oder lassen es zu für das angeblich größere Ganze, als "Kollateralschaden".

So ging das Pingpong der beiden vom Biblischen über in aktuelle Politik, von griechischen Sagen in Einsichten über die Triebstruktur der bürgerlichen Familie. Es war ein wildes und zugleich präzises Denken, assoziativ und doch stringent, das sie auf dem Podium des übervollen Lecher Kirchensaals vorführten.

Am nächsten Tag nahm der ehemalige Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle den Faden auf und präzisierte ihn. In seinem Festvortrag über das klassische Drama um Schuld und Sühne, Sophokles’ Ödipus, führte der Altphilologe vor, wie modern und anregend die Beschäftigung mit zweieinhalbtausend Jahre alten Problemen ist.

In dem Vatermord und seiner (Selbst-)Bestrafung sei bereits der Dualismus von Fühlen und Denken angelegt, der seither das Denken des Abendlandes prägt. Töchterle zeigte, wie man unschuldig schuldig werden kann. Damit kam er auch auf Freud und den von ihm formulierten Ödipus-Komplex: Das Schuldgefühl sei für unsere Existenz zentral, weil wir uns verbotene Wünsche zu-schulden haben kommen lassen.

Zentrale Frage der Verantwortung

Wie breit der Bergriff von Schuld gefasst werden kann, das führte Liessmann in seiner Einleitung vor. Es gibt die finanziellen Schulden, die man begleicht oder auch nicht (worauf man noch mehr schuldet), und es gibt die kleine Belohnung, die man paradoxerweise einleitet mit "Das schulde ich mir". Die Frage nach kollektiver Schuld sei zu stellen, die nach Schuldfähigkeit zu beantworten. Es gibt vor allem die zentrale Frage der Verantwortung. Sie ist mit Macht verbunden. Wer keine hat, braucht und kann sich nicht verantwortlich fühlen, wie Epiktet, einer von Liessmanns "Lieblingsphilosophen", einmal gesagt hat. Er braucht keine Antwort zu geben – im Wort "responsibility" ist dieser Aspekt noch deutlicher enthalten.

Wer Verantwortung trägt und wie und warum (nicht), das sollte auf dem Magna-Siemens- Impulsforum diskutiert werden. Die Liste der Teilnehmer – Ex-Vizkanzler und –Wissenschaftsminister Erhard Busek, der Hamburger Bischof Hans-Jochen Jaschke, der Anwalt Manfred Ainedtner und Christian Felber, Attac-Österreich-Mitbegründer und Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie – ließ vermuten, dass man schwer auch nur auf einen gemeinsamen Themen-Nenner kommen würde. So war es dann auch: Globalisierungskritik geriet an Selbstverantwortungsappelle, Politikverdrossenheit an juristischen Relativismus und das Ganze ein wenig aus dem Ruder. Die meisten Zuschauer fanden es jedenfalls spannend bis amüsant, sie wurden zu Widerspruch und Applaus gereizt. Die Bühne für die eigentlichen Fachvorträge war bereitet.

Diskrepanz zwischen Phantasie und Tat

Den Auftakt machte am Freitagvormittag die Literaturwissenschafterin Ekaterina Poljakova von der Uni Greifswald. Sie untersuchte die Diskrepanz zwischen Fantasie und Tat anhand von Dostojewskis Romanen, insbesondere dem, der dem diesjährigen Symposium den Titel gab. Die Quintessenz der Verstrickungen in der gedanklichen und der tatsächlichen Welt von Raskolnikow: Wünschen stehen einem nicht frei, auch nicht hehre Allmachtsfantasien und schon gar nicht deren Umsetzungen in die Tat. Und: Die Welt ist kein "schönes moralisches Ganzes" à la Kant mehr.

Maria-Sibylla Lotter, Philosophin der Uni Bochum, führte den Gedanken weiter. Möglicherweise habe das Schuldgefühl, das der Mörder in St. Petersburg vor 150 Jahren noch empfunden habe, in der modernen Gesellschaft abgenommen. Ob das schlecht sei? Nicht unbedingt.

Freikaufen von Strafe und Sühne

Die Zuhörer fragten: Ist Haftung mehr als eine persönliche Angelegenheit? Ja, man kann sich dem Rahmen, in dem Verbrechen geschehen, nicht einfach entziehen, auch wenn man nicht unmittelbar beteiligt war. Kann man sich von Strafe oder Sühne freikaufen? Nun, meinte Lotter, Formel-1-Chef Bernie Ecclestone habe gezeigt, dass es zumindest finanziell möglich sei – eine problematische Rechtslage; aber Schuldgefühle, ob oktroyiert oder nicht, würden die Schieflage auch nicht verbessern. Und, nochmals zurück zu den Romanen: Ist Gewissen ohne Gott ein Alptraum? Für Dostojewski schon, sagte Poljakova, also ein Widerspruch zum Kantschen Imperativ, der das sehr wohl zuließ.

Der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner (ETH Zürich) war am Donnerstagnachmittag verhindert. Doch Katharina Lacina (Uni Wien) vertrat ihn, fasste den von ihm analysierten Fall zusammen und las Passagen aus seinem Buch vor. Es ging um Andreas Dippold, einen Hauslehrer, der 1903 einen ihm anvertrauten 13-jährigen zu Tode prügelte. Er rechtfertigte seine Züchtigungen als Mittel gegen die "degenerative Krankheit" der Masturbation. Im Prozess kehrte sich sein wahnhaftes und aus heutiger Sicht pseudowissenschaftliches Weltbild gegen ihn – als nämlich die Medien mit durchaus fragwürdigen Argumenten ihn bereits aufgrund seiner Physiognomie vorverurteilten. Für die Medizin entstand eine neue Diagnose, der Dippoldismus. Für das gegenwärtige Thema ist relevant, wie sehr (Nicht)Schuld bzw. deren Vermutung in bestimmte Weltbilder eingebettet sind.

Dass wir, wie der Symposiumsuntertitel nahelegt, in einer "post-verantwortlichen" Ära leben könnten, erschreckte Michael Schefszyk (praktische Philosophie an der Leuphana Uni Lüneburg). Seine Ausführungen kreisten also darum auszuloten, inwieweit "Verantwortung, Schuld und historisches Unrecht" sehr wohl existieren. Er wertete unter anderem Aussagen von Nazi-Verbrechern und –Beamten aus, und er fragte nach der "Beschaffenheit und dem gegebenen Zustand" der jeweiligen Gehirne. Das Ergebnis: Wenn es für Befehlsempfänger nicht-tödliche Alternativen gab – und die gab es so gut wie immer –, dann sind moralische Argumente gerechtfertigt.

Damit war die Tür zu psychologischen und neurowissenschaftlichen Argumenten einen Spalt weit geöffnet. (Michael Freund/DER STANDARD, aktualisierte und ergänzte Fassung, 20.9.2014)

  • Peter Lorre in Sternbergs Klassiker "Crime and  Punishment" (1935), einer Verfilmung von Dostojewskis "Schuld und Sühne".
    foto: mary evans / picturedesk

    Peter Lorre in Sternbergs Klassiker "Crime and Punishment" (1935), einer Verfilmung von Dostojewskis "Schuld und Sühne".

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